Deutscher IS-Kämpfer

22. Dezember 2014 13:21; Akt: 22.12.2014 13:39 Print

«Köpfungen gehören zu unserer Religion»

Einem deutschen Journalisten gelingt es, tief ins Gebiet der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu reisen. Hier spricht er mit IS-Kämpfern, Kindersoldaten und Gefangenen.

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Jürgen Todenhöfers Reise war hart und gefährlich – doch zugleich sehr aufschlussreich. Der Journalist reiste tief hinein in IS-Gebiet – in das Territorium, welches die Mitglieder der Terror-Organisation ihr «Kalifat» nennen – und besuchte Rakka und Deir Ezzor in Syrien sowie Mosul im Irak.

Mosul, die zweitgrösste Stadt des Irak, wurde im Juni wie im Blitzkrieg von jetzt auf gleich durch den IS erobert. Todenhöfer war es möglich, die Moschee dort zu betreten – der Ort, an dem IS-Anführer Abu Bakr al-Bagdadi seine einzige öffentliche Ansprache überhaupt gehalten hatte.

Mit Selbstmordattentätern gegen 20'000 Soldaten

Ausserdem sah er die Lebenswirklichkeit und den Alltag unter der Herrschaft des IS. Zum Beispiel wurde er Zeuge davon, wie alle Läden mitten am Tag wegen der Gebete schliessen müssen. «Es herrscht ein grausiger Anschein von Normalität in Mosul», sagte Todenhöfer im Interview mit CNN. «130'000 Christen sind aus der Stadt deportiert worden, die Schiiten sind geflohen, viele Menschen wurden ermordet und dennoch funktioniert die Stadt. Die Menschen mögen tatsächlich die Stabilität, welche ihnen der IS gebracht hat.» Nichtsdestotrotz stellte er ein Atmosphäre der Angst in der Bevölkerung fest: «Natürlich haben viele von ihnen ziemliche Angst, weil die Strafen für Verstösse gegen die strengen IS-Gesetze sehr scharf sind.»

Laut IS-Führung gelang es den Kämpfern, Mosul mit nur ungefähr 300 Mann einzunehmen, obwohl dort mehr als 20'000 Soldaten der irakischen Armee stationiert waren, als der Angriff begann. Jürgen Todenhöfer sprach mit mehreren IS-Kämpfern, die Teil der Operation waren. «Wir haben ungefähr vier Tage gebraucht, um Mosul einzunehmen», erzählte ein junger Kämpfer dem Publizisten. «Ihr wart also nur 300 Mann und ihr habt 20'000 Soldaten in vier Tagen geschlagen?», fragte Todenhöfer. «Nun ja, wir haben sie nicht alle auf einmal angegriffen, wir haben ihre Front hart getroffen, auch mit Hilfe von Selbstmordanschlägen. Daraufhin flohen die anderen sehr rasch», erklärte der Kämpfer. «Wir kämpfen für Allah, sie für Geld und andere Dinge, an die sie nicht wirklich glauben.»

«Das sind keine dummen Leute»

Todenhöfer machte deutlich, dass der Enthusiasmus in den Reihen der IS-Miliz besonders hervorstach. «Als wir in ihrem Rekrutierungsgebäude untergebracht waren, kamen täglich 50 neue Kämpfer», berichtete er, «und das Glänzen in ihren Augen war einfach unfassbar. Sie fühlten sich, als kämen sie in ein gelobtes Land, als würden sie für eine gute Sache kämpfen. Das sind keine dummen Leute. Einer, den wir trafen, hatte gerade sein Jurastudium abgeschlossen, er hatte grossartige Jobangebote bekommen. Er lehnte sie alle ab, um in den Kampf zu ziehen. Wir haben Kämpfer aus Europa und den USA getroffen. Einer von ihnen war aus New Jersey. Können Sie sich das vorstellen? Ein Mann aus New Jersey geht auf Reise, um für den IS zu kämpfen?»

Todenhöfer weiter: «Eine der grössten Stärken des IS ist die Kampfbereitschaft seiner Kämpfer, auch ihre Bereitschaft, in der Schlacht ihr Leben zu lassen.» Er lernte in einem «sicheren Haus» einen etwas übergewichtigen Rekruten kennen, der ihm erzählte, er trage bei jeder Schlacht einen Sprenggürtel, weil er zu dick sei, um wegzulaufen, wenn er in die Enge gedrängt würde. Eher würde er den Tod wählen, als sich gefangen nehmen zu lassen.

