Ein Veteran klagt an

22. März 2013 14:14; Akt: 22.03.2013 15:42 Print

Mein letzter Brief

Thomas Young wurde im Irakkrieg schwer verwundet. Jetzt liegt der Friedensaktivist im Sterben und schreibt einen letzten Brief an George W. Bush – eine schonungslose Abrechnung.

storybild

Thomas Young in der Sterbeklinik (Bild: Claudia Cuellar)

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

An: George W. Bush und Dick Cheney
Von: Thomas Young

Ich schreibe diesen Brief am 10. Jahrestag des Irakkriegs und im Namen meiner Kameraden. Ich schreibe diesen Brief im Namen der 4488 Soldaten, die im Irak fielen. Ich schreibe diesen Brief im Namen der Hunderttausenden verwundeter Veteranen und im Namen jener, denen seelische und körperliche Wunden das eigene Leben zerstört haben. Ich bin einer von denen, die schwer verwundet wurden. Ich bin querschnittgelähmt, seit ich 2004 in Sadr City in einen Hinterhalt geriet. Mein Leben neigt sich dem Ende zu. Ich befinde mich in einer Sterbeklinik.

Ich schreibe diesen Brief im Namen der Männer und Frauen, die ihren Ehepartner verloren haben, im Namen von Kindern, die einen Elternteil verloren haben, im Namen von Vätern und Müttern, die Söhne und Töchter verloren haben und im Namen jener, die meine Tausenden Kameraden mit Hirnverletzungen pflegen. Ich schreibe diesen Brief im Namen jener Veteranen, deren Trauma und Ekel über das, was sie im Irak gesehen, ertragen und selbst gemacht haben, sie in den Selbstmord getrieben haben und im Namen jener Soldaten, von denen im Schnitt jeden Tag einer Selbstmord begeht. Ich schreibe diesen Brief im Namen der rund einen Million toten Iraker und der zahllosen irakischen Verwundeten. Ich schreibe diesen Brief in unser aller Namen – dieser menschlichen Trümmerlandschaft, die Ihr Krieg zurückgelassen hat. Im Namen jener, die den Rest ihres Lebens mit endlosem Schmerz und Kummer verbringen werden.

Ich schreibe diesen Brief, meinen letzten Brief, an Sie, Herr Bush und Herr Cheney. Ich schreibe nicht, weil ich glaube, dass Sie die schrecklichen menschlichen und moralischen Konsequenzen Ihrer Lügen, Täuschungen und Ihres Macht- und Geldhungers begreifen. Ich schreibe diesen Brief, bevor ich selbst sterbe, weil ich Ihnen klarmachen will, dass ich und Hunderttausende meiner Kameraden und Millionen meiner Mitbürger und Hunderte Millionen im Irak und Nahen Osten begriffen haben, wer Sie sind und was Sie gemacht haben. Sie mögen sich dem Zugriff der Justiz entziehen, aber in unseren Augen haben Sie sich ungeheuerlicher Kriegsverbrechen, Plünderungen und des Mordes schuldig gemacht, einschliesslich des Mordes an Tausenden jungen Amerikanern – meinen ehemaligen Kameraden –, die Sie ihrer Zukunft beraubt haben.

Ihre politischen Ämter, Ihre Millionen an Privatvermögen, Ihre PR-Berater, Ihre Privilegien und Ihre Macht vermögen nicht Ihre Charakterlosigkeit zu verbergen. Sie haben uns in den Kampf und in den Tod im Irak geschickt, Herr Cheney, nachdem Sie selbst sich vor der Einberufung nach Vietnam gedrückt haben, und Sie, Herr Bush, sich damals unerlaubt von Ihrer Einheit in der Nationalgarde entfernt hatten. Ihre Feigheit und Selbstsucht sind seit Jahrzehnten bekannt. Sie weigerten sich, für unser Land das eigene Leben aufs Spiel zu setzen, aber Sie schickten Hunderttausende junger Männer und Frauen in einen sinnlosen Krieg, so gedankenlos, wie man den Müll hinausbringt.

