Prada-tragender Teufel

04. Dezember 2012 18:36; Akt: 04.12.2012 18:36 Print

«Vogue»-Chefin Wintour als US-Botschafterin?

«Vogue»-Chefin Anna Wintour ist unter ihren Mitarbeitern sehr gefürchtet – in Washington aber sehr geliebt. So sehr, dass US-Präsident Obama die 63-jährige Cholerikerin nun für ein hohes Amt vorschlägt.

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Modezarin Anna Wintours geniesst einen zwiespältigen Ruf. Den hat die langjährige «Vogue»-Chefredaktorin auch dem Film «Der Teufel trägt Prada» zu verdanken. Der Kassenschlager aus dem Jahr 2006 erzählt die Geschichte einer Praktikantin, die in einer renommierten New Yorker Modezeitschrift unter ihrer tyrannischen Chefin zu bestehen versucht.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch der Autorin Lauren Weisberger, die bei «Vogue» und unter Anna Wintour gearbeitet hat. Unvergessen Szenen, wie die verschupfte Praktikantin durch die Stadt hetzt, um der Chefin etwa ein Steak aus dem nobeln Restaurant «Smith&Wollensky» zu besorgen, das dann doch ungegessen bleibt. Im wahren Leben soll Anna Wintour wegen ihrer strikten Protein-Diät tatsächlich jeden Mittag ein Steak oder einen Hamburger ohne Brötchen essen.

Vom Lieblings-Bundler zur Botschafts-Kandidatin

Die Wintour gilt nicht erst seit dem Film als schwierig, unnahbar und cholerisch. Sie weigert sich, zusammen mit Mitarbeitern den Lift zu betreten und hat bei «Vogue», bei der sie seit 1983 arbeitet, wegen ihres herrischen Wesens den Übernamen «Nuklear Wintour» verpasst gekriegt. Die 63-Jährige gilt als graue Eminenz der Modewelt. Wer und was ihr nicht gefällt, bleibt in diesem Geschäft für immer chancenlos. Sich ihr zu widersetzen, wagt so schnell keiner – was auch der Grund dafür sein mag, dass Wintour eine äusserst erfolgreiche Politspenden-Eintreiberin ist.

Die Britin mit amerikanischen Staatsbürgerschaft engagierte sich bereits erfolgreich im Wahlkampf von Bill Clinton oder John Kerry. Doch in Barack Obamas Kampagne schwang sich der Prada-tragende «Teufel» zur absoluten Höchstleistung empor. Der Erlös aus dem Onlineshop mit Designerstücken spülte 40 Millionen Dollar in Obamas Spendenkasse – von Wintour organisierte und moderierte Spenden-Galas mit Schauspielern und Filmproduzenten brachten Obama nochmals satte 500'000 Dollar ein. Damit ist Wintour zusammen mit Matthew Barzun, dem Finanzvorsitzenden von Obamas Wahlkampf-Kampagne, zur Top-Wahlkampfhelferin der Demokraten avanciert.

Investmentbanker als Botschafter

So viel lukrativer Kampfgeist lässt Obama nicht unbelohnt. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei namentlich nicht genannte Washingtoner Quellen jetzt meldet, erwägt der US-Präsident die herrische Fashion-Ikone zur neuen US-Botschafterin Frankreichs oder Grossbritanniens zu machen. So soll Wintour zusammen mit Kampagnen-Schatzmeister Barzun unter den Top-Ten der Kandidaten für neu zu besetzende Botschaftsämter stehen. Es gilt als gesichert, dass der bisherige US-Botschafter in Grossbritannien, Louis Susman, Obama in seiner zweiten Amtszeit nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass Quereinsteiger und fleissige Spendensammer auf die angesehenen Botschafterposten gehievt werden. Gerade Obama zeigte in seiner ersten Legislatur so bereits seine Dankbarkeit: Er ernannte 59 Quereinsteiger zu Botschaftern, 40 davon erfolgreiche Bundlers. So ist der noch als US-Botschafter in Grossbritannien agierende Susman ursprünglich Investmentbanker. Der Botschafter von Irland, Dan Rooney, ist Besitzer eines Footballteams, und Charles Rivkin, Botschafter in Frankreich, ist ehemaliger Geschäftsleiter von Jim Henson Co., der Firma des Erfinders der Muppets.

«Who would ever say never?»

Eine alternde Modezarin wie Wintour würde also ganz gut in die illustre Reihe passen. Beim «Vogue»-Magazin beeilt man sich allerdings zu versichern, dass Wintour keiner derartigen Ambitionen habe. Wers glaubt! Immerhin gebot Anna Wintour als Chefredaktorin der Vogue: «Never wear tights. Never!» («Tragen Sie niemals Strumpfhosen. Niemals!») – nur um später zu sagen: «Who would ever say never? That would be ridicolous!» («Wer würde jemals niemals sagen? Das wäre lächerlich!»).

(gux)