Der IS hat eine dunkle Bilanz von Misshandlungen, Folterungen und Hinrichtungen Kriegsgefangener vorzuweisen. Todenhöfer konnte kurz mit einem kurdischen Gefangenen sprechen, als er in Mosul war. Der Gefangene behauptete, er sei nicht gefoltert worden, doch Todenhöfer konnte dies nur schwerlich glauben: «Das war ein gebrochener Mann. Es war ein trauriger Anblick, einen Menschen in solch einem Zustand zu sehen. Er war sehr schwach und in grosser Angst vor seinen Peinigern.»
Todenhöfer führte das Interview mit dem kurdischen Gefangenen unter der Augen mehrerer IS-Kämpfer. Er fragte den Mann, ob er wisse, was mit ihm geschehen werde. «Ich weiss es nicht», meinte der Gefangene, «meine Familie weiss nicht einmal, dass ich noch am Leben bin. Ich hoffe, dass es eine Art Gefangenenaustausch geben wird.»

Deutscher IS-Kämpfer: «Wir werden sie alle töten»

Todenhöfer wurde auch zu Kindersoldaten geführt, welche in IS-Montur mit AK-47-Maschinengewehren herumfuchtelten. Einer der Jungen schien sehr jung zu sein, doch er behauptete, er sei bereits für den IS in die Schlacht gezogen. «Wie alt bist du?», fragte ihn Todenhöfer. Seine Antwort: «Ich bin 13» – obwohl er sogar noch jünger aussah.

Eine der bemerkenswertesten Episoden von Todenhöfers Reise durch die vom IS kontrollierte Region war sein Interview mit einem deutschen Kämpfer, der im Namen der IS-Führung sprach. «Sie wollen also auch nach Europa kommen?», fragte Todenhöfer. «Nein, wir werden Europa eines Tages erobern», erwiderte der Mann. «Es ist nicht die Frage, ob wir Europa erobern, es ist nur eine Frage der Zeit, bis das passieren wird. Aber es ist sicher. So etwas wie Grenzen gibt es für uns nichts. Es gibt nur Frontverläufe. Unsere Expansion ist nicht aufzuhalten. Und die Europäer sollten wissen, dass wenn wir kommen, es unschön sein wird. Wir werden mit unseren Waffen kommen. Und diejenigen, die nicht zum Islam konvertieren oder die Steuer für Nicht-Muslime nicht bezahlen, werden sterben.»

Todenhöfer befragte den Kämpfer zum Umgang des IS mit anderen Religionen, insbesondere mit schiitischen Muslimen: «Was ist mit den 150 Millionen Schiiten, was wenn sie sich weigern zu konvertieren?» Der Kämpfer antwortete: «150 Millionen, 200 Millionen oder 500 Millionen, das ist uns egal. Wir werden sie alle töten.»

«Sklaverei und Enthauptungen sind Teil unserer Religion»

Das Interview wurde an dem Punkt zu einer besonderen Herausforderung, als es thematisch um Enthauptungen und Versklavungen – vor allem weiblicher Gefangener – kreiste. Todenhöfer wollte wissen: «Glauben Sie also ernsthaft, dass Enthauptungen und Versklavungen in Wahrheit einen Fortschritt für die Menschheit bedeuten?»

Der Mann erwiderte: «Sklaverei bedeutet zweifellos Fortschritt. Nur Ignoranten glauben, dass es bei Christen und Juden keine Sklaverei gibt. Natürlich gibt es dort Frauen, die unter schlimmsten Umständen zur Prostitution gezwungen werden. Ich würde sagen, dass Sklaverei für uns von grosser Hilfe ist und wir auch weiterhin Menschen versklaven und enthaupten werden, es ist Teil unserer Religion. Viele der Sklaven sind zum Islam konvertiert und kamen dann frei.»

«IS ist viel gefährlicher als die westliche Politik wahrnimmt»

Der IS-Sprecher gab der US-Politik die Schuld an der Enthauptung festgenommener westlicher Journalisten: «Die Leute sollten wirklich an den Fall James Foley denken. Er wurde nicht getötet, weil wir die Schlacht begonnen hätten. Er wurde auf Grund der Ignoranz seiner Regierung getötet, die nicht bereit war, ihm zu helfen.»

Trotz der jüngsten Erfolge kurdischer Streitkräfte gegen den IS im Nordirak sitzen die Extremisten auch dort gemäss Todenhöfer fest im Sattel. Sie bauen staatliche Institutionen auf und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich der Würgegriff um die von ihnen kontrollierten Gebiete lockern wird. Todenhöfer ist sich sicher: «Der IS ist viel gefährlicher, als dass die westliche Politik wahrhaben will. Sie glauben an das, wofür sie kämpfen, und sie bereiten die grösste religiöse Säuberung vor, welche die Welt je gesehen hat.»

Todenhöfers Reisebericht im CNN-Video:

(gux)