Dschochar Zarnajew

23. April 2013 13:41; Akt: 23.04.2013 13:57 Print

Das Protokoll vom Spitalbett des Attentäters

Er kann nicht reden, weil er an Hals und Zunge schwer verletzt ist. Doch auf eine einzige Frage gab Dschochar Zarnajew mündlich Antwort. Lesen Sie das Protokoll aus dem ersten Verhör am Spitalbett.

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FBI und Staatsanwaltschaft haben Dschochar Zarnajew am Krankenbett in der Bostoner Klinik Beth Israel verhört – schriftlich. Denn der 19-Jährige kann, offenbar nach einem Selbstmordversuch, bei dem er sich am Hals und Zunge schwer verletzte, nicht reden. Während der Anklageverlesung sei Zarnajew «wach, mental aufnahmefähig und bei klarem Verstand» gewesen, gab Richterin Marianne B. Bowler zu Protokoll. (Das erste Vernehmungsprotokoll lesen Sie hier.)

Auf die Frage, ob der infolge seiner Verletzungen sprechunfähige Angeklagte in der Lage sei, einige Fragen zu beantworten, habe er deutlich genickt. Die Fragen und Antworten wurden schriftlich zwischen Richterin Bowler und Zarnajews Verteidiger William Fick hin- und hergereicht.

Zarnajew: Tat vor Geisel gestanden

Zarnajew, aufgrund seiner Verletzungen zum Schweigen verdammt, brachte während dieser ersten Vernehmung dennoch ein Wort heraus: «Nein», antwortete er, als er gefragt wurde, ob er sich einen Anwalt leisten könne.

Der FBI-Bericht enthält ein besonderes Detail von der Flucht der Brüder aus Cambridge: Sie zwangen einen Autofahrer, sie mitzunehmen. Einer der Brüder habe ihn gefragt: «Haben Sie von der Explosion in Boston gehört? Ich habe das getan.»

Dschochar Zarnajew soll nun wegen des Gebrauchs von Massenvernichtungswaffen angeklagt und für den Tod von drei Menschen und die Verletzungen von 200 weiteren zur Verantwortung gezogen werden. Ihm droht die Todesstrafe.

Abgaben noch zu überprüfen

Nach der ersten Befragung kommen die Ermittler zum Schluss: Die Brüder waren von radikalislamischen Motiven geleitete Einzeltäter ohne Verbindung zu muslimischen Terroristengruppen. Das Motiv für den Anschlag soll aber in ihrem islamischen Glauben zu finden sein. Die Angaben Zarnajews müssten noch überprüft werden, betonten zwei Gewährsleute im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP.

Die Vorwürfe gegen den 19-Jährigen lauten auf Verschwörung zum Einsatz von Massenvernichtungswaffen mit Todesfolge, wie Justizminister Eric Holder mitteilte. Zudem wurden Dschochar und der am Freitag bei einer Verfolgungsjagd ums Leben gekommene Tamerlan Zarnajew beschuldigt, mit Schrapnellen gefüllte Dampfkochtöpfe als Bomben eingesetzt zu haben, bei deren Explosionen beim Zieleinlauf des Bostoner Marathons am vergangenen Montag 3 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt wurden.

Folgen für das Strafmass

Das Weisse Haus erklärte, Zarnajew werde nicht als sogenannter «feindlicher Kämpfer» vor ein Militärtribunal für ausländische Terroristen gestellt, sondern komme als US-Bürger vor ein Zivilgericht. Zarnajew, der seit gut zehn Jahren in den USA lebte und eingebürgert wurde, könne deshalb nicht vor ein Militärtribunal gestellt werden, erklärte der Sprecher des Weissen Hauses, Jay Carney. Er verwies aber darauf, dass seit den Anschlägen vom 11. September 2001 das Bundesjustizsystem dazu benutzt worden sei, Hunderte von Terroristen zu verurteilen und hinter Gitter zu bringen.

Für Dschochar Zarnajew hat das Konsequenzen bezüglich des Strafmasses: Nach Bundesrecht droht ihm die Todesstrafe. Im Staat Massachusetts, in dem Boston liegt, gibt es diese aber nicht. Die Justiz des Staates wird Zarnajew aber vermutlich noch wegen des Todes eines Polizisten der Universität MIT am vergangenen Donnerstag belangen.

Belastende Bilder

Dschochar und sein getöteter Bruder Tamerlan gelten als Hauptverdächtige der Bombenanschläge auf den Marathon von Boston. Zudem soll das Duo an der Eliteuniversität MIT einen Polizisten erschossen haben. Bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei wurde der 26-jährige Tamerlan im Feuergefecht schwer verletzt und erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Dschochar wurde nach einer Grossfahndung lebend gefasst, hat aber ebenfalls mehrere Schusswunden - am Kopf, am Hals, an den Beinen und an einer Hand.

Im Bericht der Bundespolizei FBI für die Gerichtsunterlagen heisst es, Dschochar Zarnajew sei von Überwachungskameras dabei gefilmt worden, wie er einen Rucksack nahe der Stelle der zweiten Explosion ablegte und dann sein Handy benutzte. Sekunden später gab es die erste Explosion und Panik ergriff die Menge. Zarnajew aber - im Gegensatz zu allen neben ihm befindlichen Menschen - wirkte ruhig und ging schnell weg, schrieb das FBI, das keine Angaben zum Motiv der Brüder machte. Aus dem Bericht ging auch nicht hervor, ob Zarnajew mit seinem Handy die Explosionen auslöste oder mit jemandem sprach. Beide Brüder hätten je einen Rucksack mit einer Bombe platziert.

(gux)