Präsidenten-Biografin

28. Dezember 2012 12:19; Akt: 28.12.2012 13:25 Print

«Obama kann sehr eigenbrötlerisch sein»«Obama kann sehr eigenbrötlerisch sein»

von Peter Blunschi - Barack Obama hat mit der Wiederwahl Historisches geschafft. Wird er nun ein grosser Präsident? Biografin Jodi Kantor über Obamas Ziele, seine Schwächen und seine Ehe.

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Das meistgetwitterte Foto der Geschichte: Die Umarmung des Präsidentenpaares wurde am Abend des 6. November veröffentlicht, als Barack Obamas Wiederwahl feststand.

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Amerikas Wirtschaft stottert, die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Menschen sind frustriert. Trotzdem wurde Barack Obama wiedergewählt. Waren Sie überrascht?
Nein. Mitt Romney war ein schwacher Herausforderer. Es stimmt zwar, dass viele Amerikaner mit Obamas Wirtschaftspolitik unzufrieden waren. Aber sie mochten ihn trotzdem noch. Obamas Popularität fiel sehr stark, nachdem er Präsident geworden war, dennoch hat er das Vertrauen der Amerikaner nie vollständig verloren. Viele geben immer noch seinem Vorgänger George W. Bush die Schuld an der schlechten Wirtschaftslage.

Dies allein erklärt seinen Erfolg aber nicht.
Er hat einen exzellenten Wahlkampf geführt. Und für viele ist er nach wie vor eine historische Figur. Es gibt Amerikaner, die rassistische Bemerkungen über Obama machen, aber viele sind auch sehr stolz darauf, dass dieses Land einen Afroamerikaner zum Präsidenten gewählt hat.

Hat er mit seiner Wiederwahl erneut Geschichte geschrieben?
Auf jeden Fall. Die Befriedigung im Weissen Haus ist enorm. Ein afroamerikanischer Obama-Anhänger hat mir sinngemäss gesagt: «Jetzt kann man es nicht mehr als Zufall bezeichnen.» Die Nation hat ihn nicht nur einmal gewählt, sondern wiedergewählt. Historisch ist diese Tatsache aus einem weiteren Grund: Die erfolgreichsten Präsidenten konnten in der Regel acht Jahre regieren. Hätte Mitt Romney gewonnen, wäre vieles von dem, was Obama erreicht hat, rückgängig gemacht worden.

Viele Europäer konnten nicht verstehen, dass Obama um sein Amt kämpfen musste. Haben wir ein falsches Bild von ihm? Oder von Amerika?
Wenn ich mit Europäern über Präsident Obama rede, muss ich immer und immer wieder erklären, warum nicht alle Amerikaner ihn lieben. Es liegt nicht daran, dass die Amerikaner ignorant oder rassistisch sind. Aber wir sind ein politisch gespaltenes Land. Und es war stets einfacher, ihn aus der Distanz zu bewundern, als in nächster Nähe mit ihm zu leben. Die Enttäuschung über Obama entstand auch durch die enormen Erwartungen, die er 2008 weckte. Viele Amerikaner glaubten an das «Hope and Change»-Versprechen. Und dann kam er nach Washington und war anfangs sehr unerfahren, etwa in den Bereichen nationale Sicherheit und Wirtschaft, oder überhaupt mit dem Politikbetrieb. Hinzu kam das äusserst schwierige Umfeld. Deshalb konnte er nicht liefern, was er versprochen hatte. Am Ende litt er unter den hohen Erwartungen, die er geweckt hatte.

Welche Rolle spielte die Demographie bei dieser Wahl?
Sie war sehr wichtig. Die republikanische Partei muss sich ernsthaft überlegen, wie sie sich an ein Umfeld anpasst, in dem weisse Angelsachsen nicht mehr die Norm sind. Die USA waren schon immer ein vielfältiges Land, aber für unsere Präsidenten galt dies überhaupt nicht. Wir hatten an der Spitze unseres Staates 42 weisse angelsächsische Protestanten, einen Katholiken – und nun Barack Obama. Das ändert sich in den nächsten Jahrzehnten. Die Vielfalt unter unseren Spitzenpolitikern nimmt zu. Wir haben gerade unsere erste offen homosexuelle US-Senatorin gewählt. Auch wenn vieles schiefläuft in diesem Land: Der Pluralismus, die Vielfalt und die Möglichkeiten in Amerika sind beeindruckend.

Sie haben es erwähnt: Obama ist ein in mehrfacher Hinsicht historischer Präsident. Aber wird er auch als grosser Präsident in die Geschichte eingehen?
Das ist völlig offen. Ich nenne zwei Beispiele: Wird die Obamacare-Reform, in die er sehr viel politisches Kapital investiert hat, das Gesundheitswesen so fundamental verändern, wie es nötig wäre? Und wie wird seine Sicherheitspolitik in Zukunft beurteilt werden? Obama ist ein aussenpolitisch ziemlich erfolgreicher Präsident. Aber wir wissen nicht, ob Amerika die Drohnenangriffe und die gezielten Tötungen, die er veranlasst hat, einmal bedauern wird.

