Auch im Feld versagt

15. November 2012 10:43; Akt: 16.11.2012 03:24 Print

Der wahre Petraeus-Skandal

David Patraeus wird für seine Sex-Affäre in Erinnerung bleiben – als Oberbefehlshaber in Afghanistan habe er viel schlimmer versagt, sagen Kritiker.

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Am Schluss blieb von COIN nicht viel mehr übrig, als mal eben beim afghanischen Bäcker Brot zu kaufen. (Bild: Keystone/AP/Ahmad Massoud)

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Mit jedem neuen Detail in der Petraeus-Affäre wächst der Verdacht, die Regierung wolle von einem anderen Skandal ablenken: Von der umstrittenen Rolle der CIA und des frisch wiedergewählten Präsidenten im Terroranschlag auf das US-Konsulat in Bengasi. Michael Cohen hält selbst dies für eine Ablenkung: Der Journalist des britischen «Guardian» moniert, der eigentliche Skandal sei Petraeus’ Scheitern als Oberbefehlshaber im Afghanistan-Krieg. «Vielleicht sollten wir unseren Fokus darauf richten, und nicht wer mit wem geschlafen hat», schreibt er.

Petraeus gilt als einer der treibenden Kräfte hinter der sogenannten COIN-Strategie. COIN steht für Counter Insurgency (Bekämpfung von Rebellen) und verlangte von den US-Truppen im Irak, sich Wissen über die lokalen Verhältnisse zu verschaffen und sich besser in der Bevölkerung zu integrieren. Als die Gewalt im Zweistromland 2007 markant zurückging, wurde dies in Washington als Beweis für den durchschlagenden Erfolg der neuen Strategie gefeiert.

Wunderwaffe COIN

COIN wurde zur Wunderwaffe (v)erklärt und künftig auch in Afghanistan angewendet. Tatsächlich hatte der Rückgang der Gewalt im Irak viele Gründe, die ausserhalb des Einflussbereichs der US-Truppen lagen. Selbst wenn COIN eine massgebliche Rolle beim Rückgang der Gewalt im Irak gespielt hätte, waren die Voraussetzungen in Afghanistan völlig anders: Die Unterstützung in der Bevölkerung für die Aufständischen; Die ungesicherte Grenze zu Pakistan als Rückzugsgebiet; Die Inkompetenz der Regierung in Kabul.

Als Petraeus 2010 das Kommando in Afghanistan übernahm, waren die Hoffnungen gross. Zusammen mit einer grossen Truppen-Aufstockung sollte COIN auch am Hindukusch die Wende bringen. Diese Hoffnungen haben sich allesamt zerschlagen. Der Afghanistan-Konflikt ist sowohl militärisch als auch politisch von einer Lösung weit entfernt. Was nach dem Abzug der ausländischen Truppen 2014 passieren wird, steht in den Sternen. So viel ist klar: Die afghanische Armee wird nicht bereit sein, wie General Petraeus einst seinem Präsidenten versprochen hatte.

Versagt ein General auf dem Feld ...

Warum vor dem Sex-Skandal niemand am Glanz des Viersterne-Generals gekratzt hat, liegt für Cohen auf der Hand: «Wir leben in einer Zeit, in der Armee-Offiziere praktisch unantastbar sind, weil sie von Politik und Medien verherrlicht und hochstilisiert werden.» Auch die Armee selbst trägt zu diesem Ausnahme-Image bei: «Wir behaupten selbstgerecht, unsere Ethik sei jener von Zivilisten überlegen», sagte ein US-Offizier gegenüber der «Huffington Post». Die Folgen sind erschreckend: Versagt ein General auf dem Feld, scheint dies niemanden zu interessieren. Die Empörung kommt erst, wenn er seine Frau betrügt.

(kri)