Zwischen Wut und Trauer

21. Juli 2014 15:03; Akt: 21.07.2014 16:06 Print

«Wieso sind wir so nett zu Putin?»

Kein Zugang zu den Opfern, angebliche Leichenfledderei, Unklarheit über den Verbleib der Toten: Kaum vorstellbar, wie sich die Angehörigen der MH17-Opfer fühlen. Die Wut auf Putin wächst.

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Bryce Fredriksz (23) und dessen Freundin Daisy Oehlers (20) wollten nach Bali in die Ferien, damit Daisy den Tod ihrer Mutter besser verarbeiten konnte. «Jetzt liegen sie irgendwo in der Ukraine auf dem Boden. Ich weiss nicht, wo sie sind. Herr Putin, schicken Sie meine Kinder heim», klagte die Mutter von Bryce Fredriksz (23). Der gebürtige Brite Rob Ayley: Er schrieb seiner Frau Sharlene in einem letzten E-Mail nach Neuseeland, wie sehr er sich freue, die Familie wiederzusehen. Ein Blumenmeer vor der niederländischen Botschaft in Kiew. Azrina Yakob (41) war Chef-Flight-Attendant auf Flug MH17. Ihre Familie gedenkt ihrer in Sungai Pekel. «Werden wir sie jemals verabschieden können?», fragen sich die Angehörigen. In Amsterdam gedenken die Menschen der vielen Kinder unter den Opfern, darunter Steven Noreilde von Brasschaat, Belgien. Diese ganze Familie wurde ausgelöscht: Lehrer Arnold Huizen, Ehefrau Yodricunda und Tochter Yelena Clarice. In Amsterdam wird auch John Allen, einem britischer Anwalt, dessen holländischer Ehefrau und deren drei Söhne gedacht. Eine Frau in Amsterdam schreibt in das Kondolenzbuch für den niederländischen Aids-Spezialisten Joep Lange und dessen Assistentin Jaqueline van Tongeren. Sein Ton gegenüber dem Kreml hat sich verschärft: «Ich will Resultate sehen, ungehinderten Zugang unserer Experten und die Rückführung der Opfer», soll der niederländische Premier Mark Rutte in einem «langen und intensiven Telefonat» zu Wladimir Putin gesagt haben.

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Ihr Appell an den russischen Präsidenten fasst die Trauer und Wut der ganzen Nation zusammen: «Herr Putin, schicken Sie meine Kinder heim. Schicken Sie sie heim. Bitte.» Die Niederländerin Silene Fredriksz-Hoogzand verlor beim Flugzeugdrama rund um Flug MH17 in der Ukraine ihren Sohn Bryce (23) und dessen Freundin Daisy Oehlers (20). Fredriksz-Hoogzand muss sich fürchterlich fühlen: Sie schickte das junge Paar in die Ferien nach Bali, damit Daisy über den Verlust ihrer Mutter hinwegkommen möge, die vor einigen Monaten gestorben war. «Jetzt liegen sie irgendwo dort auf dem Boden. Ich weiss nicht, wo sie sind.» Sie fügt an: «Ich weiss, Herr Putin kann etwas tun.»

Umfrage
Sollte der Westen mehr Druck auf Russland und Präsident Wladimir Putin ausüben, um die Aufklärung des MH17-Abschusses voranzutreiben?
63 %
15 %
22 %
Insgesamt 41119 Teilnehmer

Die Niederlande haben bei dem Abschuss der Passagiermaschine von Malaysia Airline mit 193 Passagieren am meisten Opfer zu beklagen. Unter den Verstorbenen sind viele Kinder: «80 Opfer waren unter 18 Jahre alt, 23 waren unter zwölf Jahre alt. Drei waren Babys. Es ist zu schrecklich, um Worte zu finden», so der Premierminister Mark Rutte. Ganze Städte und Dörfer stehen vier Tage nach dem Drama unter Schock. Etwa Hilversum, 35 Kilometer von Amsterdam entfernt. Drei Familien von hier, 24 Personen, wurden einfach ausgelöscht. Auch das Kind einer vierten Familie war unter den Opfern.

«Krieg mitfinanzieren mit Kreditkarte meines toten Bruders?!»

Doch es gibt nicht nur Trauer. In den Niederlanden wächst der Ärger über den Umgang mit den Toten des Flugzeugabsturzes.
Tatsächlich machen die Berichte, die Europa nach dem Flugzeugunglück aus der Ukraine erreichen, fassungslos: Betrunkene Separatisten sollen die Leichen fleddern, Brieftaschen der Toten ausräumen und versuchen, mit deren Kreditkarten Geld abzuheben. «Stellen Sie sich vor», sagt Ruud Lahaye in Maastrich, «dass mein toter Bruder den Krieg in der Ukraine mitfinanzieren würde. Ich habe seine Kreditkarte sofort sperren lassen.»

Das Foto eines Rebellen, der mit geschultertem Gewehr in der einen Hand eine brennende Zigarette hält und in der anderen das Stofftier eines verstorbenen Kindes achtlos mit sich schleift, hat am Wochenende einen nationalen Aufschrei nach sich gezogen: «Mörder!» titelte «de Telegraaph» vom Sonntag.

Niederländer und 20-Minuten-Leser: Mehr Druck auf Putin

Die Wut der Menschen richtet sich zunehmend gegen den russischen Präsidenten, der seinen Einfluss auf die Separatisten kaum geltend zu machen scheint. «Wieso sind wir so nett zu Putin?», fragt Hans Hoofte, der in Amsterdam zum Gedenken der Opfer am Wochenende Blumen niederlegte. «Vergessen Sie ihre diplomatischen Worte, Premier Rutte, und hauen Sie mit der Faust auf den Tisch!» Hoofte spricht aus, was das ganze Land zu denken scheint. Und nicht nur die Niederländer: 23'000 20-Minuten-Leser haben beim Voting abgestimmt. 65 Prozent von ihnen finden: Es muss mehr Druck auf Wladimir Putin ausgeübt werden.

Premierminister Rutte, der sich anfangs noch zurückhielt, fand jetzt deutlichere Worte gegenüber dem russischen Präsidenten. «Es sind 35 Grad dort. Wir müssen uns jetzt um die Leichen kümmern. Ich will Resultate sehen, ungehinderten Zugang unserer Experten und die Rückführung der Opfer», soll er ihm bei einem «langen und intensiven Telefonat» gesagt haben. Er habe klargemacht, dass Putin seinen Einfluss auf die Rebellen geltend machen müsse, um eine internationale Untersuchung zu ermöglichen. Sollte es zu Verzögerungen oder Problemen für Ermittler kommen, könnten direkt oder indirekt verantwortliche Menschen mit Sanktionen belegt werden, sagte Rutte.

(gux)