Wahlkampf-Tabus

24. Oktober 2012 11:00; Akt: 06.11.2012 14:35 Print

Das Schweigen der Kandidaten

von Peter Blunschi, New York - Afghanistan, Waffengewalt, Klimawandel – drei Themen von hoher Brisanz. Trotzdem oder gerade deshalb werden sie von Barack Obama und Mitt Romney tunlichst gemieden.

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In den letzten Wochen ist es in den USA zu einer Serie von Amokläufen gekommen. Der jüngste Fall ereignete sich am Sonntag in einem Wellness-Zentrum im Bundesstaat Wisconsin. Neben dem Täter und seiner Ehefrau starben auch zwei unbeteiligte Frauen. In Afghanistan wurde in diesem Sommer der 2000. tote US-Soldat registriert. Der Krieg ging kürzlich in sein zwölftes Jahr, er ist der längste in der amerikanischen Geschichte. Ebenfalls im Sommer erlebten die Vereinigten Staaten die schlimmste Trockenheit seit Jahrzehnten – für Experten eine Folge des vom Menschen verursachten Klimawandels.

Es läge eigentlich auf der Hand, dass diese drei Themen im US-Präsidentschaftswahlkampf eine wichtige Rolle einnehmen. Doch Fehlanzeige: Sowohl Amtsinhaber Barack Obama als auch Herausforderer Mitt Romney machen um Waffengesetze, Afghanistan und Klimawandel einen weiten Bogen. Sie äussern sich nur, wenn sie explizit gefragt werden, und auch dann vermeiden sie es, sich klar festzulegen. In dem auf Biegen und Brechen geführten Wahlkampf zählt jede Stimme, also fasst man die heissen Eisen gar nicht an.

Beispiel Afghanistan: 1989 zog sich die Sowjetunion nach neun Jahren Besatzung aus Afghanistan zurück. Die von ihr installierte Regierung hielt sich einige Jahre, dann wurde sie von den Taliban gestürzt. Derzeit spricht einiges dafür, dass sich die Geschichte nach dem für 2014 geplanten Abzug der US-Truppen wiederholen wird. «Wenn sich die Amerikaner und ihre Alliierten zurückziehen, werden die Taliban Gebiete zurückerobern, für deren Sicherung amerikanische Soldaten kämpften und starben», schreibt die «New York Times».

Präsident Obama schweigt dazu im Wahlkampf. Eigentlich eine Chance für Mitt Romney, denn die von Obama angeordnete Truppenaufstockung hat ihr Ziel weitgehend verfehlt. Doch die Amerikaner sind kriegsmüde, und der Republikaner weiss das genau, weshalb er sich möglichst nicht zum Thema äussert. Er vergass sogar, Afghanistan in seiner Rede am Parteikonvent in Tampa zu erwähnen. In der dritten Fernsehdebatte zum Thema Aussenpolitik am Montag unterstützte er Obamas Rückzugstermin ohne Vorbehalt. Der Präsident erzählte eine 9/11-Anekdote - das wars auch schon zum ungeliebten Krieg.

Beispiel Waffenkontrolle: Der Amoklauf in einem Kino in Aurora im Bundesstaat Colorado erschütterte im Juli die USA. Zwölf Menschen starben, rund 60 wurden verletzt. Seither gab es weitere Fälle, in denen Menschen wahllos auf andere schossen: In einem Sikh-Tempel in Wisconsin, einem Einkaufszentrum in New Jersey, und am Sonntag in einem Wellness-Zentrum erneut in Wisconsin. Doch Waffengewalt ist im Wahlkampf kein Thema. Hätte nicht eine Zuschauerin in der zweiten Fernsehdebatte die Frage nach einem möglichen Verbot halbautomatischer Waffen gestellt, es wäre totgeschwiegen worden.

Bezeichnend waren die Antworten der Kandidaten, sie schwadronierten um den heissen Brei herum. Mitt Romney schob die Schuld an der Gewalt alleinerziehenden Eltern in die Schuhe (der Schütze von Aurora stammt aus einem intakten Elternhaus). Als Gouverneur von Massachusetts hatte er noch ein Verbot halbautomatischer Waffen unterzeichnet, nun will er davon nichts mehr wissen. Präsident Obama liess immerhin durchblicken, er könne sich ein erneutes Verbot vorstellen, wie es bis 2004 bestanden hatte. Prompt lancierte die mächtige Waffenlobby NRA in den umkämpften Swing States eine Anti-Obama-Kampagne.

Empört über diese «feige» Haltung ist der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. Er gehört zu den wenigen US-Politikern, die sich für schärfere Waffengesetze stark machen. Die Haltung der Kandidaten in dieser Frage sei der Hauptgrund, warum er bislang keinen von beiden unterstütze, sagte Bloomberg der «New York Times». Beide buhlen um das einflussreiche Stadtoberhaupt. Michael Bloomberg hat ein Aktionskomitee, ein so genanntes Super PAC, gegründet, das Politiker finanziell unterstützt, die gegenüber der NRA «Rückgrat» zeigen. Obama und Romney werden davon kaum profitieren.

