Puff im Flüchtlingscamp

12. März 2013 14:29; Akt: 02.08.2013 11:41 Print

«Für 70 Dollar hast du sie den ganzen Tag»

von J. Halaby, AP - Im UNO-Flüchtlingslager Saatari in Jordanien blüht das Geschäft mit Sex. Die Polizei sieht zu oder verdient mit. Die syrischen Rebellen glauben, dass die Frauen freiwillig mitmachen.

storybild

Ungefähr 120'000 Flüchtlinge leben auf engstem Raum im UNO-Flüchtlingslager Saatari in Jordanien. Prostitution ist hier Alltag und eine Möglichkeit, der Armut zu entfliehen, wenigstens eine Zeit lang. (Bild: AFP)

Zum Thema
Fehler gesehen?

In einer Ecke des staubigen und mit syrischen Flüchtlingen überfüllten Zeltlagers Saatari sitzt die junge Frau mit dem weissen Kopftuch und winkt. «Komm rein, du wirst viel Spass haben», sagt Nada. Die 19-Jährige ist vor einigen Monaten aus der südsyrischen Stadt Daraa nach Jordanien geflohen. Ihr Vater, graubärtig und mit dem traditionellen rotkarierten Tuch sitzt in der brennenden Sonne vor dem Zelt und stiert schweigend vor sich hin. Für umgerechnet sieben Dollar bietet Nada ihren Körper an, aber es gibt Verhandlungsspielraum. Im Schnitt komme sie auf 70 Dollar pro Tag, sagt sie.

Einige Zelte weiter preist ein junger, kahlrasierter und tätowierter Mann seine Ehefrau an. «Für 70 Dollar kannst du sie den ganzen Tag haben», verspricht er. Aus der Stadt Idlib komme er, dort sei er Friseur gewesen. Dass er jemals seine Frau verkaufen würde, habe er nie gedacht. Aber er brauche Geld für seine Eltern und Schwiegereltern in Syrien, etwa 200 Dollar pro Monat.

Mit dem rapiden Zustrom syrischer Flüchtlinge nach Jordanien steigt auch die Verzweiflung. Mehr als eine Million Menschen haben ihr Land bereits verlassen und sind nun auf Hilfe angewiesen, wie die Vereinten Nationen gerade erklärten. Mehr als 418'000 Menschen haben in Jordanien Zuflucht gesucht, allein im Februar waren es 50'000, so viele wie in keinem Monat zuvor.

Prostitution ist verboten

Viele syrische Frauen in Jordanien prostituieren sich mittlerweile. Einige werden gezwungen oder sind sogar verkauft worden, teilweise von ihren eigenen Familien. Aber auch so sind weibliche Flüchtlinge für Zuhälter und Menschenhändler eine leichte Beute, insbesondere wenn sie ohne ihre Männer geflohen sind, manchmal nur mit ihren Kindern, und kaum oder gar kein Einkommen haben.

Elf syrische Prostituierte sprachen mit der Nachrichtenagentur Associated Press. Sie wollen anonym bleiben - aus Scham, aber auch aus Angst vor der Polizei. Denn Prostitution ist in Jordanien verboten. Bis zu drei Jahren Haft drohen - oder, möglicherweise noch schlimmer, die Deportation zurück nach Syrien.

Das genaue Ausmass der Prostitution unter syrischen Flüchtlingen in Jordanien lässt sich nicht bestimmen, aber mit ihrer Existenz wird man ständig konfrontiert - auch in den zahlreichen Bordellen. Dort klagt man bereits über die neue Konkurrenz.

Blonde und Hellhäutige bevorzugt

«Die Männer fragen immer wieder nach syrischen Frauen», sagt eine 37 Jahre alte Unternehmerin, die im Norden Jordaniens eine Kette mit mindestens sieben Etablissements betreibt. «Sie mögen die blonden und hellhäutigen Frauen unter ihnen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass diese Frauen Probleme bereiten, indem sie etwa verheiratete Männer erpressen, ist quasi nicht vorhanden.»

Im Umgang mit den Syrerinnen hat die Dame eine klare Linie: «Entweder freundest du dich mit ihnen an, so dass sie mit dir zusammenarbeiten. Oder du siehst zu, dass du sie los wirst, indem du der Polizei einen Hinweis auf sie gibst.»

