Attrappen-Show

26. April 2012 19:44; Akt: 26.04.2012 19:44 Print

Nordkoreas plumper Raketen-Schwindel

Mit grossem Pomp hat Nordkorea der Welt neue Langstrecken-Raketen präsentiert. Eine Analyse der Fotos zeigt nun: Es handelt sich um Attrappen – und erst noch um schlechte.

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Der Sprengkopf verfügt über eine seltsam gerippte Hülle, als ob ein dünnes Stück Metall über einen simplen Rahmen gespannt wurde. (Bild: Keystone/AP/ng han Guan)

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Wenn es um ihr militärisches Drohpotenzial geht, dann nehmen die Nordkoreaner den Mund ziemlich voll. Erst am Mittwoch erklärte Vizemarschall Ri Yong Ho, sein Land verfüge über «schlagkräftige mobile Waffen», die Amerika «in einem einzigen Schlag» besiegen könnten. Und am Montag berichteten Staatsmedien über «besondere Aktionen», mit denen Nordkorea in der Lage sei, die südkoreanische Hauptstadt Seoul in Schutt und Asche zu legen.

Um seine vermeintliche militärische Stärke zu unterstreichen, präsentierte das Regime bei der grossen Militärparade am 15. April zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il-Sung in Pjöngjang eine völlig neue Langstrecken-Rakete auf mobilen Abschuss-Rampen. Der Westen zeigte sich beunruhigt. Mit der als KN-08 bezeichneten Rakete schien Nordkorea über eine neue Möglichkeit zu verfügen, atomare Sprengköpfe über weite Distanzen zu transportieren. Allerdings gab es von Beginn an auch Zweifel an der Echtheit.

Ein Mischmasch aus Komponenten

Analysten haben die Fotos der Rakete untersucht – und kommen zu einem klaren Befund. Es handle sich «um einen Mischmasch aus Flüssig- und Feststoff-Komponenten, die zusammen niemals fliegen können», schreibt die Nachrichtenagentur AP. Sie beruft sich auf eine von Markus Schiller und Robert Schmucker vom Münchner Beratungsunternehmen Schmucker Technologie verfasste Studie, deren Fazit lautet: «Es gibt keinen Zweifel, dass es sich bei diesen Raketen um Attrappen handelte».

Bei jeder der vorgeführten Raketen gebe es kleine Unterschiede, schreiben die Autoren. Ins Auge fiel ihnen vor allem die seltsam gerippte Hülle der Sprengköpfe, «als ob ein dünnes Metallstück über einen simplen Rahmen gespannt wurde». Einem Raketenstart würde ein solches Konstrukt niemals standhalten. Die vermeintlichen Flugkörper würden nicht einmal auf die Abschussrampen passen, auf denen sie transportiert wurden, so die Studie der beiden deutschen Autoren, die unter anderem die Nato in Raketenfragen beraten.

Nicht der erste Fall

Nordkorea versucht seit Jahren, ballistische Interkontinental-Raketen zu entwickeln, bislang ohne grossen Erfolg. Alle vier Starts seit 1998 endeten mit einem Fehlschlag – den letzten am 13. April gab sogar die staatliche Propaganda zu. David Wright, ein Physiker und Kenner des nordkoreanischen Raketenprogramms, spekulierte gegenüber AP, bei der KN-08 handle es sich «um eine ziemlich plumpe Wiedergabe einer Rakete, die derzeit entwickelt wird».

Schon die Taepodong-2, das derzeit verwendete Langstrecken-Modell, sei 1994 als Attrappe vorgeführt worden, zwölf Jahre vor dem ersten Test, sagte Wright. Und diese funktioniert bis heute nicht richtig. Experten gehen denn auch davon aus, dass die Entwicklung einer Rakete wie der KN-08 einen gewaltigen technologischen Effort voraussetzt, den Nordkorea gar nicht erbringen kann – oder nur mit fremder Hilfe.

(pbl)