Beispiel Klimawandel: Selbst das Pentagon bezeichnet die globale Erwärmung als Gefahr für die nationale Sicherheit der USA. Doch in keiner der drei Fernsehdebatten fiel das Wort Klimawandel, «zum ersten Mal seit 1988», wie der «Guardian» schreibt. Dabei hatte Mitt Romney als Gouverneur von Massachusetts eine progressive Umweltpolitik verfolgt. Gegenüber einem Berater sagte er laut «New York Times», dem Land ginge es «weit besser, wenn wir europäische Benzinpreise hätten». Die Amerikaner würden dann sparsamere Autos kaufen, meinte der Sohn eines Managers aus der Autoindustrie.

Der heutige Präsidentschaftskandidat Mitt Romney verkündet das glatte Gegenteil. Er will zahlreiche Gebiete und Küstenregionen für Öl- und Gasbohrungen freigeben und schwärmt von Kohle, dem dreckigsten aller fossilen Energieträger. Er will die von Umweltschützern bekämpfte Keystone-Pipeline bauen, die das ökologisch umstrittene Teersand-Öl aus Kanada transportieren soll. Erneuerbare Energien findet Romney an sich gut, doch die staatlichen Subventionen für Wind- und Solarenergie will er abschaffen.

Barack Obama wolle «den Anstieg der Ozeane stoppen und die Welt heilen», spottete Romney in seiner Parteitagsrede. Der Präsident erwähnte den Klimawandel immerhin in seiner eigenen Ansprache, doch im Wahlkampf herrscht Schweigen. Zu viele Rückschläge hat er erlitten: Am Klimagipfel in Kopenhagen scheiterte er am Widerstand Chinas, mit seinem Klimagesetz an den Republikanern im US-Kongress. Der Bankrott des mit hohen Subventionen unterstützten Fotovoltaik-Herstellers Solyndra wird ihm ebenfalls angelastet.

Für Ex-Präsidentschaftskandidat Al Gore, der mit seinem Film «Eine unbequeme Wahrheit» der Welt den Klimawandel erklärt hat, war dies zu viel: «Wo ist die globale Erwärmung in dieser Debatte? Klimawandel ist ein dringliches aussenpolitisches Thema», twitterte er am Montag. Erhört hat man ihn nicht. In einem Wahlkampf, in dem sich alles um Jobs dreht, gilt Ökologie als Luxusthema. Sie wird ebenso tabuisiert wie Afghanistan und Waffengewalt – was besonders Mitt Romney nützt. Er müsste sonst einige «unbequeme Wahrheiten» erklären.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Pascal am 25.10.2012 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Wirtschaft

    Gegen FCKWs hat die Politik erfolgreich etwas unternommen. Warum das beim CO2 nicht vorwärts geht liegt auf der Hand. FCKWs konnten leicht ersetzt werden ohne nennenswerte wirtschaftliche Einbussen. Beim CO2 ist das überhaupt nicht der Fall. Die Diskussion zeigt gut auf wie stark die Wirtschaft die Politik beeinflusst. Übrigens sind die falschen Zahlen und Schlussfolgerungen einzelner Klimaleugner sind teilweise haarsträubend.

  • tobi am 24.10.2012 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    konzentration

    was sagen die zwei wohl zu den F E M A Camps?

    • Christophe am 24.10.2012 16:14 Report Diesen Beitrag melden

      Was sollen Sie dazu sagen?

      LOL, das ist wieder so ein typisches Verschwörungstheoretiker Jargon, gell "t.ruther". Könntest Du eventuell mal damit aufhören den Kommentarbereich hier vollzuspammen? Es ist völlig logisch dass der Katastrophenschutz solche Camps für den Notfall betreibt. Das gibt es übrigens fast überall. Sogar die Schweizer Armee hat so ein Konzept für Extremfälle, wo Zivilschutzanlagen zum Zuge kommen.

    • tobi am 24.10.2012 17:07 Report Diesen Beitrag melden

      @christophe

      ich wollte ihre heile hollywood-traumwelt nicht erschüttern. tut mir leid. weiterschlafen!

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  • Peter Steiger am 24.10.2012 13:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Realist

    Es gibt keinen vom Menschen verursachten Klimawandel liebe Redakteure und scheinbar nicht investigativ tätigen Journalisten. Bemüht einfach mal google und Youtube und ihr werdet erkennen, das das Klima noch nie eine Konstante in der Erdgeschichte war. Es gab Zeiten, da war mehr CO2 in der Atmosphäre als heute. CO2 ist auch erwiesenermassen Kein Klimatreibendes Gas. Die momentanen Klimaerscheinungen hängen mit der Sonnenaktivität zusammen!!! Eine eher unbeachtete Wissenschaftsdisziplin braucht Geld. Ohne Problem kein Geld. Also wird ein Problem erschaffen was es nicht gibt...

