Gefährliche Strategie

13. August 2014 05:59; Akt: 13.08.2014 09:56 Print

Ukraine setzt Neo-Nazis gegen Separatisten ein

Beim Kampf in der Ostukraine will die Regierung in Kiew offenbar den Teufel mit dem Beelzebub austreiben: Bekennende Neo-Nazi-Gruppen sind an vorderster Front dabei.

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Die sogenannte Wolfsangel ist das Emblem des Bataillons Asow. Die rechtsextreme Gruppe ist an vorderster Front beim Kampf gegen die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine dabei. Auffallend viele Mitglieder sind russisch-sprachige Ostukrainer, zahlreiche sind aber aus der ganzen Welt - aus Schweden, Kanada, Italien, Frankreich oder sogar Russland - in die Ukraine gereist. Aus Regierungssicht ist die Zusammenarbeit mit den Rechtsextremen ein notwendiges Übel: Die einst glorreiche ukrainische Armee war bei Ausbruch des Ukraine-Konflikts nach jahrzehntelangen Budgetkürzungen in einem desolaten Zustand. Die Männer des Bataillons Asow sind als unerschrockene Kämpfer bekannt. Der Einbezug der Rechtsextremen in die sogenannte Anti-Terror-Aktion der Regierung ist aber auch Wasser auf die Mühlen der russischen Propaganda. Seit Beginn des Ukraine-Konflikts wird Präsident Wladimir Putin nicht müde, die prowestliche Opposition und später die neue Regierung in Kiew als Bande von Neo-Nazis zu bezeichnen. Es gibt auch andere rechtsextreme Kampftruppen wie etwa das Bataillon Dnjepr oder das Bataillon Donbas (Bild), die Seite an Seite mit den Regierungstruppen kämpfen. Der Entscheid der Regierung, mit den Rechtsextremen zusammenzuarbeiten, birgt auch das Risiko, dass die Veteranen nach dem Krieg in der ukainischen Politik und Gesellschaft mitbestimmen wollen. Vor diesem gefährlichen Erbe warnen verschiedene Experten. Dass die Ukraine die Geister, die sie rief, nicht so leicht wieder loswerden dürfte, zeigt auch die Aussage eines Asow-Kämpfers «Al Jazeera»: «Wir haben zwei Feinde, einerseits Russland und anderseits die EU. Jetzt müssen wir uns erst mal um die pro-russischen Separatisten kümmern.»

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Die Bataillone heissen Asow, Dnjepr oder Donbass. Es sind Gruppierungen Rechtsextremer, die im Frühjahr 2014 gegründet wurden und die sich zurzeit im Kampf gegen die pro-russischen Separatisten in der Ostukraine hervortun.

Mehrere tausend Freiwillige haben sich laut «Telegraph» diesen Gruppen angeschlossen. Auffallend viele sind russisch sprechende Ostukrainer, zahlreiche weitere kommen aus der ganzen Welt – aus Schweden, Kanada, Italien, Frankreich oder Russland – in die Ukraine gereist, um in diesen Bataillonen zu kämpfen. Nicht wenige der Männer sind bekennende Neo-Nazis und Antisemiten, ultrarechte Nationalisten sind sie alle. Bezeichnend für die Weltanschauung dieser Kämpfer ist die Aussage des Ukrainers Andrij Bilezki: «Die historische Mission unserer Nation an diesem kritischen Punkt ist es, die weissen Rassen der Welt im finalen Kreuzzug zum Sieg zu führen», sagte der Kommandeur des Bataillons Asow dem «Telegraph».

Aus Regierungssicht ein notwendiges Übel

Die Armee ist auf die Unterstützung dieser Kämpfer angewiesen: Die einst glorreiche ukrainische Armee ist in einem desolaten Zustand. Es fehlt an gut ausgebildeten und motivierten Soldaten genauso wie an Material. Die rechten Gesinnungsgenossen seien «nicht gerade die Typen, mit denen ich in der Freizeit herumhängen würde», sagte ein Donezker Regierungsmitarbeiter zu «Al Jazeera», «aber im Moment sind das genau die Männer, die wir brauchen, denn sie wollen kämpfen.»

Als unerschrockene Kämpfer sind die rechtsextremen Freiwilligen tatsächlich bekannt – vor allem die Mitglieder des Asow-Bataillons. So wurden diese laut «Telegraph» etwa vorausgeschickt, als die Regierungstruppen Marjinka, einen Vorort im Westen von Donezk, erobern wollten. Obwohl die Asow-Männer in einen Hinterhalt gerieten, schafften sie es, die pro-russischen Separatisten zurückzudrängen und den wichtigen Checkpoint einzunehmen.

Wasser auf Putins Mühlen

Der Einbezug der Rechtsextremen in die sogenannte Anti-Terror-Aktion der Regierung ist Wasser auf die Mühlen der russischen Propaganda. Seit Beginn des Ukraine-Konflikts wird Präsident Wladimir Putin nicht müde, die prowestliche Opposition und später die neue Regierung in Kiew als «Bande von Neo-Nazis» zu bezeichnen. Er bezieht sich dabei sowohl auf die Beteiligung Rechtsextremer an den Maidan-Protesten als auch auf die faschistischen Kollaborateure in der Ukraine im Zweiten Weltkrieg (siehe Infobox).

Gefährliches Erbe

Der Entscheid der Regierung, mit den Rechtsextremen zusammenzuarbeiten, birgt grosse Risiken: «Die neue Geschichte zeigt, dass jede opportunistische Zusammenarbeit der Behörden mit der extremen Rechten unausweichlich erhebliche Probleme für die Regierung und die Gesellschaft mit sich bringt», sagt Anton Schekhowtsow, Experte für ukrainischen Rechtsextremismus am University College in London, zu Al Jazeera. Auch Mark Geleotti, Sicherheitsexperte mit Schwerpunkt Russland und Ukraine an der Universität New York, verweist im «Telegraph» auf das «vergiftete Erbe»: «Was geschieht nach dem Krieg, wenn die Asow-Veteranen durch die Strassen schwadronieren?»

Dass die Ukraine die Geister, die sie rief, nicht so leicht wieder loswerden dürfte, zeigt auch die Aussage eines Asow-Kämpfers auf Al Jazeera: «Wir haben zwei Feinde, einerseits Russland und andererseits die EU. Jetzt müssen wir uns erst mal um die pro-russischen Separatisten kümmern.» Was danach kommt, wird sich zeigen.

(kmo)