Rekrutierungstag

08. Juli 2013 15:24; Akt: 08.07.2013 15:37 Print

«Muss man bei der NSA ein guter Lügner sein?»

Die Empörung der Amerikaner über den Lauschangriff der NSA hielt sich bisher in Grenzen. An einem Rekrutierungstag wurden die Agenten mit unbequemen Fragen konfrontiert – und kamen ins Schleudern.

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Die Affäre Edward Snowden hält mehrere Länder auf Trab: Am 7. November wurde der britische Geheimdienst vor dem Ausschuss angehört. Dabei wurde Snowden harsch kritisiert. Die Al-Kaida sauge die von ihm publizierten Informationen geradezu auf. Am traf sich der deutsche Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele (Grüne) mit Edward Snowden. Bei dem dreistündigen Treffen, das an einem geheimen Ort stattfand, überreichte der Whistleblower dem Politiker einen Brief für Angela Merkel und die deutsche Regierung. Er wolle bei der Aufklärung der NSA-Spähaffäre helfen. Anfang November forderte die frühere Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, dass die Schweiz den ehemaligen Geheimdienstler aufnimmt - als politischen Flüchtling. Ein Bild, das am 31. Oktober 2013 aufgetaucht ist, zeigt Edward Snowden auf einem Ausflugsschiff auf der Moskwa inmitten der russischen Hauptstadt. Das Bild soll im September aufgenommen worden sein und war der russischen Nachrichtenseite Life News offenbar 100'000 Rubel (2800 Franken) wert. Schon ein paar Wochen früher hat das russische Online-Portal «Life News» den ersten Schnappschuss des ehemaligen amerikanischen Geheimdienstmitarbeiters in seinem Moskauer Exil veröffentlicht. Mit einem Lächeln in die Freiheit: Der 30-jährige Whistleblower Edward Snowden hat am nach über sechs Wochen der Ungewissheit den Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo verlassen. Snowden darf zunächst für ein Jahr in Russland bleiben. Sein Anwalt Anatoli Kutscherena präsentierte ein Dokument, das dem Whistleblower erlaubt, den Moskauer Flughafen zu verlassen. Das freut auch Ex-Spionin 00-Sex, Anna Chapman, die Snowden auf Twitter einen Heiratsantrag machte. Am ist der Transitbereich im Flughafen Scheremetjewo für Snowden keine Einbahnstrasse und keine Sackgasse mehr: Der Whistleblower hat Papiere erhalten, die es ihm erlauben in Russland einzureisen. Damit ist der Weg für ihn frei: Er darf den Transitbereich verlassen und in Russland einreisen. Am hatte Snowden im Beisein von Menschenrechtsaktivistinnen bekanntgegeben, dass er ein Asylgesuch in Russland stellen wird. Snowden hatte das Gesuch ... ... auf einen einfachen Fresszettel gekritzelt. Der prominente russische Anwalt Anatoli Kutscherena informiert am die Medien, dass Snowden seinen Antrag auf politisches Asyl in Russland unterschrieben habe. Am schien noch klar, dass sich Snowden nach Venezuela absetzen möchte. Die so lautende Twitter-Nachricht des russischen Politikers Alexej Puschkow erwies sich aber als verfrüht. Weil Boliviens Präsident Evo Morales angedeutet hat, er würde Asyl für Snowden in Erwägung ziehen, wurde sein Flieger in der in Österreich kurzerhand zur Landung gezwungen. Snowden befand sich allerdings nicht an Bord. Morales war auf dem Weg von Russland nach Bolivien. Morales nutzte die Gelegenheit und traf sich mit dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer vor dem Weiterflug. Gemäss Wikileaks hätte Snowden in insgesamt beantragt. Namentlich aufgeführt waren neben der Schweiz 18 andere Länder: Österreich, Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Irland, Holland, Norwegen, Polen, Russland, Spanien, Bolivien, Brasilien, China, Kuba, Indien, Nicaragua und Venezuela. Viele Länder lehnten aus formalen Gründen ab: Um ein Gesuch zu stellen, müsste sich Snowden auf dem entsprechenden Staatsgebiet oder an der Grenze befinden. Asyl in Russland schien im Bereich des Möglichen. Putin selber sagte: «Wenn er hierbleiben möchte, gibt es eine Bedingung: , die darauf gerichtet ist, unseren amerikanischen Partnern Schaden zuzufügen - so merkwürdig sich das aus meinem Mund auch anhören mag.» Die Bedingungen akzeptierte Snowden nicht und zog seinen Antrag zurück. Seinen ersten - erfolglosen - Asylantrag stellte Snowden in . Das südamerikanische Land gewährte bereits dem australischen Wikileaks-Pionier Julian Assange Zuflucht vor der englischen Justiz. Als Snowden am , danach sass er im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo fest. Am hat Snowden Hongkong verlassen in Richtung Moskau. Er hat sich nach Angaben der Regierung in Hongkong in ein «Drittland» abgesetzt. Zuvor hatten die USA bestätigt, Hongkong wegen einer Auslieferung Snowdens kontaktiert zu haben. Die «Washington Post» berichtete unter Berufung auf Experten, . Ein Auslieferungsgesuch stellte die USA an Russland. Nach ein paar Tagen Funkstille meldete sich Snowden am 13. Juni in einem Interview mit der «South China Morning Post» wieder zu Wort. Er habe vor, . Ausserdem verriet er neue Details: Die USA sollen seit 2009 Computer in China und Hongkong hacken. Snowden war zuerst . Die frühere britische Kronkolonie gehört zu China, ist aber eine Sonderverwaltungszone und hat ein Auslieferungsabkommen mit den USA. (Im Bild: das US-Konsulat in Hongkong) Snowden outete sich am 6. Juni 2013 in der (im Bild: Journalist Glenn Greenwald). Snowdens Identität sei auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin publik gemacht worden, schreibt der «Guardian». «Ich habe nicht die Absicht, mich zu verstecken, weil ich weiss, dass ich nichts Falsches getan habe», wird Snowden zitiert. Sein einziges Motiv sei es gewesen, die «Öffentlichkeit darüber zu informieren, was in ihrem Namen» geschehe. In der UNO-Mission der USA in Genf, wo auch die CIA untergebracht ist, arbeitete Edward Snowden von 2007 bis 2009. Über seine Zeit in der Schweiz . Edward Snowden kam wo er für die CIA tätig war und Zugang zu geheimem Material hatte. Dort habe er als Angestellter im Bereich IT-Sicherheit zum ersten Mal das Verlangen verspürt, an die Öffentlichkeit zu bringen, was er über das NSA-Programm der Internet-Überwachung wusste. Snowden wohnte laut «Guardian» zuletzt mit seiner Freundin in diesem Haus auf wo er auch die letzten Geheimdokumente kopierte und weitergab. Danach habe er seinen Vorgesetzten mitgeteilt, dass er für einige Wochen wegfahren müsse, um sich wegen Epilepsie behandeln zu lassen, hiess es. Er bereut nichts: Der junge Techniker steckt hinter den Enthüllungen über den gigantischen Überwachungsapparat der USA. Die US-Geheimdienste erfassen täglich Millionen Telefondaten und durchforsten grossflächig das Internet nach Terrorverdächtigen.

