Statistiker Nate Silver

07. November 2012 21:20; Akt: 08.11.2012 08:54 Print

Triumph eines Zahlenjongleurs

von P. Blunschi, Chicago - Der zweite Sieger der US-Wahlen heisst Nate Silver. Der 34-jährige Statistiker hat den Wahlausgang beängstigend genau berechnet – und mausert sich zum Shootingstar der US-Politik.

Nate Silver über seinen Prognose-Erfolg. (Video: YouTube/The New York Times)
Zum Thema
Fehler gesehen?

So stellt man sich den typischen Streber vor: Schmächtige Statur, bubenhaftes Gesicht, Brille. In den Tagen vor der Wahl schaffte es dieser Nerd, zu einem veritablen Feindbild für Amerikas Rechte zu werden. Nathaniel «Nate» Silver hatte es gewagt, in seinem auf der «New York Times»-Website publizierten Statistik-Blog Fivethirtyeight eine klare Wiederwahl von Barack Obama zu prophezeien. Was die konservativen Meinungsmacher, die unverdrossen an einen Sieg von Mitt Romney glaubten, überhaupt nicht goutierten.

Der ehemalige republikanische Kongressabgeordnete und heutige MSNBC-Moderator Joe Scarborough bot Nate Silver auf Twitter eine Wette über 1000 Dollar an, zahlbar an das Rote Kreuz, dass Romney gewinnt. Silver hielt dagegen und erhöhte auf 2000. Ein rechter Blogger diffamierte seine Prognose mit dem primitiven Argument, der bekennende Schwule sei «dünn und weibisch». Und noch am Wahltag selbst wurde ein Website aufgeschaltet, deren erklärtes Ziel es war, den «neu ernannten Mediengott» blosszustellen.

Zweiter grosser Sieger – neben dem Präsidenten

Am Mittwoch war die Seite wieder verschwunden. Denn bereits am Abend der Wahl stand fest: Nate Silvers Modell hat sich als durchschlagender Erfolg erwiesen. In allen 49 ausgezählten Bundesstaaten hat er den Wahlausgang richtig berechnet, teilweise fast bis auf das Zehntelprozent genau. Und für den Wackelstaat Florida sagte er ein hauchdünnes Ergebnis voraus, mit Vorteil für Obama. Falls er recht behält, hätte er seine Prognose von 2008 übertroffen, als er «nur» in 49 von 50 Staaten den richtigen Sieger vorhergesagt hatte. Die Ausnahme war Obamas überraschender und knapper Erfolg in Indiana.

Mit diesem Glanzresultat hat sich der Zahlenjongleur endgültig als neuer amerikanischer Politstar etabliert – und als zweiter grosser Sieger der Wahl neben dem Präsidenten. Selbst der rechte Sender Fox News zollte ihm Anerkennung. Nate Silver selbst blieb im Triumph bescheiden. Er leistete sich nur eine kleine Extravaganz: Er platzierte auf seinem Twitter-Account einen Link auf sein kürzlich erschienenes Buch «The Signal and the Noise». Dieses dürfte in den Bestsellerlisten einen Sprung nach oben machen.

Zahlen und Baseball

Mathematik war schon in jungen Jahren die grosse Leidenschaft des heute 34-jährigen Nate Silver. Er wurde in Michigan als Sohn eines Politikwissenschaftlers geboren und machte einen Abschluss in Ökonomie an der Universität Chicago. Seine Vorliebe für Zahlen und Baseball verschmolz er 2003 zu einem Statistik-Modell, das die Performance und die Karriereaussichten von Baseballspielern beurteilte. Es erwies sich als sehr erfolgreich. Vier Jahre später trat er in die Fussstapfen seines Vaters und adaptierte das Modell für die Politik.

Unter dem Pseudonym Poblano veröffentlichte er seine Prognosen auf dem linken Blog DailyKos. Im März 2008 gründete er seinen eigenen Blog Fivethirtyeight (538 ist die Zahl der Wahlmänner, die den Präsidenten wählen), kurz darauf lüftete er seine Identität. Sein Erfolg bei der Wahl 2008 – er sagte auch alle Sieger der 35 Senatswahlen richtig voraus – brachte ihm ersten Ruhm ein. Zwei Jahre später gab die «New York Times» seinem Blog Gastrecht. Am letzten Montag war er für 20 Prozent des gesamten Traffics auf der Website verantwortlich, sagte Chefredaktorin Jill Abramson dem Magazin «The New Republic».

Lieber Ebola als Pundits

Nach dem erneuten durchschlagenden Erfolg wird niemand mehr an Silvers Modell vorbeikommen. Es könnte sogar zum neuen Standard für Wahlprognosen in den USA werden. Nate Silver erhebt selber keine Daten, er verwendet zahlreiche Umfragen und aggregiert sie mit Zahlen zur Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung in den einzelnen Bundesstaaten zu einem komplizierten, für Laien schwer verständlichen Rechenmodell. Das Prinzip aber leuchtet ein: Umfragen sind stets Momentaufnahmen, während Wirtschaft und Demographie über den Tag hinaus weisen und langfristige Trends erkennen lassen.

Silvers Erfolg kennt auch Verlierer. Neben den rechten Realitätsverweigerern ist es vor allem das Heer der Politauguren, Pundits und selbst ernannten Experten, die ihre Prognosen basierend auf Bauchgefühl und Kaffeesatzleserei formulieren. Sie dürften künftig neben der Mathematik einen schweren Stand haben. Wie wenig Nate Silver selbst von dieser Zunft hält, liess er am Montag in der Politcomedy-Show «The Colbert Report» durchblicken. Auf die Frage von Moderator Stephen Colbert, wie er bei einer Wahl zwischen Pundits und Ebola entscheiden würde, meinte Silver: «Ich würde Ebola wählen.»

