Ägypten

07. Dezember 2012 04:05; Akt: 07.12.2012 11:40 Print

Mursis «schizophrene Rede»

Was Ägyptens Präsident Mohammed Mursi gestern seinem Volk sagte, sei «schizophren», sagt Islamisten-Kenner Tarek Masoud. Präsident Obama forderte Mursi zum «Dialog ohne Vorbedingungen» auf.

Der TV-Player benötigt einen aktuellen Adobe Flash Player: Flash herunterladen
Zum Thema
Fehler gesehen?

Tarek Masoud ist Dozent an der Harvard University und Autor eines demnächst erscheinenden Buchs über islamistische Parteien. In der CNN-Sendung «Amanpour» analysierte er Mursis Rede. «Es war sehr interessant, weil es gewisserweise eine schizophrene Rede war. Einerseits sprach Mursi in einer Sprache, die an Mubarak erinnerte, nannte die Opposition Provokateure, brauchte sogar das Wort Terroristen und warf ihr vor, als Minderheit die Mehrheit zu missachten. Anderseits machte er gewisse Zugeständnisse. Zum Beispiel sagte er, dass der speziell beunruhigende Artikel 6 in der Verfassung, der ihm praktisch eine Carte blanche gibt, gestrichen werde. Und er nannte ein Datum für den Dialog mit der Opposition, den er seit einiger Zeit führen will. Aber ob das wirklich substanzielle Zugeständnisse sind, bleibt offen.»

Auch US-Präsident Barack Obama ist besorgt über die Eskalation der Gewalt in Kairo und hat Ägyptens Präsident Mohammed Mursi in einem Telefongespräch aufgefordert, ohne Vorbedingungen mit der Opposition zu verhandeln.

«Der Präsident hat betont, alle politischen Führer in Ägypten müssten ihrer Anhängerschaft klar machen, dass Gewalt inakzeptabel sei», erklärte das Präsidialamt. Das Dialogangebot Mursis sei von Obama begrüsst worden. Dafür dürften aber keine Vorbedingungen gestellt werden. Das gelte auch für die Opposition.

Ein umstrittener Artikel könnte gestrichen werden

Mursi hatte zuvor Vertreter von Opposition und Justiz am Samstag zu Gesprächen über die politische Zukunft des Landes eingeladen. Zugleich signalisierte der Islamist seine Bereitschaft, eine besonders umstrittene Passage seines jüngsten Dekrets zu ändern.

Doch in Masouds Augen ist Artikel 6 nicht das grösste Problem, sondern Artikel 2, der sämtliche präsidialen Dekrete seit Mursis Amtsantritt unanfechtbar macht. «Für mich war die Tatsache, dass er darüber kein Wort verlor, sehr aufschlussreich.» Auf die Frage von Moderatorin Christiane Amanpour, was er von der Aussage halte, dass es bei einem Nein zur Verfassung zu Neuwahlen und zu einer neuen Verfassung kommen werde, sagte Masoud: «Das ist in meinen Augen kein Zugeständnis. Ein Zugeständnis wäre gewesen, auf einige der drängendsten Forderungen der Opposition einzugehen, beispielsweise, dieses Dekret mit den weitreichenden Vollmachten des Präsidenten wieder zu annullieren und den Verfassungsentwurf fallen zu lassen. Mursi hätte eine der beiden oder sogar beide Forderungen erfüllen können, etwa indem er gesagt hätte, er lege das Dekret auf Eis, das Referendum werde aber abgehalten. Damit hätte er meiner Meinung nach die Opposition wieder spalten können.»

Masoud meinte, er sei sicher, dass die ägyptische Bevölkerung bereit war, ihm zuzuhören, und dass Mursi eine Chance verpasst habe.

(bem)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ruedi W. am 07.12.2012 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    Demokratie??

    Mursi und die Muslimbruderschaft bauen in Ägypten einen islamischen Gottesstaat auf, die Scharia wird eingeführt, Anhänger und Mitläufer gibt es ja zur Genüge. Das aber ist auf sicher erst der Beginn eines Flächenbrandes. Es wird nicht lange auf sich warten lassen, bis andere Führer, angeblich Demokratisierter Islamischen Länder, Mursi folgen werden. Was Mursi als Demokratie verkaufen will ist einfach gesagt eine Schande für jeden Demokraten und jeden Demokratischen Staat. In dieses Unruhegebiet wird es in den nächsten Jahren «so lange die Extremisten am Ruder sind» keine Ruhe geben. Hoffen wir, dass die Ganzen Unruhen nicht den Weltfrieden beeinträchtigen, ein überschwappen über die Grenzen und aus einem kleinen Brändchen wird ein Riesenbrand.

    einklappen einklappen
  • Grete Keuner am 07.12.2012 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Willkür

    Mursi ist auf einem gefährlichen Weg. Er redet von Demokratie, und meint Mehrheiten, wo es gerade passt. Wo nicht, will er im Alleingang beispielsweise Artikel 6 des eben beschlossenen Verf.entwurfs ausser Kraft setzen. Was soll da noch Geltung haben?

