Propaganda-Coup

21. März 2014 02:02; Akt: 21.03.2014 10:45 Print

War ihre Live-Kündigung inszeniert?

Vor laufenden Kameras warf Russian-TV-Moderatorin Liz Wahl Russland Propaganda vor und kündigte. Jetzt mehren sich die Hinweise, dass es eine Aktion der US-Neokonservativen war.

Die Kündigung der RT-Moderatorin Liz Wahl am 5. März 2014. (Quelle: YouTube/RT America)
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Sie könne nicht weiter für einen von der russischen Regierung bezahlten Sender arbeiten, der die Politik Wladimir Putins beschönige, sagte die US-amerikanische TV-Moderatorin Liz Wahl während ihrer Sendung am 5. März 2014. Wahl war bereits die zweite Moderatorin des Kreml-nahen Senders RT, die vor laufenden Kameras Putins Politik kritisierte.

Zwei Tage zuvor hatte Abby Martin am Schluss ihrer Sendung auf RT die Entsendung von russischen Soldaten auf die ukrainische Halbinsel Krim angeprangert. Anders als der erste Fall wurde Wahls Kündigung jedoch vorangekündigt: Die neokonservative Denkfabrik Foreign Policy Initiative (FPI) machte 19 Minuten vor Wahls Kündigung mit mehreren Tweets auf die Sendung aufmerksam.


«Laut Gerüchten wird in etwa 20-25 Minuten etwas Grosses auf RT passieren. Siehe: http://rt.com/on-air/rt-america-air/»


«Leute, schaltet auf RT: http://rt.com/on-air/rt-america-air/»


Noch während Moderatorin Wahl kündigte, twitterte FPI:


«RT-Frontfrau KÜNDIGT VOR LAUFENDEN KAMERAS. Sie ‹kann kein Teil eines Senders sein, der Putins Handlungen weisswäscht›.»

Und nur eine Stunde später veröffentlichte die US-Zeitung «Daily Beast» eine ausführliche Exklusiv-Story über Wahl – geschrieben vom amerikanischen Journalisten James Kirchick.

Die möglichen Akteure

Die Newssite «Truthdig» wurde stutzig, begann zu recherchieren – und fand Hinweise darauf, dass es sich um eine koordinierte Aktion handeln könnte.

FPI – Politische Ziele. Foreign Policy Initiative, die Organisation, welche die Kündigung von Liz Wahl mit diversen Tweets ankündigte, ist ein Thinktank der Neokonservativen Amerikas. Sie ging aus der ultra-patriotischen Organisation Project for the New American Century hervor. Das Ziel von FPI ist es – gemäss FPI-Direktor William Kristol im «Weekly Standard» – aktuelle geopolitische Krisen dazu zu verwenden, die nach den US-Militärinterventionen in Afghanistan und Irak kriegsmüde amerikanische Öffentlichkeit aufzurütteln und weitere Einsparungen beim Verteidiungsbudget zu verhindern.

James Kirchick – Russland-Hasser. Der Journalist, der die ausführliche Geschichte über Wahls Kündigung als Erster brachte, ist langjähriges aktives Mitglied beim FPI. Sein Lieblingsthema ist – neben der Verteufelung von Israel, der Regierung Obama sowie von Whistleblowern wie Chelsea Manning und Edward Snowden («Verräter») – die Hetze gegen Russland und Osteuropa, wie «Truthdig» ausführt.

Liz Wahl – unzufriedene Mitarbeiterin. Die Moderatorin beim Kreml-nahen TV-Sender RT begründete ihre Kündigung mit dem Argument, dass ihre Beiträge zensiert worden seien und dass sie nicht mehr für einen Sender arbeiten könne, der die Taten des russischen Präsidenten Wladimir Putin beschönige. «Truthdig» sprach mit mehreren RT-Mitarbeitern, die ein etwas anderes Bild von Wahl zeigen: «Liz war immer apolitisch, ohne klare Prinzipien» und «Das Einzige, worüber sich Liz aufregte, war ihr Lohn, der ihrer Meinung nach zu tief war» sind nur zwei Aussagen von Wahls Ex-Kollegen. Wegen ihrer ständigen Unzufriedenheit über die ihrer Ansicht nach unfaire Behandlung beim Sender war Wahl zwei Wochen ohne Bezahlung freigestellt worden. Ausserdem durfte sie fast ein halbes Jahr nicht mehr vor der Kamera auftreten.

Als Argument für ihre Kündigung hatte Wahl Zensur angegeben und lieferte gleich ein Beispiel: Ihr Interview mit dem US-Abgeordneten Ron Paul sei völlig verzerrt wiedergegeben worden. Doch der Abgeordnete widersprach ihren Aussagen, als er später von «OpEdNews» darauf angesprochen wurde: «Was RT in der Sendung gebracht hat, war genau das, was ich gesagt habe.»

Wahl und Kirchick – alte Freunde. Dass Kirchick als Erster nach ihrer Kündigung mit Wahl sprechen konnte, war kein Zufall: Die beiden kannten sich mindestens sechs Monate vor dem medienwirksamen TV-Auftritt der Moderatorin. Damals trat der homosexuelle Kirchick in einer RT-Sendung auf und kritisierte die Anti-Schwulen-Gesetze in Russland. Sein Auftritt hatte grossen Eindruck auf Wahl gemacht. Wie Kirchick in seiner Exklusiv-Story im «Daily Beast» schrieb, waren sie seither Freunde, er selbst habe ihr immer wieder geraten, bei ihren beruflichen Entscheidungen auf ihr Gewissen zu hören.

All dies lässt den Schluss zu, dass die Kündigung von Liz Wahl zu bester Sendezeit eine inszenierte Aktion der neokonservativen Kräfte in den USA war. Und es lässt zumindest aufhorchen, wenn angesichts des aktuell angespannten Verhältnisses zwischen Ost und West ausschliesslich von Russland-Propaganda die Rede ist.

Das «Freedom Selfie» mit Liz Wahl und James Kirchick:



(kmo)