Barack Obamas Wiederwahl

07. November 2012 19:16; Akt: 08.11.2012 08:11 Print

Das Ende der weissen Vorherrschaft

von Peter Blunschi, Chicago - Als erster schwarzer Präsident der USA hat Barack Obama Geschichte geschrieben. Wirklich epochal aber ist seine Wiederwahl: Sie steht für ein «neues» Amerika.

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Barack Hussein Obama wurde am 4. August 1961 auf Hawaii geboren. Seine Mutter Ann Dunham trennte sich von ihrem Mann, als ihr Sohn zwei Jahre alt war. 1995 starb sie mit erst 53 Jahren an Krebs. Der kleine Barry verbrachte seine ersten Lebensjahre auf Hawaii. Seine Hautfarbe war in der multikulturellen Gesellschaft nie ein Thema. Barry Obama mit einem Baseballschläger. Eine besondere Affinität zu diesem Sport hatte er nie, am liebsten spielte und spielt er Basketball. Nach dem Scheitern ihrer Ehe heiratete Ann Dunham den Indonesier Lolo Soetoro. Mit ihm und Halbschwester Maya lebte Barack Obama einige Jahre in Indonesien. Seinen gleichnamigen Vater sah Barack Obama als Zehnjähriger zum letzten Mal. Danach kehrte Barack Obama sen. nach Kenia zurück, wo er 1982 bei einem Autounfall ums Leben kam. In der 70er-Jahren besuchte Barry Obama in Honolulu die renommierte Punahou-Highschool. Das Foto im damals typischen Afro-Look stammt aus dem Jahrbuch von 1978. Ein weiteres Foto aus dem Jahrbuch von 1978. Über seine Erfahrungen mit Drogen in jener Zeit hat sich Obama in seiner Autobiographie freimütig geäussert. Mit seinen Grosseltern Stanley und Madelyn Dunham in New York, wo er 1983 sein Studium in Politikwissenschaften an der Universität Columbia abschloss. Nach dem Studium zog Barack Obama nach Chicago. In einem Schwarzenviertel im Süden der Stadt arbeitete er als Community Organizer, eine Mischung aus Sozialarbeiter und Politaktivist. Es folgte ein zusätzliches dreijähriges Studium an der prestigreichen Harvard Law School, das Obama mit der Auszeichnung Magna cum Laude abschloss. Obama mit der «Harvard Law Review» - als erster Schwarzer wurde er zum Herausgeber der angesehenen Zeitschrift gewählt. Barack Obama liess sich definitiv in Chicago nieder, wo er unter anderem als Verfassungsrechtler an der juristischen Fakultät der Universität dozierte. 1988 heiratete Obama Michelle Robinson, die er als Praktikant in einer renommierten Anwaltskanzlei in Chicago kennengelernt hatte. Das Ehepaar hat zwei Töchter, die 13-jährige Malia und die elfjährige Sasha (rechts). Vor den Wahlen 2004 hielt Barack Obama eine mitreissende Eröffnungsrede am Parteikonvent der Demokraten in Chicago. Der Nobody wurde schlagartig national bekannt. Die Demokraten verloren die Präsidentschaftswahl, doch Obama gewann im Staat Illinois die Wahl für einen Sitz im US-Senat. 2006 besuchte Barack Obama Kenia, wo er Sarah Hussein Obama traf, seine Grossmutter väterlicherseits. In Nyagoma-Kogelo, dem Geburtsort seines Vaters, wurde eine Schule nach Senator Obama benannt. Am 10. Februar 2007 kündigte Barack Obama mit seiner Familie in Springfield, der Heimatstadt von Abraham Lincoln, seine Kandidatur für die Präsidentschaft an. Am 4. November 2008 war Obama am Ziel: Bei der Präsidentschaftswahl setzte er sich gegen den Republikaner John McCain klar durch. Seinen Sieg feierte er mit der Familie im Grant Park in Chicago. An einem eiskalten 20. Januar 2009 wurde Barack Hussein Obama als 44. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika vereidigt.

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2008 war Barack Hussein Obama ein Mann, dem die Herzen zuflogen. Ein strahlender, jugendlicher Held, der «Hope and Change» versprach nach acht Bush-Jahren, die den USA zwei Kriege und eine tiefe Finanz- und Wirtschaftskrise beschert hatten. Seine Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten wurde mit Recht als historisch bezeichnet. Obama 2012 dagegen ist kein Anwärter auf einen Sympathiepreis. Der ergraute Präsident gab den politischen Strassenkämpfer, der verbissen um eine zweite Amtszeit fightete. Der keine Visionen zu bieten hatte, sondern in erster Linie Attacken auf Herausforderer Mitt Romney.

