Hamas' riskante Strategie

19. November 2012 11:55; Akt: 19.11.2012 12:00 Print

Bis zum bitteren Ende

von K. Laub und L. Bohn, AP - Die Hamas pokert hoch. Im Vertrauen auf ihr Waffenarsenal und Unterstützung aus der arabischen Welt bleibt sie im Konflikt mit Israel unnachgiebig - und riskiert eine scharfe militärische Antwort.

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Ein palästinensischer Student protestiert gegen die Angriffe aus Israel und rollt einen brennenden Reifen vor sich her. (Bild: AFP/Abbas Momani)

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Dutzende Palästinenser liessen seit Beginn der israelischen Offensive Mitte vergangener Woche bereits ihr Leben. Doch die Hamas will sich davon nicht unterkriegen lassen. Mit anhaltendem Raketenbeschuss auf israelisches Gebiet glaubt sie, dem Druck standhalten zu können und letztlich ihre Bedingungen für einen Waffenstillstand durchsetzen zu können.

So lange Israel den Gazastreifen bombardiere, könne die Hamas mit Raketen entgegenhalten, betont der palästinensische Intellektuelle Ahmed Jussef, der enge Bindungen zur Hamas unterhält. Die Militanten hätten «genug Raketen zum Abfeuern». Angesichts diplomatischen Rückhalts aus dem Ausland und der Beliebtheit unter der Bevölkerung im Gazastreifen habe die herrschende Hamas eine starke Position in Verhandlungen über einen Waffenstillstand.

Ruhe könne erst einkehren, wenn Israel die vor fünf Jahren verhängte Blockade des Gazastreifens beende, heisst es. «Wir werden keinen Waffenstillstand akzeptieren, bis die Besatzung unsere Bedingungen erfüllt», erklärt der Hamas-Vertreter Issat Rischak, der an indirekten Gesprächen beteiligt ist, die am Wochenende in Kairo begannen. Neben freiem Personen- und Warenverkehr fordert die Hamas auch internationale Garantien, dass Israel den Gazastreifen nicht mehr ins Visier nimmt und auch von gezielten Angriffen auf militante Führer absieht.

«Wir müssen sie abschrecken»

Doch auch Israel will in den Verhandlungen keinesfalls Schwäche zeigen und setzt auf harte Militärschläge, um die Hamas in die Knie zu zwingen. «Wir müssen sie abschrecken», sagt Vizeministerpräsident Mosche Jaalon. «Wie? Indem wir ihnen genau jetzt einen hohen Preis abverlangen und sie dazu zwingen, das Festhalten an ihren Terrorangriffen zu überdenken.»
Israel riegelte den Gazastreifen 2007 ab, nachdem die radikalislamische Hamas dort an die Macht gekommen war. Seitdem wurden die Massnahmen lediglich gelockert. Bei einer Öffnung fürchtet die Regierung in Jerusalem zunehmenden Waffenschmuggel in das palästinensische Gebiet, mit dem das mutmasslich aus dem Iran und aus libyschen Beständen stammende Arsenal aufgestockt würde. Nach israelischen Schätzungen verfügt die Hamas über rund 12’000 Raketen. Darunter sollen laut Hamas-Angaben auch Waffen aus Eigenproduktion sein.

Mit der neuen Offensive müsse jetzt die Schlagkraft der Extremisten gelähmt werden, betont die israelische Militärsprecherin Avital Leibowitsch. Die Luftwaffe habe Hunderte weitere Ziele ins Auge gefasst. «Wir sind wirklich entschlossen, das Ziel der Operation zu erreichen.»

Und auch wenn Israel sich an diplomatischen Zügeln sieht – so hat etwa auch US-Präsident Barack Obama vor einer Eskalation gewarnt – ist die Entschlossenheit gross: Jede Einigung müsse ein Ende des palästinensischen Raketenbeschusses garantieren, betont Regierungssprecher Mark Regev. «Wir wollen keine schnelle Notlösung und eine neue Runde in zwei Wochen oder zwei Monaten», erklärt er. «Die Menschen in Südisrael haben das Recht auf ein normales Leben, ohne Angst vor Raketen.»

Blutpreis steigt

Noch scheint die Bevölkerung im Gazastreifen ihre Führung und den anhaltenden Raketenbeschuss auf israelisches Territorium zu unterstützen. Aber der Blutpreis dafür steigt. Und Beobachter glauben nicht an eine für beide Seiten zufriedenstellende Lösung, ein dauerhaftes Schweigen der Waffen und eine friedliche Zukunft.

«Beide Seiten müssen von ihren hohen Forderungen abrücken, und es wird starker Druck nötig sein», sagt der israelische Analyst Jossi Alpher. «Klar wird es eine Art Waffenstillstand geben, aber er wird nicht halten, weil sich die Hamas wieder bewaffnen wird und Israel reagieren wird. Und die Lage wird innerhalb von einigen Monaten wieder entgleiten.»