Was sind die wichtigsten Themen in seiner zweiten Amtszeit?
Obama wird sich unangenehmen Budgetdebatten stellen müssen, in denen harte Einschnitte und Opfer gefordert sind. Die USA unterscheiden sich stark von Europa, aber in diesem Punkt sind wir uns sehr ähnlich: Wir werden mehr zahlen müssen und weniger bekommen. Schon in seinen ersten vier Jahren musste der Präsident viel Zeit in schwierige Budgetdebatten investieren, und am Ende hat er sie verloren. Im August 2011 musste er im Kampf um eine höhere Schuldenobergrenze regelrecht vor der Tea Party kapitulieren. Nach seiner Wiederwahl hat er deutlich bessere Karten, um einen Budgetdeal zu erreichen und sich um jene Themen zu kümmern, die ihm am Herzen liegen.

Und die wären?
Ihm liegt sehr viel an einer Reform des Einwanderungsrechts. Auch Umwelt und Energie sind ein wichtiges Anliegen. Die USA sind in Sachen Klimaschutz weniger weit als Europa. Im Kongress gibt es Republikaner, die nicht glauben, dass ein Klimawandel stattfindet. Ich wäre nicht überrascht, wenn wir im Rückblick auf Obamas Präsidentschaft am meisten bedauern werden, dass er nicht fähig war, mehr in diesem Bereich zu tun und ein umfassendes Energiegesetz durch den Kongress zu bringen. Wenn es einem demokratischen Präsidenten nicht gelingt, beim Klimaschutz Forschritte zu machen, könnte man von einer verpassten Gelegenheit sprechen. Aber es ist zu früh, um das zu beurteilen.

Die Republikaner haben die Mehrheit im Repräsentantenhaus, ohne sie kann Obama seine Ziele nicht verwirklichen. Wird er geschickter vorgehen als in seiner ersten Amtszeit?
Die Vorzeichen stehen günstig. Obama ist heute ein härterer Verhandler, er kennt die Mechanismen in Washington. Durch seine Wiederwahl hat er bessere Karten in der Hand, und es gibt anders als in den letzten Jahren keine einheitliche republikanische Strategie gegen Obama. Es gibt grosse Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Partei.

Der Präsident könnte auch Probleme mit den Demokraten bekommen, etwa wenn es um Abstriche bei den Sozialwerken geht.
Das ist für Obama kein Problem. Es ist ihm nie schwergefallen, gegenüber seiner Partei Härte zu zeigen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass es Obama schwerfällt, seine Anliegen dem Volk zu vermitteln. Das wirkt erstaunlich, er ist bekannt als hervorragender Redner.
Das Weisse Haus arbeitet sehr hart daran, es kommuniziert viel effektiver. Und Obama hat sich geändert, er versteht nun, dass die Leute nicht einfach zu ihm kommen, er muss auf sie zugehen. Seine Botschaft in den letzten Wochen war klar und deutlich: Es ist nur fair, dass wir die Steuern für die Reichen erhöhen. Wir müssen alle Opfer bringen, und der Mittelstand kann nicht die Hauptlast tragen. Das hat sich als sehr effektiv erwiesen.

War es nicht stets ein Problem für Obama, auf Menschen zuzugehen? Der Watergate-Enthüller Bob Woodward hat es drastisch ausgedrückt: Er mag die Menschen nicht.
Das ist ein wenig übertrieben. Aber er ist keine Frohnatur, kein Schulterklopfer, sondern ein eher introvertierter Mensch. Viele Europäer erkennen das nicht, sie sehen den historischen Obama, den grossen Redner, aber er kann auch ziemlich kühl sein. Bill Clinton war in Washington dafür bekannt, dass er bis spät in die Nacht mit anderen Leuten diskutierte. Obama macht das nicht, er zieht das Nachtessen mit seiner Familie vor.

Und danach verkriecht er sich in seinem privaten Büro und arbeitet ganz allein weiter, surft im Internet oder schaut fern.
So ist es. Er kann ein sehr eigenbrötlerischer Mensch sein.

Sie schreiben, er bemühe sich darum, mehr unter die Menschen zu gehen.
Das trifft zu. Aber Menschen ändern sich nur bis zu einem gewissen Grad.

Obama wird auch vorgeworfen, er sei ein undankbarer Mensch.
Darüber wird sehr oft geklagt. Es fällt dieser Regierung schwer, Danke zu sagen. Aber sie arbeitet daran, sie hat kürzlich einige Anlässe für Wahlhelfer durchgeführt. Sie versucht, mehr Dankbarkeit zu vermitteln. Aber es stimmt: Viele Geldgeber, die Obama enorm geholfen haben, beklagten sich darüber, dass sie nicht entsprechend gewürdigt würden.