Vieles sprach gegen Obama: eine anhaltend hohe Arbeitslosigkeit von rund acht Prozent (in Wirklichkeit ist sie etwa doppelt so hoch), die politische Blockade in Washington, eine mit Selbstzweifeln kämpfende, politisch tief gespaltene Nation, die sich vor dem Niedergang fürchtet. Und dennoch hat der Präsident die Wiederwahl geschafft. Möglich wurde dies, weil die Demokraten ihre Wähler besser mobilisieren konnten als die Republikaner. Und weil Amerika ein Land im Wandel ist. Und das macht seinen Sieg zu einem epochalen Ereignis.

Die Partei der älteren weissen Männer

Sicher, Mitt Romney war ein schwacher Gegner, der im Wahlkampf spät in Fahrt kam und bis zuletzt undurchschaubar blieb. Und ja, die Republikaner haben sich nach Kräften bemüht, Frauen und Minderheiten mit Extrempositionen zu Themen wie Abtreibung und Einwanderung abzuschrecken und ins Lager von Barack Obama zu treiben. Doch genau darin liegt der Schlüssel zu seinem Wahlsieg. Die Republikaner sind eine Partei der alten weissen Männer geworden. Deren politische Vorherrschaft ist an diesem 6. November 2012 zu Ende gegangen. Oder zumindest wurde ihr Ende eingeläutet.

Seit Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika haben die weissen, angelsächsischen Protestanten, kurz Wasps, das Land dominiert. Sie prägten den American Way of Life, wonach jeder es zu etwas bringen kann, wenn er sich nur genügend anstrengt. Nicht umsonst wurde in der Unabhängigkeiterklärung von 1776 auch das «Streben nach Glück» als universelles Menschenrecht definiert. Im Alltag äusserte sich dies durch einen ausgeprägten Individualismus, verbunden mit einem tief sitzenden Misstrauen gegenüber dem Staat. Und der Überzeugung, in einem von Gott auserwählten Land zu leben.

Mehr nichtweisse als weisse Babys

Die Kehrseite der Wasp-Ideologie war ein gerütteltes Mass an Fremdenfeindlichkeit. Sie traf erst die katholischen Iren und Italiener, später die Juden. Gegenüber den Ureinwohnern und den Schwarzen fühlte man sich ohnehin überlegen. Heute richtet sich die Ablehnung gegen die schnell wachsende Gruppe der Einwanderer aus Mittel- und Südamerika. Es ist ein Abwehrkampf auf verlorenem Posten. Im letzten Statistikjahr wurden in den USA erstmals mehr nichtweisse als weisse Babys geboren. Bis in einer Generation werden die weissen, europäischstämmigen Amerikaner weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen.

Barack Obama hat davon schon heute profitiert. Eine Koalition aus Minderheiten und Frauen hat ihm den Wahlsieg beschert. Sein Verdienst ist das nicht, er kann nichts dafür, dass die Republikaner eine Wasp-Partei geblieben sind, während sich die Demokraten längst für Schwarze, Latinos und Asiaten geöffnet haben. Und trotzdem ist der alt-neue Präsident mit seiner speziellen Biographie die Verkörperung dieses «neuen» Amerika.

Findet er den Draht zum Kongress?

Ob er das Vertrauen im zweiten Anlauf rechtfertigen kann, bleibt offen. Barack Obama ist eine komplexe Persönlichkeit, in der sich eine ausgeprägte Risikoscheu mit einem nicht geringen Selbstbewusstsein verbinden. Er scheut den politischen Nahkampf, das professorale Dozieren liegt ihm mehr. An diesen Defiziten muss er arbeiten. Umfragen zeigen, dass die Amerikaner von Obama wesentliche Änderungen in seiner zweiten Amtszeit erwarten. Gefragt ist vor allem eine bessere Zusammenarbeit mit dem Kongress, wo das Repräsentantenhaus weiterhin von den Republikanern dominiert wird.

Falls die Blockade anhält, könnte es dem wiedergewählten Präsidenten so ergehen wie seinem Vorgänger George W. Bush, der in seiner zweiten Amtszeit kaum noch etwas auf die Reihe brachte. Wenn er jedoch den Draht zu den vernünftigen Kräften innerhalb der Opposition findet und tragfähige Lösungen für die immensen Probleme Amerikas entwickeln kann, dann könnte Barack Hussein Obama, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten, von der Nachwelt nicht nur als historischer, sondern auch als grosser Präsident beurteilt werden.