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30. Januar 2013 20:00; Akt: 31.01.2013 10:01 Print

Beweise im Kampusch-Verlies verschwunden

Experten des FBI und der deutschen Bundeskriminalpolizei haben sich erneut die Kampusch-Akten vorgenommen – und sind dabei gleich auf acht Ungereimtheiten gestossen.

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In den Tagen nach Natascha Kampuschs Flucht untersucht ein spezielles Team das Haus von Wolfgang Priklopil. Eine erste einfache Skizze hilft den Ermittlern, das komplizierte Kellersystem zu verstehen. Im , drei Jahre nach der Flucht, wird das Verlies noch einmal gründlich untersucht. Vor allem die tiefe Montagegrube interessiert die Experten. Die werfen ebenfalls Fragen auf. Besonders brisant: Das Verlies wird von den Spezialisten als beschrieben. Überrascht waren die Ermittler von der Tatsache, dass die schwere Tür zum Verlies von innen verschliessbar war. Auf der Aussenseite der Türe war kein Griff angebracht. Im schildert Johann Rzeszut, ehemaliger Präsident des Obersten Gerichtshofs in Wien, in einem Schreiben ans Parlament, dass dieser Umstand ein weiterer Grund sei, den Fall Kampusch neu untersuchen zu lassen. Tatsächlich soll Kampusch im Kellerverlies gehaust haben: Auf den ersten Fotos des Tatorts sehen die Polizisten Damen-Hausschuhe stehen, die kaum der Mutter des Täters gehört haben. Allgemein sind im Haus, in welchem angeblich ein alleinstehender Mann wohnt, zu finden. Im Gang hängt ein «gehäkeltes Täschchen» mit Binden. In einem Koffer finden die Ermittler . Aufgrund der Grösse wird bezweifelt, dass die Kleider Frau Priklopil gehört haben - zumal diese nicht im Haus ihres Sohnes wohnte. In Priklopils Schlafzimmer werden gefunden. Auch , die im Haus gefunden wurden, gehörten wohl kaum der 64-jährigen Waltraud Priklopil. Natascha Kampusch gibt während ihrer ersten ärztlichen Kontrolle nach der Flucht zu, dass sie beim Entführer habe. Sie habe zudem Kontakt zu den Nachbarn gehabt. In einer weiteren Einvernahme am sagte sie, dass sie jeweils das Haus putzen musste, bevor Priklopils Mutter zu Besuch kam. Im Laufe verschiedener Vernehmungen im Jahr 2006 berichtet die Entführte über und Situationen ausserhalb ihres Verlieses. Sie erwähnt mehrere , ... ... darunter ... ... und ins . Mit Priklopil besucht sie - und mehrere seiner Wohnungen. Sechs Monate vor ihrer Flucht durfte sie mit dem Entführer ein besuchen. Priklopil soll verschiedene Möglichkeiten geprüft haben, um Kampusch in der Öffentlichkeit zu zeigen, sagte sie im . Das Paar soll im Winter 2006 sogar in eine geraten sein. Die Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen, liess Kampusch allerdings verstreichen. Ihr «Augenrollen» wurde beim Polizisten nicht erkannt. hätten. Bereits im Jahr 2004 soll Kampusch mit dem Entführer unternommen haben.

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Seit Oktober 2012 beschäftigt sich ein internationales Expertenteam mit der Causa Kampusch. Das Ziel ist es, ein Urteil über die gesamte Ermittlungsarbeit zu fällen und mögliche Versäumnisse bei der Aufklärung sowie alle ungeklärten Aspekte des Falls ans Licht zu bringen. In der ersten Phase der Arbeit des FBI und des deutschen BKA stand bereits fest, dass die österreichische Behörden nicht fehlerfreie Ermittlungsarbeit geleistet haben. Der Endbericht, der Ende 2012 erwartet wurde, lässt aber noch auf sich warten. «Unser ambitioniertes Zeitziel war nicht zu halten», sagte ein Sprecher des Innenministeriums gegenüber der «Presse». Mit dem Abschluss der Prüfung sei Ende Februar oder gar März zu rechnen.

Insgesamt wollen die Ermittler acht Punkte aufgelistet haben, mit Ansätzen, die zu überprüfen seien. Drei brisante Erkenntnisse dieser Untersuchung sind bereits zu den Medien durchgesickert. Die erste Ungereimtheit betrifft das Verlies, in das Natascha Kampusch am Tag der Entführung, dem 2. März 1998, gesteckt wurde. Unter den 270'000 Seiten, die dem FBI vorliegen, sind zwei Fotos und ein Video. Die Bilder wurden am Tag ihrer Flucht geschossen, das Video wurde einen Tag später gedreht. Auf den Fotos ist neben einem Kasten ein Plastiksack zu sehen, der im Video nicht mehr auftaucht. Mit anderen Worten: Die Beweismittel wurden nach Kampusch' Flucht manipuliert.

Ernst H. hat Erklärungsbedarf

Die Ermittler vermuten, dass Ernst H., der beste Freund von Entführer Wolfgang Priklopil, die Tasche verschwinden liess. Der Mann war am Tag nach dem Selbstmord seines Freundes in dessen Haus gegangen, mit der Ausrede, in Auftrag von Priklopils Mutter ein paar persönliche Dinge zu holen. Doch in Ermittlerkreisen besteht der Verdacht, dass H. an jenem Tag noch etwas vom Tatort entfernt hat. Dieser Meinung war schon der frühere Chefermittler Franz Kröll, der Selbstmord beging, kurz nachdem er ankündigt hatte, vor der Aufklärung des Falles zu stehen.

Auch die Einzeltäter-Theorie nehmen die FBI-Fachleute derzeit genauer unter die Lupe. Wie das Nachrichtenportal «oe24» schreibt, haben die US-Ermittler jedoch nicht alle Akten erhalten. So soll es ein Gutachten vom 23. Oktober 2006 – genau zwei Monate nach Kampusch' Flucht – geben, gemäss dem im Auto von Ernst H. die DNA eines Unbekannten gefunden worden ist. «Am übermittelten Spurenmaterial aus einem KKW KIA, W-15492 wurden DNA-Spuren eines bislang unbekannten Mannes nachgewiesen», steht wörtlich im Bericht. Das wirft die Frage auf, ob H. und Priklopil am Tag der Flucht gar nicht alleine im Auto sassen, wie H. behauptet.

Zeugin Ischtar A. ist jetzt ein «offener Ermittlungsansatz»

Ebenfalls sollen die Aussagen der einzigen Augenzeugin, der damals zwölfjährigen Ischtar A., überprüft werden. A. behauptet fest, zwei Männer im Entführungsfahrzeug, Priklopils weissem Kastenwagen, gesehen zu haben. Ihre Angaben tragen im Bericht des Expertenteams den Titel «Offene Ermittlungsansätze».

Der dritte Punkt, den die ausländischen Beamten genauer durchleuten wollen, ist die Beziehung zwischen Ernst H. und einem Mann, dessen Handy-Nummer er gespeichert hat. Beide Männer gaben stets an, einander nicht zu kennen. Der «Unbekannte», ein Bundesheer-Milizoffizier, ist auf einem Foto, das den Akten beigelegt wurde, mit einem hohen Wiener Polizeibeamten zu sehen, der an den Kampusch-Ermittlungen beteiligt war.


(kle)