Frage an Experten

06. Dezember 2012 23:50; Akt: 06.12.2012 23:56 Print

Was, wenn Assad Chemiewaffen einsetzt?

Der syrische Machthaber Baschar al-Assad ist zunehmend in Bedrängnis. Wird er zum Letzten greifen, um seine Macht zu halten? Und was passiert, sollten die C-Waffen zum Einsatz kommen?

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Assads Regime reagiert auf die C-Waffen-Vorwürfe mit Gegenvorwürfen: Der Westen bausche die Bedrohung auf, um einen Angriff auf das Land rechtfertigen zu können. (Bild: Reuters)

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Die Sorge vor einem Chemiewaffeneinsatz des syrischen Regimes wächst. US-Behörden zufolge bestückt die syrische Armee Flugbomben mit dem tödlichen Nervengas Sarin.

Aussichten, die so erschreckend sind, dass sie neue Bewegung in die diplomatischen Bemühungen zur Beendigung des blutigen Bürgerkriegs bringen. So kamen am Donnerstag in Dublin US-Aussenministerin Hillary Clinton und ihr russischer Amtskollege Sergej Lawrow mit dem Syrien-Sondergesandten Lakhdar Brahimi zusammen.

«Die Situation ist schlimm»

Dabei sei über Möglichkeiten gesprochen worden, Syrien «vor dem Abgrund zu retten», sagte Brahimi nach dem rund 40-minütigen Treffen. Er gestand allerdings ein: «Wir haben keine sensationellen Entscheidungen getroffen. Aber ich denke, wir sind übereingekommen, dass die Situation schlimm ist.» Einig sei man sich auch, dass man weiter zusammenarbeiten müsse, um die Lage unter Kontrolle zu bringen und die Krise letztlich zu lösen.

Das Treffen nährte zumindest die Hoffnung, dass Russland und die USA, die beim Vorgehen in Syrien sehr unterschiedliche Positionen einnehmen, doch noch zu einem Kompromiss gelangen könnten. Russland hatte bisher gemeinsam mit China scharfe Resolutionen gegen Syrien im UN-Sicherheitsrat verhindert.

Gefahr: Kontrollverlust über C-Waffen

Doch auch Russland hat die Möglichkeit eines Chemiewaffeneinsatzes verurteilt. Und auch der zunehmende Druck auf Staatschef Baschar al Assad durch die Rebellen liess den Westen zuletzt hoffen, dass Moskau ihm seine Unterstützung entziehen könnte.

Sind die Befrüchtungen vor einem Einsatz von Chemiewaffen übertrieben? Am Mittwoch warnte US-Aussenministerin Clinton in Brüssel: «Ein zunehmend verzweifeltes Assad-Regime könnte Chemiewaffen einsetzen - oder die Kontrolle darüber an eine der vielen Gruppierungen verlieren, die derzeit in Syrien aktiv sind.»

Was passiert, wenn?

Clinton unterstrich, dass ein möglicher Einsatz die «rote Linie» überschreiten und man die Verantwortlichen zur Verantwortung ziehen würde. Damit wiederholte sie Warnungen, die bereits US-Präsident Obama oder Nato-Generalsekretär Rasmussen ausgesprochen hatten.

Doch welche Taten würden auf diese Worte folgen, käme es tatsächlich zu einem Einsatz von Chemiewaffen?

Jeffery White, Nahostexperte vom «Washington Institute», sowie Marina Ottoway von der Carnegie-Stiftung für Internationalen Frieden sind sich einig: Sollte es zu einem solchen Einsatz kommen, wird die internationale Gemeinschaft in Syrien interventieren müssen. «Sollten Zivilisten vergast werden, wäre das ein Akt, den niemand mehr ignorieren könnte», so Ottoway gegenüber der «International Business Times».

Luftangriffe auf C-Waffenlager

Selbst der Einsatz von westlichen Bodentruppen sei dann nicht mehr ausgeschlossen. Sehr viel hänge aber davon ab, wieviel Vorbereitungszeit man habe, sagt White. Ottoway stimmt zu: «Eine Intervention improvisert man nicht.»

«Eine Möglichkeit des Eingreifens wäre, die Lager, wo die Waffen gehortet sind, aus der Luft zu zerstören. Das dürfte relativ schnell erledigt sein», so Ottoway weiter. «Doch ein Einsatz, der die Kämpfe wirklich unter Kontrolle bringt, würde Kampfstiefel auf syrischem Boden nötig machen. Ich bin mir nicht sicher, ob wir hierführ bereit wären.»

Verwirrung stiften

Experte White gibt zu Bedenken: «Das Regime würde alles tun, um Verwirrung zu stiften: Man würde sagen, dass Terroristen die Chemiewaffen eingestezt hätten. Es würde alles getan, damit niemand mit Sicherheit sagen könnte, wer wirklich dahinter steckte und wer wirklich Opfer wurde.»

Assad dürfte C-Waffen am ehsten an Orten einsetzen, die von den Kämpfern der Freien Syrischen Armee (FSA) erobert wurden. Dabei wäre es ihm egal, ob und wieviele Zivilisten ebenfalls sterben würden. «Ich gehe davon aus, dass das Regime Chemiewaffen nur in beschränktem Masse einsetzen und die Schuld dann auf Terroristen und Ausländer schieben würde.»

Fluchtvorbereitungen Assads?

Bleibt zu hofen, dass Syrien und der Welt solche Schreckensszenarien erspart bleiben. Immerhin besagen neuste Gerüchte, dass Assad seine Flucht ins südamerikanische Exil vorbereite und den Staatschefs von Kuba, Ecuador und Venezuela entsprechend schriftlich informiert haben soll.

(gux/dapd)