Klima

07. Dezember 2009 21:00; Akt: 07.12.2009 21:07 Print

Küstenstädte werden im Meer untergehen

von Sven Kästner, AP - Der Meeresspiegel könnte einer neuen Studie zufolge innerhalb dieses Jahrhunderts um bis zu 1,9 Meter ansteigen und damit deutlich schneller als erwartet. Ein so starker Anstieg wäre eine existenzielle Bedrohung vieler Küstenstädte wie Venedig und einer Reihe kleiner Inselstaaten.

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Schuld an der globalen Erwärmung ist unter anderem der durch menschliche Eingriffe entstandene atmosphärische Treibhauseffekt. Zum Beispiel durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Zu den fossilen Brennstofen gehören etwa Braunkohle, Steinkohle, Torf, Erdgas und Erdöl. Durch die Vernichtung der tropischen Wälder gelangen jährlich 1,5 Milliarden Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Durch die fehlenden Wälder werden weniger Schadstoffe abgebaut. Durch den Klimawandel kommt es häufiger zu Wetterextremen, zum Beispiel Dürreperioden. Viele Länder werden häufiger und länger an Wassermangel leiden. Flussläufe und ganze Seen drohen auszutrocknen. Gleichzeitig werden andere Gebiete der Erde von Überschwemmungen heimgesucht. Durch tropische Wirbelstürme werden vor allem küstennahe Gebiete verwüstet. Die WMO weist jedoch darauf hin, dass bis jetzt kein Sturm direkt mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden konnte. Tropische Wirbelstürme führen neben Überflutungen auch zu Erosion und der Zerstörung von ganzen Küstenabschnitten. In den Bergregionen kommt es durch die heftigen Regenfälle vermehrt zu Erdrutschen. Ebenfalls nicht bewiesen, jedoch wahrscheinlich, ist die Zunahme von Waldbränden. Als Ursache gelten die steigenden Frühlings- und Sommertemperaturen und eine früher einsetzende Schneeschmelze. Durch die Verschiebung der Klimazonen kommt es zu einer fortschreitenden Wüstenbildung. Man rechnet damit, dass gewisse Klimazonen verschwinden werden. Zum Beispiel die Tropen. Durch die Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur kommt es zu einer verstärkten Gletscherschmelze. Überschwemmungen und später Wassermangel sind die Folge. Besonders fatal würde sich das Verschwingen der Polarkappen auf unseren Planeten auswirken. Würde die gesamte Eismasse der Antarktis schmelzen, käme es zu einer Erhöhung des Meerespsiegels von rund 57 Metern. Schon jetzt werden viele Orte regelmässig überflutet. Durch das Auftauen der Permafrostböden verändert sich die Topographie. Vor allem im Norden Russlands sinken grosse Flächen innerhalb kurzer Zeit ab und werden zu unnutzbarem Morast. Durch den Anstieg der Temperaturen und des Salzgehalts in den Küstengewässern kommt es schon jetzt regelmässig zu Quallenplagen. Viele Meerestiere und Pflanzen werden mit der Erhöhung der Wassertemperaturen verschwinden. Umgekehrt breiten sich andere Arten unkontrolliert aus. Zum Beispiel Algen. Allerdings: Algen könnten in Zukunft auch als alternative Energiequelle genutzt werden. Schon jetzt ist das Korallensterben weit fortgeschritten, die wichtigsten Korallengebiete könnten bis Ende dieses Jahrhunderts verschwinden. Dies hätte fatale Folgen für Tiere, Pflanzen und Menschen. Durch die globale Erwärmung wird sich mittelfristig das Wachstum von Pflanzen verstärken und damit auch die Pollenbelastung. Die grossen Verlierer der Klimaerwärmung sind die Tiere, die sich in einem Zeitraum von wenigen Jahrzehnten nicht an ihre neue Umgebung anpassen können. Der Eisbär wird sich kaum in wenigen Jahren an eine eisfreie Welt gewöhnen können. Pinguine sind ebefalls besonders gefährdet. Gewisse Länder versuchen sich jetzt schon auf die grosse Klimakatastrophe vorzubereiten. In Japan werden zum Beispiel gigantische, unterirdische Wasserreservoire gebaut.