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Am meisten Angst habe er davor, dass seine Enthüllungen nichts verändern würden, sagte Edward Snowden zu Beginn der Affäre im Interview mit dem «Guardian». Tatsächlich hält sich die Empörung bei den ausspionierten Amerikanern in Grenzen. Einen Freipass bekommt die NSA dennoch nicht: Vergangene Woche bekam sie zu spüren, dass es durchaus wütende Bürger gibt.

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Die oberste Spionagebehörde hatte am Dienstag zu einer Rekrutierungsveranstaltung an die Universität von Wisconsin geladen. Unter den Interessenten war auch die freischaffende Journalistin Madiha R. Tahi, die an der Hochschule einen Fremdsprachenkurs belegt. Sie konfrontierte die NSA-Mitarbeiter mit Fragen und Ungereimtheiten, die auf den Enthüllungen ihres Ex-Mitarbeiters Snowden beruhen. Sie zeichnete alles auf und veröffentlichte die Aufnahme auf ihrem Blog. Ausserdem regte sie andere Studenten an, ebenfalls nachzubohren. Hier einige Highlights aus dem angespannten Wortwechsel:

Tahir: «Betrachten Sie Deutschland und andere Länder, die Sie ausspioniert haben, als Gegenspieler?» (Offenbar waren Spionageziele in einer NSA-Präsentation als «Gegenspieler» bezeichnet worden.)

NSA-Mitarbeiterin 1: «Sie können Gegenspieler als ‹Feind› definieren, und natürlich ist Deutschland nicht unser Feind. Aber haben wir Interesse an Informationen aus anderen Ländern? Ja, klar.»

Tahir: «Also kann ‹Gegenspieler› alles heissen. Laut Ihrer Definition gibt es nichts und niemanden, der kein ‹Gegenspieler› ist. Ist das richtig so?»

NSA-Mitarbeiterin 1: «Das ist nicht richtig.»

NSA-Mitarbeiter 2: «Unsere Arbeit ist apolitisch, okay? Wir definieren unsere Anforderungen nicht selbst, sondern sie werden an uns gestellt. Wir könnten auch die Bezeichnung ‹Ziel› verwenden.»

Tahir: «Ich bin überrascht, Sie sind Sprachanalysten, verwenden aber die Sprache unglaublich unpräzis.»

Später…

Tahir: «Denken Sie über die schwerwiegenden Konsequenzen Ihrer Arbeit nach, oder schlüpfen Sie einfach in eine andere Haut und betrinken sich? (Bezieht sich auf eine vorherige Aussage von NSA-Mitarbeiter 2, wonach man bei der NSA hart arbeite aber auch in Karaoke-Bars gehe.)

NSA-Mitarbeiter 2: «Die Informationen in den richtigen Kontext zu stellen, ist so wichtig, weil wir alle unter den schlechten Entscheidungen unserer Politiker leiden.»

Studentin: «Die Menschen leiden auch unter den Falschinformationen, die Sie weiterleiten, also sollten auch Sie Verantwortung übernehmen.»

Zum Schluss

NSA-Mitarbeiter 2: «Wissen Sie, nicht jeder eignet sich für diesen Job …»

Tahir: «Aha, also eignen sich nur Lügner? Sie haben uns heute keine aufrichtigen Antworten gegeben. Die NSA hat die amerikanische Bevölkerung belogen, offensichtlich unwahre Inhalte von ihrer Website gelöscht, Ihre Chefs haben den Kongress belogen – ist das eine Anforderung der NSA? Muss man ein guter Lügner sein?

NSA-Mitarbeiterin 1: «Sie können vieles lesen, was als Tatsache hingestellt wird. Aber nur weil es in der Zeitung steht, ist es noch lange keine Tatsache.»

Studentin: «Oder in einem Geheimdienstbericht …»

NSA-Mitarbeiterin 1: «Das ist nicht wirklich unser Thema hier. Sie sind offensichtlich nicht an einer Karriere in der NSA interessiert, andere wahrscheinlich schon.»

(kri)