Wird Michelle Obama in den nächsten Jahren politisch stärker in Erscheinung treten?
Ich bezweifle es. Ihre politische Macht basiert paradoxerweise auf dem Image einer Frau, die über den Dingen steht und sich nicht in die Politik einmischt. Das stimmt nicht, sie ist extrem politisch. Im privaten Kreis versteckt sie ihren Ärger über die Republikaner nicht. Zeitweise war sie empört darüber, wie diese mit ihrem Mann umsprangen. Aber sie kommuniziert dies nie in der Öffentlichkeit. Dort gibt sie sich kultiviert und unpolitisch.

Als Mom-in-Chief, wie sie sich gerne nennt.
Diese Bezeichnung stört viele arbeitende Mütter. Michelle Obama ist eine der beruflich ambitioniertesten First Ladys, die wir je hatten. Sie besitzt einen Jus-Abschluss der Universität Harvard und war eine erfolgreiche Spital-Kaderfrau. Vielen arbeitenden Frauen gefällt es überhaupt nicht, dass sie diese Leistungen nun herunterspielt.

In seiner Siegesrede am Wahltag in Chicago hat Barack zu Michelle gesagt: «Ich habe dich noch nie so geliebt.» Wie eng ist das Band zwischen den beiden wirklich?
Man muss alles hinterfragen, was ein Politiker auf einer öffentlichen Bühne sagt. Und die Obamas wissen genau, dass sie ihre Ehe für politische Zwecke einsetzen können. Die Leute mögen Storys über die Familie Obama, deshalb muss man seine Liebeserklärung mit Vorsicht geniessen. Und trotzdem wäre ich nicht überrascht, wenn sie echt gewesen wäre.

Weshalb?
Ehepaare rücken im Weissen Haus in der Regel zusammen. Noch nie haben sich ein Präsident und eine First Lady nach dem Auszug aus Washington scheiden lassen. Der Ehepartner ist die einzige Person, der ein Präsident vollständig vertrauen kann. Seine Ängste und Zweifel kann er nicht einmal mit den engsten Mitarbeitern teilen. Die Ehefrau hingegen bietet Zuflucht und Schutz, und man sagt über Michelle Obama, dass sie ein wahrer Fels sei für Barack.

Werden die beiden Töchter Malia und Sasha in der Öffentlichkeit stärker präsent sein?
Wir werden weniger von ihnen sehen. Sie sind jetzt Teenager. Als ich 2007 begann, über die Obamas zu berichten, waren Malia und Sasha so klein, dass sie nichts falsch machen konnten. Sie waren einfach nur süss. Doch das Leben als First Children ist nicht einfach. Die Obama-Girls haben enorme Möglichkeiten, aber auch viele Beschränkungen im Vergleich zu einem normalen Leben. Ich wäre nicht überrascht, wenn sie als Teenager stärker geschützt würden. Man stelle sich vor, sie hätten ihr erstes Date oder den ersten Kuss, und das ganze Land würde davon erfahren. Nicht einmal die republikanischen Gegenspieler des Präsidenten würden dies den Obama-Girls wünschen.

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  • rebecca am 29.12.2012 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    selber aktiv werden

    menschen sind von natur au unzufrieden und reklamieren ständig. aber fast niemand ergreift selber die initiative und ist zb. in der politik aktiv um etwas zu verändern. ich finde es nicht korrekt wenn wir immer über andere schimpfen aber selbet auf der faulen haut sitzen.

  • Simi am 28.12.2012 22:51 Report Diesen Beitrag melden

    Yes He Can

    Obama ist der beste Präsident aller Zeiten! Alle die ihn kritisieren sind nur neidisch oder einfach zu konservativ.

    • Hawklan am 29.12.2012 19:53 Report Diesen Beitrag melden

      Naiv

      Oder alle die ihm folgen naiv?

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  • Calvin W. am 28.12.2012 17:53 Report Diesen Beitrag melden

    Warum nur ...

    ... wird immer so viel über diesen Amerikaner geschrieben? In meinem Leben hat der nichts zu suchen. Schreibt doch mehr über Leute, die auch etwas für andere wirklich tun. Und noch was: Der soll seinen Friedensnobelpreis zurück geben, den er überhaupt nicht verdient hat!

    • Joe Sixpack am 29.12.2012 16:48 Report Diesen Beitrag melden

      Yes he can

      Zur Demokratie gehört auch, die Meinung von "anders denkenden" zu akzeptieren, UND zu ertragen. Viele hier gerade bei uns in der Schweiz haben damit offensichtlich immer mehr ein Problem.

    • Hawklan am 29.12.2012 19:55 Report Diesen Beitrag melden

      Obama: Mann des Krieges

      Das stimmt. In seinem Namen wurden in Afghanistan allein fast 500 Drohnenangriffe geflogen. Durch diese starben tausende Menschen. Darunter viele Kinder, die nichts mit allem zu tun haben. Natürlich werden keine Opferzahlen erfasst, niemand kann es genau sagen. Aber er ist kein Mann des Friedens, er ist ein Mann des Krieges, ganz klar!

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