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Der Meeresspiegel könnte bis zum Jahr 2100 laut einer neuen Studie noch wesentlich stärker ansteigen als bislang erwartet. Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte das Wasser um 75 bis 190 Zentimeter höher stehen als heute, heisst es in dem Bericht, den das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und die Technische Universität Helsinki am Montag vorlegten. Im Bericht des Weltklimarates IPCC von 2007 war noch von maximal 60 Zentimetern Anstieg die Rede gewesen. Bei dem jetzt prognostizierten Anschwellen wären viele Küstenstädte und einige kleine Inselstaaten in ihrer Existenz bedroht.

Die Autoren Stefan Rahmstorf aus Potsdam und Martin Vermeer aus Helsinki werteten für ihre Untersuchung Meeresspiegel- und Temperaturmessungen aus den vergangenen 130 Jahren aus. Nach ihren Worten beweisen die Daten, dass die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs «massgeblich von der globalen Mitteltemperatur beeinflusst wird».

«Je wärmer es wird, desto schneller steigt der Pegel»

Seit 1990 sei der Meeresspiegel jährlich um 3,4 Millimeter gestiegen, «doppelt so schnell wie im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts», sagt Rahmstorf. Bliebe es bei dieser Rate, würde es im 21. Jahrhundert zu einem Anstieg um 34 Zentimeter kommen. «Aber die Daten zeigen deutlich: Je wärmer es wird, umso schneller steigt der Pegel.» Wenn ein «galoppierender Anstieg des Meeresspiegels» verhindern werden solle, müsse die Erderwärmung so schnell wie möglich gestoppt werden.

Rahmstorf hatte bereits 2007 den Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs und der globalen Mitteltemperatur beschrieben. In der neuen Studie erweiterte er die frühere Gleichung, um auch kurzfristige Reaktionen des Meeresspiegels erfassen zu können. So habe man die Zusammenhänge mit weit grösserer Präzision erfassen können. Zudem hatten die Autoren neueste Datensätze etwa aus Satellitenmessungen bis zum Jahr 2008 zur Verfügung. Sie berücksichtigten auch die künstliche Wasserspeicherung in Stauseen, durch die der Pegel global etwa drei Zentimeter tiefer liegt.

Projektion geht deutlich über Weltklima-Report hinaus

Die Ergebnisse zeigten, «dass selbst bei einem relativ niedrigen Treibhausgas-Emissionsszenario mit einer Erwärmung um zwei Grad Celsius im 21. Jahrhundert der Meeresspiegel wahrscheinlich um mehr als einen Meter ansteigen wird». Das höchste Emissionsszenario mit einem Temperaturanstieg von mehr als vier Grad Celsius hätte in dieser Zeit einen Anstieg um mehr als 1,4 Meter zur Folge. Würden sämtliche Emissionsszenarien und die geschätzten Unsicherheiten berücksichtigt, ergäben sich Werte zwischen 0,75 und 1,9 Meter.

Noch bemerkenswerter als die Maximalwerte des Meeresspiegelanstiegs sei «die uhrwerkartige Präzision», mit der die Temperatur den Anstieg des Meeresspiegels antreibe, erklärte Vermeer.

Der von ihm und Rahmstorf projizierte Anstieg ist etwa drei Mal so hoch wie die Abschätzung aus dem vierten Sachstandsbericht des Weltklimarates IPCC von 2007. Diese Schätzung habe den Eisverlust in Grönland und der Antarktis aber nicht vollständig berücksichtigt. «Ein so starker Anstieg wäre eine existenzielle Bedrohung vieler Küstenstädte und einer Reihe kleiner Inselstaaten», warnen die Experten. Sie werde nur zu vermeiden sein, wenn der Ausstoss von Treibhausgasen drastisch und schnell sinke.

Video: Beds are Burning - time4climatejustice: Song zu Kopenhagen 2009 (Quelle: YouTube)

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