Zwei Tage nach 9/11 wurde ich Soldat. Ich tat es, weil unser Land angegriffen worden war. Ich wollte gegen jene zurückschlagen, die knapp 3000 meiner Landsleute umgebracht hatten. Ich wurde nicht Soldat, um in den Irak zu gehen, ein Land, das mit 9/11 nichts zu tun hatte und keine Bedrohung für seine Nachbarn, geschweige denn für die USA darstellte. Ich wurde nicht Soldat, um die Iraker zu «befreien» oder imaginäre Massenvernichtungswaffen auszuschalten oder etwas, was Sie zynisch «Demokratie» nannten, in Bagdad und im Nahen Osten zu installieren. Ich wurde nicht Soldat, um den Irak wiederaufzubauen, was mit dem Ölreichtum Iraks bezahlt werden sollte, wie Sie uns damals weismachten. Tatsächlich kostete dieser Krieg die USA über drei Billionen Dollar. Vor allem aber wurde ich nicht Soldat, um einen Präventivkrieg zu führen, was laut internationalem Recht illegal ist. Als Soldat im Irak beförderte ich, wie ich heute weiss, Ihren Schwachsinn und Ihre Verbrechen. Der Irakkrieg ist der grösste strategische Fehltritt in der amerikanischen Geschichte. Er hat das Kräftegleichgewicht im Nahen Osten zerstört. Er brachte eine korrupte und brutale pro-iranische Regierung an die Macht, die ihre Herrschaft mit Folter, Todesschwadronen und Terror zementiert. Der Iran ist nun die dominierende Regionalmacht. Egal in welcher Beziehung – moralisch, strategisch, militärisch und wirtschaftlich: Der Irakkrieg war ein Desaster. Sie, Herr Bush und Herr Cheney, haben ihn angefangen. Also sollten auch Sie die Konsequenzen tragen.

Ich würde diesen Brief nicht schreiben, wäre ich in Afghanistan verwundet worden, beim Kampf gegen jene Mächte, welche die Terroranschläge von 9/11 verübt haben. Wäre ich dort verwundet worden, würde ich mich zwar elend fühlen, wegen meines sich verschlechternden Gesundheitszustandes und nahenden Todes. Aber wenigstens hätte ich die Gewissheit, dass meine Verletzungen ein Resultat meiner Entscheidung sind, das Land, das ich liebe, zu verteidigen. Ich müsste nicht in meinem Bett liegen, den Körper voller Schmerzmittel, langsam sterbend, im Wissen, dass Hunderttausende Menschen, einschliesslich Kinder und ich selbst, von Ihnen geopfert wurden. Für wenig mehr als die Gier von Ölfirmen, für Ihr Bündnis mit den Ölscheichs in Saudi-Arabien und für Ihr wahnhaftes Streben nach einem Weltreich.

Ich habe wie viele andere Kriegsversehrte unter der unzureichenden und oft unfähigen Betreuung des Kriegsveteranenministeriums gelitten. Ich habe wie viele andere Kriegsversehrte begriffen, dass Sie und vielleicht alle Politiker sich nicht um unsere seelischen und körperlichen Wunden scheren. Wir wurden benutzt. Wir wurden verraten. Und wir wurden im Stich gelassen. Sie, Herr Bush, geben lautstark vor, ein Christ zu sein. Aber ist nicht die Lüge eine Sünde? Ist nicht Mord eine Sünde? Sind nicht Diebstahl und Egoismus Sünden? Ich bin kein Christ, aber ich glaube an christliche Ideale. Ich glaube, was man dem Geringsten antut, tut man letztlich sich selbst und seiner Seele an.

Mein Tag der Abrechnung naht. Auch Ihrer wird kommen. Ich hoffe, dass Sie vor Gericht gestellt werden. Aber am meisten hoffe ich, in Ihrem Interesse, dass Sie irgendwann den Mut finden zu akzeptieren, was Sie mir und vielen anderen angetan haben, die es verdient hätten, zu leben. Ich hoffe, dass, bevor Ihre Zeit auf der Erde endet, wie meine nun endet, Sie die Charakterstärke finden werden, sich vor die amerikanische Bevölkerung, die Welt und vor allem die irakische Bevölkerung zu stellen und um Vergebung zu bitten.