  • a.fo am 07.12.2012 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Religion und Staat

    Da in den islamischen Staaten die Religion und der Staat nicht getrennt sind, führt das unweigerlichen zu solchen, aus unser Sicht, Exzesen. Der Westen meint weiterhin, dass man diesen Staaten unsere Idee von Demokratie aufzwingen kann. No way, forget it!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Grete Keuner am 07.12.2012 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Willkür

    Mursi ist auf einem gefährlichen Weg. Er redet von Demokratie, und meint Mehrheiten, wo es gerade passt. Wo nicht, will er im Alleingang beispielsweise Artikel 6 des eben beschlossenen Verf.entwurfs ausser Kraft setzen. Was soll da noch Geltung haben?

  • a.fo am 07.12.2012 12:21 Report Diesen Beitrag melden

    Religion und Staat

    Da in den islamischen Staaten die Religion und der Staat nicht getrennt sind, führt das unweigerlichen zu solchen, aus unser Sicht, Exzesen. Der Westen meint weiterhin, dass man diesen Staaten unsere Idee von Demokratie aufzwingen kann. No way, forget it!

  • ben eugster am 07.12.2012 11:33 Report Diesen Beitrag melden

    bravo

    weiter so mursi, die schweiz lässt auch keine minarets bauen. mach das selbe dort und lass keine kirchen mit "türmen und glocken" bauen, damit hier die leute noch hässiger werden. gross reden und hier verbieten sie minarets da sie "zeichen der macht" darstelle. Schweiz sei christliches land und soll so bleiben, betonen die leute. nun egypten ist islamisches land und soll so bleiben.

  • Ruedi W. am 07.12.2012 10:45 Report Diesen Beitrag melden

    Demokratie??

    Mursi und die Muslimbruderschaft bauen in Ägypten einen islamischen Gottesstaat auf, die Scharia wird eingeführt, Anhänger und Mitläufer gibt es ja zur Genüge. Das aber ist auf sicher erst der Beginn eines Flächenbrandes. Es wird nicht lange auf sich warten lassen, bis andere Führer, angeblich Demokratisierter Islamischen Länder, Mursi folgen werden. Was Mursi als Demokratie verkaufen will ist einfach gesagt eine Schande für jeden Demokraten und jeden Demokratischen Staat. In dieses Unruhegebiet wird es in den nächsten Jahren «so lange die Extremisten am Ruder sind» keine Ruhe geben. Hoffen wir, dass die Ganzen Unruhen nicht den Weltfrieden beeinträchtigen, ein überschwappen über die Grenzen und aus einem kleinen Brändchen wird ein Riesenbrand.

    • Zogg S am 07.12.2012 11:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Stimme zu

      Und die Welt schaut zu

    • Thomas am 07.12.2012 11:39 Report Diesen Beitrag melden

      Mal zurückhaltend bleiben

      Noch führt niemand die Scharia ein und ich denke auch nicht, dass Mursi das machen will. Solange es eine islamistische Demokratie ist, die aber nach gewissen Wertvorstellungen handelt ist das ja auch keine Bedrohung für den Westen. Kritisch wird es bei intransparenten Staaten wie dem Iran, wo ein Radikaler Anführer den islamischen Gottesstaat predigt.

    einklappen einklappen
  • R2D2 am 07.12.2012 09:22 Report Diesen Beitrag melden

    Ein Rückschrit für die Demokrati...

    Als guter Kenner von Menschen, Land und Politik in Aegypten, ich bereise das Land schon seit 30 Jahren immer wieder und verbrachte dort viel Zeit mit Diskussionen, ist mir nun klar wohin die Regierung will. Mit kleinen oder etwas grösseren Schritten in die Diktatur! Schon damals bei der Wahl der Moslembrüder war mir klar das es so kommen wird denn gibt man diesen Leuten einmal den kleinen Finger wollen diese alles was daran hängt. Ich hoffe nicht, aber es wird wohl in dieser Region deshalb noch zum Krieg kommen zwischen Aegyptern und dies richtig heftig. Ein Rückschritt für Aegypten!