Bürgerkrieg in Syrien

14. Dezember 2012 20:20; Akt: 15.12.2012 03:48 Print

Herr Tilgner, wann fällt Baschar al-Assad?

von Ann Guenter - Die syrischen Rebellen rücken immer weiter in das Zentrum von Damaskus vor. Nahostexperte Ulrich Tilgner sagt, wie lange das Regime sich noch wird halten können - und was nach Assad kommt.

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Herr Tilgner, wann fällt Baschar al-Assad?

Ulrich Tilgner: Jetzt kann es sehr schnell gehen. Doch das hängt ganz alleine vom syrischen Machthaber ab. Er hat jetzt noch drei Möglichkeiten: Eine Flucht, was aber mittlerweile sehr schwierig wird. Die Exekution, Assad kann sich etwa in seinem Palast erschiessen lassen. Oder aber der geordnete Rückzug im Chaos.

Ein geordneter Rückzug im Chaos?

Ja, denn in dem Land herrscht das Chaos. Lediglich in der Hauptstadt Damaskus sind noch Teilstrukturen vorhanden, staatliche Strukturen, auf denen sich wieder aufbauen lässt. Wo es diese nicht mehr gibt, ist ein Wiederaufbau fast unmöglich. Das mussten die USA im Irak erfahren. Ein Kompromiss mit den Aufständischen und ein Rückzug im Chaos wäre jetzt für alle das Beste. Sollte sich Assad dazu durchringen können, dann wird es sehr schnell gehen. Doch seine Tage sind so oder so gezählt.

Wo sehen Sie die stärksten Indizien für das nahende Ende Assads?

Sicher der Geländegewinn der Opposition. Mittlerweile haben die Rebellen einen Grossteil Aleppos, der zweitgrössten syrischen Stadt, unter ihre Kontrolle bringen können. Dazu fallen auch immer mehr Vororte von Damaskus. Der Anfang vom Ende wurde definitiv mit der Unterbrechung der Verbindung zum internationalen Flughafen von Damaskus eingeleitet, da sich das Regime jetzt noch schwerer Nachschub verschaffen kann. Und natürlich sind da auch die ranghohen Überläufer. Gerade erst hat sich ja sogar der Sprecher des syrischen Aussenministeriums ins Ausland abgesetzt.

Wenn es Assad gelingen sollte, seine Haut noch zu retten – wie sieht seine Zukunft aus?

In Syrien dürfte er kaum noch eine Zukunft haben. Allerdings wird es auch schwierig werden, aus dem Land auszureisen. Es geht jetzt nur noch darum, dass er seinen Untergang akzeptiert. Enden dürfte das alles mit seinem Tod oder vor Gericht.

Die Chance, in ein südamerikanisches Exil zu gehen, ist ebenfalls verspielt?

Ja. Der venezolanische Präsident Hugo Chávez hätte ihn zwar sicher aufgenommen. Doch der ist mittlerweile in Kuba und lässt seinen Krebs behandeln. Der hat jetzt andere Sorgen. Assad wird so selbst zum Flüchtling und das bald im eigenen Land.

Was passiert denn mit Assads Entourage und seinen Anhängern?

Die 10'000 Leute im Regierungsapparat dürften jetzt grossen Druck auf Assad ausüben, damit die Chance einer ordentlichen Übergabe der Strukturen noch ergriffen wird. Nur noch das kann ihr Leben retten und weiteres Blutvergiessen in der Bevölkerung verhindern. Die Chancen, dass es zu einem Kompromiss zwischen Regime und Opposition kommt, sind da. Daran sind, mit Ausnahme der Rebellen, letztlich viele Kräfte interessiert. Weder der Westen noch Saudi Arabien wollen Syrien zerschlagen. Wirklich wichtig ist ihnen, dass die extremen Kräfte wie die Salafisten nicht an Macht gewinnen. Das will selbst der Iran verhindern.

Was wird mit Syriens vielen ethnischen und religiösen Minderheiten passieren, die sich vom Assad-Regime beschützt fühlten? Kann Syrien zu einem Vielvölkerstaat wie der der Libanon werden - oder entsteht ein neuer Brandherd wie im Irak, wo sich Sunniten und Schiiten, Araber und Kurden gegenüberstehen?

Die zentrifugalen Kräfte in Syrien sind tatsächlich sehr stark. Die Kurden im Nordosten Syriens bereiten sich auf ihre Autonomie vor und nehmen sich die Kurden im Irak zum Vorbild. Das Ziel in Syrien muss es sein, eine sunnitische Diktatur zu verhindern. Eine künftige Regierung muss zusammen mit den Kurden, Christen und Alawiten ein Programm der nationalen Aussöhnung entwickeln.

Wer hat dazu die Macht, wer wird die federführende Kraft beim Wiederaufbau werden, bedenkt man, dass die Opposition unter sich zersplittert ist? Und welche Rolle spielt die Freie Syrische Armee?

Die wichtigste Kraft sind ganz klar die Muslimbrüder. Auch wenn sie den Aufstand gegen das Regime nicht vollständig kontrollieren und radikale, salafistische Kräfte vor allem in den grösseren syrischen Städten immer mehr Zulauf finden. Die Freie Syrische Armee FSA untersteht grösstenteils den Muslimbrüdern. Allerdings machen sich auch in der FSA radikale in- und ausländische Gruppierungen bemerkbar. Etwa radikale Sunniten aus Saudi Arabien oder die Al Kaida .

Gibt es denn schon einen Hoffnungsträger für die Zeit nach Assad?

Nein. Da müssen wir abwarten. Gut möglich, dass es jemand von der Auslandsopposition der Syrer, ein Exilpolitiker des Widerstandes, zur Führungsfigur entwickelt. Jetzt ist es vor allem und zu allererst die Stunde von Lakhdar Brahimi, dem UNO-Sondergesandten für Syrien.