Besonders brisant sind die Prostitutionsvorwürfe im Flüchtlingslager Saatari, wo 120'000 Menschen leben. Das Lager wird von den Vereinten Nationen finanziert, Gastgeber Jordanien ist ein konservatives muslimisches Land.

Toiletten werden zu Bordellen

«Wir haben keine Beweise für Prostitution in dem Lager, aber wir haben die Gerüchte darüber gehört», sagt Andrew Harper, Leiter des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) in Jordanien. «Angesichts der Lage der Frauen, der steigenden Zahl von Bewohnern und der fehlenden Ressourcen würde es mich aber nicht wundern, wenn sich einige für diesen Weg entscheiden.»

Die Menschen im Lager beklagen, dass die unbeleuchteten Toiletten in der Nacht zu Bordellen würden. Helfer berichten, dass Dutzende Babys geboren worden seien, ohne dass es Angaben über den Vater gegeben habe - möglicherweise eine Folge der Prostitution. Und einige Bewohner - wie Mohammed Abu Zureik - wissen von Fällen, in denen Frauen schlichtweg verhökert wurden. «Mein Nachbar hat seine Tochter für 2000 Dollar an einen Araber verkauft, der genau so alt war wie er selbst», sagt er.

Die jordanische Polizei bewacht zwar die Tore des Lagers, patrouilliert aber nur selten innerhalb. Hartnäckig halten sich Gerüchte, dass Polizisten selbst in die Prostitution verwickelt sind. Zuletzt gab es sogar Ausschreitungen im Lager, nachdem Gerüchte über sexuelle Übergriffe von Polizisten auf Flüchtlingsfrauen aufgekommen waren. Die Polizei selbst schweigt zu diesen Vorwürfen.

Freiwillig?

Die Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA) räumen zwar ein, dass es in dem Lager Prostitution gibt, so wie in jeder grossen Stadt mit ähnlicher Bevölkerung. Aber sie beharren darauf, dass die Frauen sich freiwillig verkaufen - trotz eindeutiger Gegenbeweise.

«Ich bestehe darauf, dass syrische Frauen in Saatari und anderswo Prostitution betreiben, weil sie es mögen oder sich daran gewöhnt haben - aber nicht für Geld oder um ihrer armen Familien willen», sagt Ghassan Dschamus, ein Sprecher der FSA.

Die 24 Jahre alte Sammar erzählt eine andere Geschichte. Ihren Job in einer Boutique in der syrischen Hauptstadt Damaskus verlor sie wegen der Wirtschaftskrise. Sie ging nach Jordanien, doch sie fand keine seriöse Arbeitsstelle - weder als Telefonistin noch als Kellnerin oder als Rezeptionistin in einem Hotel.

«Eine gefährliche Arbeit»

Jetzt flaniert sie auf dem Boulevard der nordjordanischen Stadt Irbid auf und ab, um Männer abzuschleppen - zusammen mit vier anderen syrischen Mädchen. Die Klientel reicht von Teenagern, die zu Fuss unterwegs sind, bis hin zu älteren Männern in eleganten Limousinen, einige sogar mit Nummernschildern aus arabischen Nachbarländern.

«Es ist eine gefährliche Arbeit. Ich riskiere mein Leben. Aber was soll ich tun?», fragt die brünette, grünäugige Frau. Sie trägt enge Lederhosen, ein knappes weisses Shirt und falschen Silberschmuck. «Meine Eltern sind krank und können nicht arbeiten. Ich bin das älteste von sieben Kindern, ich muss arbeiten, um ihnen Geld nach Syrien zu schicken», sagt sie.

Rund die Hälfte der Syrer lebt inzwischen in Armut - vor Beginn des Bürgerkriegs waren es knapp zwölf Prozent. Die Preise für Lebensmittel sind laut Zahlen des Zentralamts für Statistik im vergangenen Jahr um 60 Prozent gestiegen. Zugleich ist wegen der Kämpfe die landwirtschaftliche Produktion um 80 Prozent zurückgegangen. Besonders schlimm betroffen ist das Grenzgebiet zu Jordanien im Süden des Landes.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lord Scari am 12.03.2013 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Waffen liefern, dann Humanität heucheln

    Das sind doch dieselben welche man über die Türkische Grenze Waffen schickt, sogar die Schweiz zahlt mit. Die Untersuchungen wie Schweizer Handgranaten in Hände syrischer Rebellen gelangte, ist scheinbar im Sande verlaufen.