    • Martin Sterchi am 24.10.2012 13:28 Report Diesen Beitrag melden

      Fantasiewelt

      CO2 soll kein Treibhausgas sein? Wer hat denn das erwiesen?

    • Jerry P am 24.10.2012 13:43 Report Diesen Beitrag melden

      Realist? Sie sind ein Narzist!

      Den "natürlichen KW" gibt es. Dies hat mit Waldbränden und vulkanischer Aktivität der vergangenen Jahrtausenden zu tun. Entgegen Ihrer Meinung ist CO2 aber sehr wohl ein Treibhausgas, welche die wärme, die durch Sonneneinstrahlung entsteht 'speichert'. Pflanzen speichern CO2, sterben ab und werden von Sauerstoff isoliert über Millionen von Jahren zu Öl, welches wir gewinnen, verbrennen und dadurch MASSIV mehr CO2 in der Athmosphäre lassen als es natürlich der Fall sein würde. Bei der natürlichem KW können sich Organismen anpassen, bei unserer nicht und rotten aus. Hirn ein, Herr Steiger!

    • Pascal am 24.10.2012 13:44 Report Diesen Beitrag melden

      Lustig

      Klar, CO2 ist kein Treibhausgas sondern nur etwas unsichtbares und nur die Sonnenaktivität ist für die Klimaerscheinungen verantwortlich. Ich empfehle einen Besuch bei der Meteo Schweiz, die sind wesentlich kompetenter, als die verschwörungsfilmchen auf youtube.

    • Wissen. Schaftler am 24.10.2012 14:01 Report Diesen Beitrag melden

      im Ernst?

      Ich hoffe für Sie, dass Sie diese Aussagen nicht ernst meinen, Herr Steiger. Die internationalen Experten und die Weltgemeinschaft sind sich einig, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel eine grosse Gefahr für die Menschheit darstellt. Dass ein paar wenige Verschwörungstheoretiker die wissenschaftlich fundierten Ergebnisse anzweifeln, ist normal und ändert daran nichts.

    • xermicus am 24.10.2012 14:12 Report Diesen Beitrag melden

      Naiv

      Den Zusammenhang zwischen den hohen Durchschnittstemperaturen und den ebenfalls extrem hohen CO2 Werte in der Luft kannst du also nicht erkennen. Und dass der CO2 gehalt und die Durchschnittstemperaturen in so kurzer Zeit rapide nach oben schiessen hat bestimmt auch nichts dem Menschen zu tun. Wie naiv kann man sein?

    • peter b. am 24.10.2012 17:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      climategate

      climategate als stichwort sollte reichen. alle anderen sind naiv und vertrauen den sog. wissenschaftlern blind... tzzz

    • I.N.Truder am 24.10.2012 17:34 Report Diesen Beitrag melden

      @xermicus

      Das ist die "Verschwörung" die meist dann auftaucht, wenn man sich exzessiv auf YouTube und Wikipeda als "Wissensquelle" bezieht.

    • andi stranz am 25.10.2012 00:33 Report Diesen Beitrag melden

      co2 sehr wenig und wenn dann nur unten ^

      CO2 ist ein schweres Gas das nur in Bodenenähe zu finden ist , nicht aber in den obern Schichten. Kohlenstoffdioxid, ein wichtiges Treibhausgas, ist ein natürlicher Bestandteil der Luft, wo es derzeit (2011) in einer mittleren Konzentration von 0,039 Vol% vorkommt. Davon sind nach Schätzung 0,05% menschlicher Einfluss. Klimakiller wie FCKW werden von der Firma Dupont nicht nur bis 2009 benutzt . Bei völligem Einstellen der FCKW produktion wäre die Wirksamkeit des Klimakillers noch 25 jahre danach voll wirksam bis eine Besserung eintritt. Lasst uns lieber die Wahren Klimakillergase ächten !!!

    • maier sepp am 25.10.2012 00:38 Report Diesen Beitrag melden

      tja wenn das schon schlimm ist rofl

      Nur mit 0,0004712 Prozent*) ist Deutschland am CO2-Gehalt der Luft beteiligt, die die Erde umgibt. Und mit diesem winzigen Anteil begründet Deutschland eine aberwitzige Politik, die sich Klimaschutzpolitik nennt. Den meisten Menschen ist dieser völlig unbedeutende Anteil nicht bekannt.

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  • Mark am 24.10.2012 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Hauptsache...

    sie kaufen jetzt genug Pferde und Bayonette, dann kann nichts mehr viel schiefgehen.

  • James Finch am 24.10.2012 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    trotzdem...

    trotz ein paar Macken ein tolles Land.

    • Thomas am 24.10.2012 13:28 Report Diesen Beitrag melden

      Das grossartigste Land

      Für mich sogar das grossartigste Land überhaupt. Macken hat eh jedes Land, und wir Europäer müssen da auch nicht allzu grosse Töne schwingen mit unserer glorreichen Vergangenheit.

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