Seine eigene Zukunft hält der Zahlenguru offen. Es sei möglich, dass er sein Prognosetalent künftig in einem neuen Bereich anwenden könne, liess er im September gegenüber dem «New York Magazine» durchblicken. Er sei sich aber «zu 97 Prozent» sicher, dass das Fivethirtyeight-Modell auch 2016 noch existieren werde. «Es könnte aber sein, dass jemand anderer es betreibt oder lizenziert», so Silver.

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • einstein am 07.11.2012 22:39 Report Diesen Beitrag melden

    !!!!

    Lang lebe die wunderschöne Mathematik!

  • Mann von Welt am 08.11.2012 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    Mathematik allgegenwärtig

    Mathematik sind Gleichungen. Nur wird es fürs rechnen missbraucht.

  • Franz Holdener am 07.11.2012 22:56 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmbeteiligung

    Was eigentlich in den ganzen US Wahl Reportagen fehlt ist die Stimmbeteiligung, evtl hab ichs auch übersehen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Jackmans am 08.11.2012 11:58 Report Diesen Beitrag melden

    Voraussagung

    Wer den Ausgang einer Wahl aus dem Gefühl heraus vorhersagen kann, begründet dies nicht durch Zahlen, sondern durch den allgemeinen Trend. Wer aber nahezu exakte Zahlen in den vielen Staaten voraussagt benutzt kein Bauchgefühl, sondern nüchterne Zahlen, welche auch auf den Trend basieren. Ich glaube nicht, das man es von sich aus wirklich hätte voraussagen können, lagen die Meinungen so unterschiedlich auseinander für beide Kandidaten. Hier beeinflusste eher die Hoffnung die pers. Voraussagung.

  • Mann von Welt am 08.11.2012 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    Mathematik allgegenwärtig

    Mathematik sind Gleichungen. Nur wird es fürs rechnen missbraucht.

  • Stephan H. am 08.11.2012 11:05 Report Diesen Beitrag melden

    Euromillions am Freitag...

    Herr Silver sollte sein Modell vergolden und die Euromillions Zahlen vom kommenden Freitag errechnen..!

  • Andy am 08.11.2012 09:30 Report Diesen Beitrag melden

    Leicht vorhersehbar

    Naja jeder der sich mit ein wenig mehr Hintergrundwissen beschäftigt, konnte voraussagen dass Obama gewinnt. Romney hatte von anfang an keine Chance, dieses Millardenschwere Theaterstück funktioniert leider immer wieder. Obama funktioniert für die Hintermänner besser als Bush, darum darf und soll er bleiben. Man merke: Jeder Kandidat welcher sich nicht kritisch gegen die Wallstreet äussert und die FED abschaffen will, ist eine Marionette.

    • Jackmans am 08.11.2012 11:48 Report Diesen Beitrag melden

      War nicht leicht vorhersehbar!

      Ich glaube kaum, das jeder mit ein bisschen Hintergrundwissen diesen Ausgang der Wahl hätte voraussagen können, wenn nicht mal angesehene Medien oder Institute dies vermochten und stets ein Kopf an Kopf - Rennen prognostierten. Die Argumentation ist etwas dünn u was die Hintermänner betrifft, so hätten sie mit M.R. mehr Glück u Erfolg gehabt, als mit B.O.!

    einklappen einklappen
  • Horst B. am 08.11.2012 06:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zufallsprinzip nicht begriffen!

    Es ist verblüffend, wie viele Menschen glauben, dass man die Zufälligkeit mit Mathematik überwinden kann. Gerade die Politik, aber auch die "Wirtschaftswissenschaft" stützen sich ab auf statistische Modelle und hoffen, die Zukunft berechnen zu können. Oder gilt die Aussage etwa: Wenn man ein Volk in einer gewissen Weise manipuliert, ist der Ausgang der Wahlen vohersehbar?

    • K. Horst am 08.11.2012 08:32 Report Diesen Beitrag melden

      niemand will die Zufälligkeit überwinden

      ... aber beschreiben kann sie die Mathematik eben schon. Und darum geht es in den Wissenschaften: Modelle zu entwickeln, die uns helfen komplexe Zusammenhänge besser zu verstehen.

    • zaungast am 08.11.2012 09:22 Report Diesen Beitrag melden

      das hast du wirklich nicht...

      wahlen sind aber auch kein münzwurf. es gibt eine vielzahl an einflussgrössen die mehr oder weniger genau definiert werden können. wer diese berücksichtig kann, wird "die zukunft berechnen können". die manipulation des volkes nennt sich übrigens wahlkampf...

    • Fred am 08.11.2012 09:25 Report Diesen Beitrag melden

      Kenntnisse und Fakten

      Alle Modelle basieren auf aktuellen Kenntnissen und Fakten. Je mehr Informationen bekannt sind desto genauer ist die Prognose. Diese Daten verhelfen Unsicherheiten zu reduzieren und somit ein mögliches Bild der Zukunft zu schaffen. Alle Prognosen sind mit Unsicherheit verbunden. Der Trick ist, die Unsicherheit so stark zu reduzieren, dass die Prognose mit zB. über 95% Wahrscheinlichkeit auch eintritt.

    einklappen einklappen