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Barack Obamas Wiederwahl
07. November 2012 19:16; Akt: 08.11.2012 08:11 Print
Das Ende der weissen Vorherrschaft
von Peter Blunschi, Chicago - Als erster schwarzer Präsident der USA hat Barack Obama Geschichte geschrieben. Wirklich epochal aber ist seine Wiederwahl: Sie steht für ein «neues» Amerika.
2008 war Barack Hussein Obama ein Mann, dem die Herzen zuflogen. Ein strahlender, jugendlicher Held, der «Hope and Change» versprach nach acht Bush-Jahren, die den USA zwei Kriege und eine tiefe Finanz- und Wirtschaftskrise beschert hatten. Seine Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten wurde mit Recht als historisch bezeichnet. Obama 2012 dagegen ist kein Anwärter auf einen Sympathiepreis. Der ergraute Präsident gab den politischen Strassenkämpfer, der verbissen um eine zweite Amtszeit fightete. Der keine Visionen zu bieten hatte, sondern in erster Linie Attacken auf Herausforderer Mitt Romney.
Infografik Die US-Wahlen 2012Vieles sprach gegen Obama: eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit von rund acht Prozent (in Wirklichkeit ist sie etwa doppelt so hoch), die politische Blockade in Washington, eine mit Selbstzweifeln kämpfende, politisch tief gespaltene Nation, die sich vor dem Niedergang fürchtet. Und dennoch hat der Präsident die Wiederwahl geschafft. Möglich wurde dies, weil die Demokraten ihre Wähler besser mobilisieren konnten als die Republikaner. Und weil Amerika ein Land im Wandel ist. Und das macht seinen Sieg zu einem epochalen Ereignis.
Die Partei der älteren weissen Männer
Sicher, Mitt Romney war ein schwacher Gegner, der im Wahlkampf spät in Fahrt kam und bis zuletzt undurchschaubar blieb. Und ja, die Republikaner haben sich nach Kräften bemüht, Frauen und Minderheiten mit Extrempositionen zu Themen wie Abtreibung und Einwanderung abzuschrecken und ins Lager von Barack Obama zu treiben. Doch genau darin liegt der Schlüssel zu seinem Wahlsieg. Die Republikaner sind eine Partei der alten weissen Männer geworden. Deren politische Vorherrschaft ist an diesem 6. November 2012 zu Ende gegangen. Oder zumindest wurde ihr Ende eingeläutet.
Seit Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika haben die weissen, angelsächsischen Protestanten, kurz Wasps, das Land dominiert. Sie prägten den American Way of Life, wonach jeder es zu etwas bringen kann, wenn er sich nur genügend anstrengt. Nicht umsonst wurde in der Unabhängigkeiterklärung von 1776 auch das «Streben nach Glück» als universelles Menschenrecht definiert. Im Alltag äusserte sich dies durch einen ausgeprägten Individualismus, verbunden mit einem tief sitzenden Misstrauen gegenüber dem Staat. Und der Überzeugung, in einem von Gott auserwählten Land zu leben.
Mehr nichtweisse als weisse Babys
Die Kehrseite der Wasp-Ideologie war ein gerütteltes Mass an Fremdenfeindlichkeit. Sie traf erst die katholischen Iren und Italiener, später die Juden. Gegenüber den Ureinwohnern und den Schwarzen fühlte man sich ohnehin überlegen. Heute richtet sich die Ablehnung gegen die schnell wachsende Gruppe der Einwanderer aus Mittel- und Südamerika. Es ist ein Abwehrkampf auf verlorenem Posten. Im letzten Statistikjahr wurden in den USA erstmals mehr nichtweisse als weisse Babys geboren. Bis in einer Generation werden die weissen, europäischstämmigen Amerikaner weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.
Barack Obama hat davon schon heute profitiert. Eine Koalition aus Minderheiten und Frauen hat ihm den Wahlsieg beschert. Sein Verdienst ist das nicht, er kann nichts dafür, dass die Republikaner eine Wasp-Partei geblieben sind, während sich die Demokraten längst für Schwarze, Latinos und Asiaten geöffnet haben. Und trotzdem ist der alt-neue Präsident mit seiner speziellen Biographie die Verkörperung dieses «neuen» Amerika.
Findet er den Draht zum Kongress?
Ob er das Vertrauen im zweiten Anlauf rechtfertigen kann, bleibt offen. Barack Obama ist eine komplexe Persönlichkeit, in der sich eine ausgeprägte Risikoscheu mit einem nicht geringen Selbstbewusstsein verbinden. Er scheut den politischen Nahkampf, das professorale Dozieren liegt ihm mehr. An diesen Defiziten muss er arbeiten. Umfragen zeigen, dass die Amerikaner von Obama wesentliche Änderungen in seiner zweiten Amtszeit erwarten. Gefragt ist vor allem eine bessere Zusammenarbeit mit dem Kongress, wo das Repräsentantenhaus weiterhin von den Republikanern dominiert wird.
Falls die Blockade anhält, könnte es dem wiedergewählten Präsidenten so ergehen wie seinem Vorgänger George W. Bush, der in seiner zweiten Amtszeit kaum noch etwas auf die Reihe brachte. Wenn er jedoch den Draht zu den vernünftigen Kräften innerhalb der Opposition findet und tragfähige Lösungen für die immensen Probleme Amerikas entwickeln kann, dann könnte Barack Hussein Obama, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten, von der Nachwelt nicht nur als historischer, sondern auch als grosser Präsident beurteilt werden.

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