Abzugserscheinungen

14. November 2012 11:07; Akt: 14.11.2012 15:10 Print

«Esel sind die Helikopter Afghanistans»

Die USA haben begonnen, ihre Heli-Flotte in Afghanistan zu verkleinern. Für die Soldaten heisst das, wieder auf Packesel umzusatteln. Der Abschied von der Hightech-Armee fällt schwer.

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Läuft alles nach Plan, werden bis Ende 2014 alle ausländischen Truppen Aghanistan verlassen haben. Bis dahin kann noch viel passieren, doch gewisse Abzugserscheinungen sind bereits zwei Jahre zuvor unverkennbar: Boten Helikopter-Schwärme lange ein gewohntes Bild am afghanischen Himmel, ist ihre Zahl inzwischen deutlich gesunken. Sie sind das effektivste Transportmittel im schwierigen Terrain am Hindukusch und haben bisher selbst die entlegensten Aussenposten problemlos mit Nachschub versorgt.

Damit wird bald Schluss sein. Mit dem Abzug der internationalen Truppen übernehmen afghanische Soldaten zunehmend die Verantwortung für manche dieser Aussenposten. Gleichzeitig müssen sie Wege finden, diese ohne Helikopter zu versorgen. Auf der Suche nach einem geeigneten Ersatz sind sie auf eine alte Lösung gestossen: «Esel sind die afghanischen Helikopter», sagte ein afghanischer Oberst gegenüber der «Washington Post».

Afghanen wollen modernes Kriegsgerät

Hunderte dieser treuen Grautiere sind bereits im Einsatz und bringen Soldaten Wasser, Essen und Munition. Die Amerikaner hofften ursprünglich, damit ein «nachhaltiges, afghanisches» Modell gefunden zu haben, das die Versorgung der zahlreichen Aussenposten nach ihrem Abzug sichern würde. Die aghanische Führung ist darüber nicht glücklich: Sie hat sich an die modernen Waffen der Nato-Truppen gewöhnt und will auf manche Annehmlichkeit nicht mehr verzichten.

Laut «Washington Post» wollen die Afghanen Nachtsichtgeräte, schwere Waffen undSprengstoff-Detektoren, doch die USA sind nicht bereit, dafür zu bezahlen. Mit den über 50 Milliarden Dollar, die Washington im vergangenen Jahrzehnt in die afghanische Armee investiert hat, hat diese vor allem Fahrzeuge und Gewehre gekauft. Doch ganz zuoberst auf ihrer Wunschliste stehen Helikopter, von denen sie ganze 31 besitzen – ein Klacks gegen die mächtige US-Flotte in Afghanistan. Ob sie mehr bekommen, ist ungewiss.

US-Armee arbeitet an «Esel-Problem»

Leider scheint die afghanische Armee zudem in den zehn Jahren Hightech-Krieg ihre ureigensten Fähigkeiten verlernt zu haben. Über eigene Esel verfügt sie nicht mehr - sie mietet die überlebenswichtigen Tiere von Bauern. Einige dieser Subunternehmer haben seit bald einem Jahr kein Geld mehr für ihre Dienste gesehen und überlegen sich, von ihren Verträgen mit der Armee zurückzutreten.

Ohne Geld keine Esel, ohne Esel kein Nachschub, ohne Nachschub keine Aussenposten und ohne Aussenposten keine Verteidigung gegen die Taliban. Diese Kausalkette wird innerhalb der US-Truppen inzwischen als «Esel-Problem» bezeichnet, an dessen Lösung hektisch gerarbeitet wird. Einige können sich der Ironie nicht erwehren: «Wer hätte gedacht, dass am Ende dieses Krieges Esel-Verträge im Zentrum stehen?», sagte Oberstleutnandt Brandon Newton. Dafür sei er nicht ausgebildet worden.

Grundproblem Korruption

Das Grundproblem ist seit langem bekannt: Irgendwo zwischen dem afghanischen Verteidigungsministerium und den Aussenposten verschwinden Gelder, Treibstoff, Ersatzteile und Waffen in den Taschen korrupter Beamter oder Offiziere. In Washington macht man sich offenbar keine Illusionen darüber, was dies für den näherrückenden Abzug bedeutet: Die afghanische Regierung werde nach 2014 wahrscheinlich nicht in der Lage sein, alle Armee-Aussenposten aufrechtzuerhalten, heisst es in einem aktuellen Bericht der US-Armee.

Esel im Einsatz in Afghanistan:

(Video: Youtube/themop11)

(kri)