Prada-tragender Teufel

04. Dezember 2012 18:36; Akt: 04.12.2012 18:36 Print

«Vogue»-Chefin Wintour als US-Botschafterin?

«Vogue»-Chefin Anna Wintour ist unter ihren Mitarbeitern sehr gefürchtet – in Washington aber sehr geliebt. So sehr, dass US-Präsident Obama die 63-jährige Cholerikerin nun für ein hohes Amt vorschlägt.

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Seit die gebürtige Britin 14 Jahre alt ist, trägt sie einen Bob. Der Haarschnitt, die dunkle Sonnenbrille und die herrische Art sind Markenzeichen von Anna Wintour. Seit 1983 bei «Vogue», hat sich Wintour zur einflusstreichsten Person im Modegeschäft gemausert. Ein Beispiel ihres Einflusses: Auf ihren Wunsch hin wurden 2008 die wichtigsten Modeschauen während der Mailänder Modewochen vorverschoben, damit Wintour nach der Pariser Modewoche zwischen den Shows genügend Zeit hatte, in die USA zu reisen. «Nuklear Wintour», wie sie einige «Vogue»-Mitarbeiter nennen, hat unbestritten Grosses geleistet und nahmhafte Designer wie John Galiano entdeckt. Ab und an zeigt sie auch Herz: Als Marc Jacobs und sein Partner Geldprobleme hatten, überzeugte sie Donald Trump, den beiden Modeschöpfern den Ballraum seines Plaza Hotels für ihre Shows gratis zur Verfügung zu stellen. Nach ihrer Scheidung von Kinderpsychologen David Shaffer 1999 wird Wintour eine Affäre mit Investor Shelby Bryan nachgesagt. Mitarbeitern zufolge soll sie seither merklich zufriedener geworden sein. Der New York Observer» schreibt: «Allgemein herrscht Zustimmung (bei «Vogue») darüber, dass es angenehmer ist, für sie zu arbeiten, weil sie wahrscheinlich flach gelegt wird.» Spitzendiplomatische Fähigkeiten beweist Wintour nicht gerade, aber immerhin schrägen Humor: Zur Filmpremiere zu «Der Teufel trägt Prada» erschien sie in Prada gehüllt. Und als Peta-Aktivisten bei einer Veranstaltung von Pelz-Fan Wintour lauthals demonstrierten, liess sie den Vegetariern Tablets mit Roastbeef bringen.

Fehler gesehen?

Modezarin Anna Wintours geniesst einen zwiespältigen Ruf. Den hat die langjährige «Vogue»-Chefredaktorin auch dem Film «Der Teufel trägt Prada» zu verdanken. Der Kassenschlager aus dem Jahr 2006 erzählt die Geschichte einer Praktikantin, die in einer renommierten New Yorker Modezeitschrift unter ihrer tyrannischen Chefin zu bestehen versucht.

Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch der Autorin Lauren Weisberger, die bei «Vogue» und unter Anna Wintour gearbeitet hat. Unvergessen Szenen, wie die verschupfte Praktikantin durch die Stadt hetzt, um der Chefin etwa ein Steak aus dem nobeln Restaurant «Smith&Wollensky» zu besorgen, das dann doch ungegessen bleibt. Im wahren Leben soll Anna Wintour wegen ihrer strikten Protein-Diät tatsächlich jeden Mittag ein Steak oder einen Hamburger ohne Brötchen essen.

Vom Lieblings-Bundler zur Botschafts-Kandidatin

Die Wintour gilt nicht erst seit dem Film als schwierig, unnahbar und cholerisch. Sie weigert sich, zusammen mit Mitarbeitern den Lift zu betreten und hat bei «Vogue», bei der sie seit 1983 arbeitet, wegen ihres herrischen Wesens den Übernamen «Nuklear Wintour» verpasst gekriegt. Die 63-Jährige gilt als graue Eminenz der Modewelt. Wer und was ihr nicht gefällt, bleibt in diesem Geschäft für immer chancenlos. Sich ihr zu widersetzen, wagt so schnell keiner – was auch der Grund dafür sein mag, dass Wintour eine äusserst erfolgreiche Politspenden-Eintreiberin ist.

Die Britin mit amerikanischen Staatsbürgerschaft engagierte sich bereits erfolgreich im Wahlkampf von Bill Clinton oder John Kerry. Doch in Barack Obamas Kampagne schwang sich der Prada-tragende «Teufel» zur absoluten Höchstleistung empor. Der Erlös aus dem Onlineshop mit Designerstücken spülte 40 Millionen Dollar in Obamas Spendenkasse – von Wintour organisierte und moderierte Spenden-Galas mit Schauspielern und Filmproduzenten brachten Obama nochmals satte 500'000 Dollar ein. Damit ist Wintour zusammen mit Matthew Barzun, dem Finanzvorsitzenden von Obamas Wahlkampf-Kampagne, zur Top-Wahlkampfhelferin der Demokraten avanciert.

Investmentbanker als Botschafter

So viel lukrativer Kampfgeist lässt Obama nicht unbelohnt. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei namentlich nicht genannte Washingtoner Quellen jetzt meldet, erwägt der US-Präsident die herrische Fashion-Ikone zur neuen US-Botschafterin Frankreichs oder Grossbritanniens zu machen. So soll Wintour zusammen mit Kampagnen-Schatzmeister Barzun unter den Top-Ten der Kandidaten für neu zu besetzende Botschaftsämter stehen. Es gilt als gesichert, dass der bisherige US-Botschafter in Grossbritannien, Louis Susman, Obama in seiner zweiten Amtszeit nicht mehr zur Verfügung stehen wird.

Dabei ist es nicht ungewöhnlich, dass Quereinsteiger und fleissige Spendensammer auf die angesehenen Botschafterposten gehievt werden. Gerade Obama zeigte in seiner ersten Legislatur so bereits seine Dankbarkeit: Er ernannte 59 Quereinsteiger zu Botschaftern, 40 davon erfolgreiche Bundlers. So ist der noch als US-Botschafter in Grossbritannien agierende Susman ursprünglich Investmentbanker. Der Botschafter von Irland, Dan Rooney, ist Besitzer eines Footballteams, und Charles Rivkin, Botschafter in Frankreich, ist ehemaliger Geschäftsleiter von Jim Henson Co., der Firma des Erfinders der Muppets.

«Who would ever say never?»

Eine alternde Modezarin wie Wintour würde also ganz gut in die illustre Reihe passen. Beim «Vogue»-Magazin beeilt man sich allerdings zu versichern, dass Wintour keiner derartigen Ambitionen habe. Wers glaubt! Immerhin gebot Anna Wintour als Chefredaktorin der Vogue: «Never wear tights. Never!» («Tragen Sie niemals Strumpfhosen. Niemals!») – nur um später zu sagen: «Who would ever say never? That would be ridicolous!» («Wer würde jemals niemals sagen? Das wäre lächerlich!»).

(gux)