Brisante BBC-Reportage

16. April 2013 20:54; Akt: 17.04.2013 13:48 Print

«Willkommen im echten Nordkorea!»

Spitäler ohne Patienten, Bauernhöfe ohne Bauern, Fabriken ohne Arbeiter, Märkte ohne Waren: Die BBC zeigt Nordkorea im Bewegtbild, wie man es bisher nur vom Hörensagen kannte.

Die BBC-Sendung «Panorama» mit der Undercover-Reportage aus Nordkorea. (Video: Youtube/ignoredvoices)
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Nach der Kontroverse, wie die Reportage zustande kam, wurde sie am Montagabend in der BBC-Sendung «Panorama» (siehe Video oben) ausgestrahlt. Reporter John Sweeney macht gleich zu Beginn klar, dass ihm nicht nach «Nordkorea kurios» zumute ist: Das Land sei weniger kommunistische Diktatur als ein faschistischer Staat mit vielen Ähnlichkeiten zu Nazi-Deutschland. Schon Kindern werde ihre Überlegenheit gegenüber Fremden eingebläut, Kim Jong-Il war ein ungenierter Hitler-Fan. Die inszenierten Aufmärsche – eine Erinnerung an die Reichsparteitage in Nürnberg.

Insgesamt acht Tage verbrachte BBC-Mann Sweeney mit seiner Frau, einem Kameramann und einer Gruppe von Studenten der London School of Economics (LSE) in Nordkorea. Etwas vom Ersten, das ihm auffiel: Wie dunkel das Land ist. Trotz der spärlichen Beleuchtung kommt es regelmässig zu Stromausfällen. In den Toiletten des «Luxushotels» in Pjöngjang gibt es nicht einmal Lampen.

Einmal besucht Sweeney einen kollektiven Landwirtschaftsbetrieb. Doch auf dem Gelände sind weder Felder noch Tiere zu sehen. Zunächst auch keine Bauern. Dann wird die Gruppe in ein Haus geführt, das von einer Familie bewohnt wird. Die Küche ist gut ausgestattet, der Kühlschrank voll. Irgendwie hat alles Muster-Charakter und nichts erinnert an Landwirtschaft.

«Die Patienten sind alle gegangen»

Noch steriler ist der Augenschein in einem der grössten Spitäler des Landes, in dem angeblich 1500 Patienten behandelt werden können. Sweeney erinnert sich, wie schön geheizt es im Mausoleum von Kim Il-Sung und Kim Jong-Il war. Im Spital hingegen ist es bitterkalt. Dann ein weiterer Stromausfall. Sie bekommen moderne Geräte zu sehen, aber irgendetwas fehlt: Patienten. Angeblich sind sie alle gegangen. «Patienten werden vormittags behandelt, nachmittags arbeiten sie oder gehen Freizeit-Aktivitäten nach», sagt ein Arzt. Sweeney insistiert, das könne nicht sein. Er würde jetzt gerne einen Patienten sehen. Der Arzt erklärt, dass sie dazu die Erlaubnis des Patienten bräuchten. Aber wie fragt man jemanden um Erlaubnis, ohne ihn zu sehen?

Besuch in einem industriellen Grosskomplex, in dem angeblich Generatoren hergestellt werden. Prompt fällt auch im Showroom der Strom aus. Sweeney will nicht nur das massstabgetreue Modell des Musterbetriebs, sondern auch die Produktionshallen sehen. Geht nicht, wird ihm beschieden. Wegen der aktuellen Lage sei auf Militärproduktion umgestellt worden.

Hotel ist von Stacheldraht umgeben

Die staatlichen Tourguides, die gleichzeitig als Aufpasser fungieren, wollen nicht, dass die Besucher aus dem Bus Fotos von der Armut in Nordkorea machen. Die versteckte Kamera der BBC tut es trotzdem: Eine Frau wäscht sich im eiskalten Fluss. Menschen graben in der Erde nach Verwertbarem. Ein Markt, auf dem es nichts zu kaufen gibt. Fabrikschlote, aus denen kein Rauch aufsteigt.

Dann machen sie halt in einem Spa-Hotel für Privilegierte. Sie sind die einzigen Gäste, das Essen wird in einem leeren Saal eingenommen. Sweeney entwischt seinen Aufpassern ungesehen ins Freie, allerdings ist das Hotelgelände mit Stacheldraht umzäunt. Die Kamera zoomt durch die Drähte hindurch und zeigt graue, verfallene Häuser, kahle Hügel: vollendete Tristesse. «Willkommen im echten Nordkorea», sagt der BBC-Reporter.

(kri)