    einklappen einklappen
  • Marcel Füllemann am 12.03.2013 15:03 Report Diesen Beitrag melden

    Stellvertreterkriege

    So wie alle Freiwillig aus dem Land fliehen oder was? Sry ich bin nun wirklich kein Fan von Assad, aber mit der FSA wird sich genau gar nichts in Syrien ändern. Der ganze arabische Frühling ist nur ein Spiel der Mächtigen (USA, China und Russland), nach noch mehr Macht. Ginge es wirklich um die Demokratie, hätte sich in den betroffenen Länder längst was getan. Aber Fakt ist ALLE betroffenen Staaten sind nun noch kaputter als vorhin. Anstatt von Diktatoren haben wir nun Militärregime und Religiöse Fanatiker an der Macht. Zwar ist der Beitrag am Thema vorbei, aber das wäre mal Schlagzeilen wert.

    einklappen einklappen
  • Eva am 12.03.2013 15:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Initiative

    Welt-Initiative: stellt dem mann die sexuelle begierde auf ein minimum runter. Abzocker ade. Dann hätten alle ihre ruhe!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Randstadtgebiet am 13.03.2013 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Asyl

    Ich kann mich nur deiner Aussage nur Anschliessen! Es Wer Geld hat, der kann sich auch die Überfahrt Finanzieren. Und da viele Frauen unterdrückt werden, ist es ja klar, wer kommt. Da jedoch viele Arbeiten wollen, aber eine längere Zeit nicht dürften, ist es ja klar das Kleinkriminalität entsteht. Wäre mal Zeit sich mehr Gedanken über diesen Punkt zu machen, wie es in Zukunft weitergehen wird.

  • Stefan S. am 13.03.2013 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch!

    Und das ist Männlichkeit? Schrecklich! Schäme mich immer mehr, auch ein Mann zu sein!

  • b.m. am 13.03.2013 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Krieg zerstört die Seele

    Wie kann das sein? In so einer Lage werden die Frauen noch als Ware rumgereicht...Ekelhalft! Es gibt keine Gerechtigkeit auf dieser Welt.

  • Michael Brändle am 13.03.2013 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Asyl

    Das wäre mal ein Thema für di Asylpolitik! Anstatt die jungen Männer zu beherbergen sollte man nur noch Frauen und Kinder in den Asylheimen aufnehmen!! Die würden sich tausendmal besser integrieren und vor allem die brauchen wirklich Schutz! Die Männer zwischen 20-40 würden besser in ihrem Land helfen!

    • T.Brändli am 13.03.2013 13:03 Report Diesen Beitrag melden

      Genau!

      Es liegt in der Natur der Kräfteverteilung, dass Männer in der Regel stärker sind und sich somit auch besser an der Asylschlange vorbei Ellbögeln können. Die wirklich Bedürftigen bleiben so immer wieder auf der Strecke! Oder gibt es in Afrika nur asylsuchende Männer? Habe bis jetzt noch "fast" keine Frauen bei den Asylunterkünften gesichtet.

    • Matt am 13.03.2013 13:49 Report Diesen Beitrag melden

      Super Idee

      Das nenne ich auf den Punkt gebracht. Genau so sollte es sein! Zwar kann man nicht mit grundsätzlich sagen, dass alle Frauen sich besser integrieren und dringender Schutz brauchen als Männer, dies müsste man wohl von Fall zu Fall prüfen, was denn einfach zu aufwändig wäre...

    einklappen einklappen
  • Frau am 13.03.2013 07:38 Report Diesen Beitrag melden

    RUAG zur Kasse bitten

    Nicht anders sieht es in allen grossen Flüchtlingslagern aus. Traurig, denn im Moment verdienen sie Geld für ihre Familien. Doch wenn der Krieg vorbei ist, werden sie ein Leben am Rande der Gesellschaft führen, verstossen von der Familie die vorher genau auf dieses schmutzige Geld angewiesen war. Humanitäre Hilfe bedeutet nicht nur Lebensmittel, Hygiene und Zelt über dem Kopf. Waffenhersteller sollten meiner Meinung nach schon lange in einen Fonds für Kriegflüchtlinge zahlen müssen. Denn geflüchtet wird wegen ihren Produkten!