Amoklauf in Kandahar

11. März 2013 16:52; Akt: 11.03.2013 17:30 Print

«Das Schicksal dieses Jungen geht mir ans Herz»

von Adrian Jäggi - Vor einem Jahr tötete ein US-Soldat in Afghanistan 16 Menschen. Die Filmemacherin Lela Ahmadzai hat mit mehreren Hinterbliebenen des Verbrechens gesprochen. Die bewegende Video-Doku.

Ein Jahr danach: Die Dokumentation zum Amoklauf von Kandahar.

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Zur Zeit sind die Zeugen des Massakers in den USA, um im Vorfeld des Prozesses gegen den Amokläufer Sergeant Robert Bales auszusagen. Bevor die Hinterbliebenen aus zwei Dörfer rund um den Militärstützpunkt Camp Belambay in den USA aussagen, wurden sie von der Journalistin Lela Ahmadzai während einer Woche in ihrer Heimat interviewt. «Seit dem Tag des Verbrechens habe ich angefangen zu recherchieren. Ich wollte aber unbedingt die Geschichte von den Betroffenen selbst hören – wie sie sich vor ihren Augen zugetragen hat» begründet Ahmadzai ihre Recherche in Afghanistan. «Bis es soweit war, musste ich aber viele Schlösser knacken», blickt die in Berlin lebende Afghanin zurück.

Sie wohnte bis zu ihrem 17. Lebensjahr in Kabul und war darum auf keinen Übersetzungsdienst angewiesen – sehr wohl aber auf die Hilfe eines Journalisten vor Ort. Mamoon Durrani kannte die Zeugen des Massakers bereits. Er war am Tag danach vor Ort. Die Hinterbliebenen der Opfer – mehrheitlich Bauern samt Frauen und Kinder aus ärmlichen Verhältnissen – leben aber mittlerweile nicht mehr in ihren Dörfern in der Provinz Kandahar. «Aufgrund des Erlebten fühlen sie sich nicht mehr in der Lage, dort zu wohnen», sagt Ahmadzai. Dennoch schaffte sie es mit der Unterstützung Durranis, mit ihnen in Kontakt zu treten. «Wir konnten mit je einem Überlebenden aus den drei angegriffenen Häuser sprechen.»

«Wir wollen ihn hängen sehen»

Die Gespräche erstreckten sich über eine ganze Woche – und die Bedingungen waren erschwert: «Mir wurde untersagt zu Hause zu filmen und zu fotografieren. Also realisierten wir die Produktion an einem ruhigen Ort in Kabul», so Ahmadzai. Es habe rund drei Tage gedauert, bis sie den Respekt und das Vertrauen der traumatisierten Menschen spürte. Bauer Haji Mohammed Wazir verlor elf Familienmitglieder. «Ich war nicht zu Hause, als es passiert war», sagt er mit dünner Stimme. «Meine Mutter ist tot, meine Frau ist tot. Zwei meiner Söhne und meine vier Töchter auch.» Auch sein Bruder und dessen Frau und Kind wurden von Bales ermordet. Die Leichen hat er verbrannt. Wazir wünscht sich eine gerechte Strafe für den Amokläufer. «Wir hoffen, dass die amerikanische und afghanische Regierung den Täter gerecht betrafen werden. Wir wollen ihn hängen sehen.»

Der 15-Jährige Raffiulah überlebt den Kugelhagel von Bales verletzt – seine Grossmutter wurde tödlich getroffen. In dieser verhängnisvollen Nacht verliert er total vier Angehörige. «Warum? Was haben wir dir getan?», fragt Raffiulah. Er lebt mittlerweile wieder bei seinen Eltern und besucht die Schule. Den Vater verloren hat Hekmatullah. «Ich stellte mich schlafend und versteckte mich unter der Decke», erzählt der 10-Jährige. Bales zerrte seinen Vater aus dem Bett und erschoss ihn. Die letzten Worte des Vaters waren: «Habe erbarmen!» Das Schicksal des Kindes geht Lela Ahmadzai besonders unter die Haut. «Es gibt keine ärztliche und psychologische Betreuung für die Opfer», sagt sie. Der Kleine wirke verstört und träume oft vom Erlebten. Einziger Lichtblick sei, dass er neu die Koranschule besuchen dürfe, wo er lesen und schreiben lernt. Das Schicksal des Jungen geht ihr ans Herz.

Weiter in Kontakt bleiben

Ahmadzai will mit ihm und den anderen Kriegsversehrten im Kontakt bleiben – und auch in Zukunft regelmässig nach Afghanistan reisen und über deren Schicksal berichten – obwohl auch an ihr das ganze nicht spurlos vorbei geht. «Während der Produktionswoche in Afghanistan hatte ich jede Nacht heftige Bauchschmerzen. Die Emotionen und die extremen Erlebnisse waren enorm.» Es sei eine neue Erkenntnis für sie gewesen.