Genehmigter Abdruck von «The Last Letter», erschienen am 18. März auf «truthdig». Übersetzung: Kian Ramezani

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Was bleibt da noch zu sagen? Ausser der Frage, ist irgend ein Krieg gerechtfertigt? – R.L. aus M.

Danke für den Brief. Er erinnert, an Menschen, welche sich mit Ihrem ganzen Leben einsetzten und danach vergessen werden. – charly

Die neusten Leser-Kommentare

  • Erebos am 25.03.2013 21:38 Report Diesen Beitrag melden

    So wie wir sind..

    Wir können selbst nichts dafür, dass uns Medien grosse Staatsmänner und viele andere sich in unsere Gehirne geschlichen haben und dazu geführt haben, dass wir verraten wer wir selber sind uns auf unsere Gegenüber stürzen und die ganze Welt in ein Schlachtfeld verwandeln. Ich denke nicht nur sondern ich weis jeder Krieg egal aus welchem noch so winzigen Grund er auch geführt wird egal wie noch so gross die Lüge sein soll welche als Begründung dafür aufgeführt wird. Ein jeder ist nicht nötig und so möchte ich Thomas Young danken im Namen aller für diesen Brief welcher uns die Augen öffnet .

  • TomItomm am 25.03.2013 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    9/11 Unwissen

    9/11 von Mächten aus Afghanistan verübt worden? Das ist wohl auch ein Märchen. Das waren auch Bush und Cheney!

    • History am 25.03.2013 23:05 Report Diesen Beitrag melden

      9/11 wurde von Osama Bin Laden geplant

      "Verübt" wurde der Anschlag durch eine kleine Zahl radikaler religiöser Fanatiker. Viele "Thruther" meine, sie haben die Weisheit gepacht. Fakt ist, dass heute dieser Anschlag nicht mehr möglich wäre. Fakt ist, dass dieser Anschlag für Junge Menschen deswegen unvorstellbar ist. Wer in den 90er Jahren geflogen ist, weiss, dass Messer an Bord ebenso selbstverständlich war wie Raucher an Bord und eine ständig offene Cockpit Türe. National Geographic hat ausgerechnet, das für eine Verschwörung mindestens 1000 Menschen hätten involviert sein müssen. Und die würden alle schweigen?

    einklappen einklappen
  • Micha M. am 25.03.2013 17:21 Report Diesen Beitrag melden

    Mensch

    Sagen wir es mit den Worten von Jimmy Hendrix: "Wenn die Macht der Liebe die Liebe zur Macht übersteigt, erst dann wird die Welt endlich wissen, was Frieden heißt."

  • Andy friedlich berührt am 25.03.2013 17:17 Report Diesen Beitrag melden

    Respekt Thomas Young

    Ich denke, diese Zeilen braucht man nicht zu kommentieren. Sie sprechen für sich. Das Tragische ist, auch dem nächsten "W. Bush" und Konsorte wird wieder blind geglaubt, vertraut und hinterher marschiert.

  • Tom, Jona am 25.03.2013 16:03 Report Diesen Beitrag melden

    Der Mensch!!

    Was zu sagen bleibt fragt R.L aus M.? Der Mensch ist das dummste Tier und das ist zugleich eine Beleidigung gegenüber allen anderen Lebensformen auf unserem Planeten. Kein anderes Lebewesen sonst ist dermassen erpicht darauf, sich selber bzw. die Umwelt zu zerstören. Ich, Du und alle andern machen da kräftig mit, dass ist mir auch bewusst. Wann gelingt uns der Ausstieg aus diesem 'Teufelskreis'? Da kommt mir nur folgendes in den Sinn........ 'Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet...............'

    • Frick am 25.03.2013 16:44 Report Diesen Beitrag melden

      @Tom, Jona

      Wir sind im diesem Systhem gefangen. NIemals wird sich etwas änder

    • albert E. am 25.03.2013 17:19 Report Diesen Beitrag melden

      @tom & Frick

      geldsystem revolutionieren oder evt abschaffen? (ich weiss 2. ist utopisch) Aber kriege gibts eigentlich nur weil sie sich finanziell lohnen, und wirtschaftlich stattfinden MÜSSEN!

    einklappen einklappen