Gaza-Konflikt

19. November 2012 09:34; Akt: 19.11.2012 16:49 Print

«Die Hamas zielt auf unsere Kinder»

von Karin Laub, AP - Während der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern eskaliert, werden Kinder auf beiden Seiten instrumentalisiert. Ihr Leiden dient als Waffe im Propagandakrieg.

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Kinder spielen auch im Propagandakrieg zwischen den Palästinensern und Israel eine wichtige Rolle. Links ein verwundetes Kind im nördlichen Gazastreifen, rechts betrachtet eine israelische Frau ein Haus in Ashkelon, das soeben von einer palästinensischen Rakete getroffen worden ist. (Bilder: Reuters/EPA)

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Die Hälfte der rund 1,6 Millionen Bewohner des Gazastreifens sind Kinder, ihr Leben in den neuerlichen Auseinandersetzungen in Gefahr. Ihr Schicksal wurde der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt, als der ägyptische Ministerpräsident Hescham Kandil bei seinem Besuch im Kriegsgebiet am Freitag ein totes Vorschulkind vor den Kameras in den Armen hielt. Wer durch Gaza geht, sieht überall Kinder.

Vor einer Leichenhalle hofften Kinder darauf, einen Blick auf ihre «Märtyrer» zu erhaschen. Andere Minderjährige folgten Erwachsenen auf dem Weg zu Beerdigungen. Manche Kinder zog es gar zu einem Regierungsgebäude, in das ein israelisches Geschoss eingeschlagen war und wo das Feuer noch glimmte. Aber abseits öffentlich demonstrierter Tapferkeit sagen Jungen im Grundschulalter, dass die Angst vor Luftschlägen sie nachts wachhalte.

Tote und Verletzte auf beiden Seiten

Seit Mittwoch, dem Beginn der israelischen Offensive, sind mehrere palästinensische Kinder durch die Angriffe getötet worden, erklärte die Gesundheitsbehörde im Gazastreifen. Granatsplitter trafen demnach viele daheim oder in der Nähe ihres Zuhauses. Auf israelischer Seite wurden vergangene Woche zwölf verletzte Kinder durch Raketenangriffe beklagt. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu beschuldigt die Hamas, Zivilisten und besonders Kinder als menschliche Schutzschilder zu missbrauchen, weil Raketen aus Wohngebieten abgefeuert würden.

Im Gazastreifen wird Israel vorgeworfen, seine massiven Luftangriffe ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung zu fliegen. Dortige Palästinenser sagen, dass selbst der von Israel als «mit chirurgischer Präzision» beschriebene Beschuss von militärischen Zielen ganz normale Bürger gefährde. Das Autonomiegebiet gehört zu den am dichtesten bevölkerten Gegenden der Welt.

Kinder als Waffe im Propagandakrieg

Der Fall des vierjährigen Mahmud Sadallah, der den ägyptischen Regierungschef Kandil zu Tränen rührte, ist umstritten. Seine Familie und die Hamas sagen, der Junge sei durch einen israelischen Luftangriff auf die Stadt Dschebalija umgekommen. Israel bestreitet vehement, dort zum fraglichen Zeitpunkt Angriffe geflogen zu haben. Menschenrechtsgruppen wollen nicht Position beziehen, da sie das Gebiet wegen anhaltender Gefahr nicht erreichen konnten.

In dem Propagandakrieg zwischen Israel und der Hamas dient das Leiden von Kindern als schwere Waffe. «Als ich heute im Krankenhaus die Verletzten und die Märtyrer gesehen habe, den Jungen (...), dessen Blut noch immer an meinen Händen und Kleidern ist - das ist etwas, worüber wir nicht schweigen können», sagte Kandil und rief Israel dazu auf, die Offensive zu stoppen.

«Die Hamas zielt absichtlich auf unsere Kinder»

Netanjahu hingegen sagte noch am Donnerstag: «Die Hamas zielt absichtlich auf unsere Kinder und platziert ihre Raketen absichtlich nahe ihren Kindern.» Der Beschuss aus dem Gazastreifen hat die Schulen im Süden Israels seit Mittwoch zur Schliessung gezwungen, Zehntausende minderjährige Israelis bleiben wegen der Kämpfe zuhause.

Auf beiden Seiten muss mit traumatisierten Kindern gerechnet werden. Ein Drittel der jährlich behandelten 1500 Patienten seien Kinder, sagt Hussam Nunu, Chef des psychiatrischen Programms im Gazastreifen. Nach der letzten israelischen Offensive vor vier Jahren sei die Zahl der Kinder mit posttraumatischen Stresserkrankungen «erdrückend» gewesen. «Seitdem haben wir viel erreicht, aber wenn die nächste Eskalation kommt, kann sie unsere Arbeit zerstören», sagt Nunu.