Republikaner im Abseits

09. November 2012 13:25; Akt: 09.11.2012 13:48 Print

Eine Partei demontiert sich selbst

von Peter Blunschi, New York - Zu alt, zu weiss, zu reaktionär: Die US-Republikaner stehen nach ihrer Wahlniederlage vor einem Scherbenhaufen. Nun droht die Selbstzerfleischung.

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Hoffnungsträger: Senator Marco Rubio soll die Grand Old Partei für Latinos wählbar machen. (Bild: Keystone/AP/Charles Dharapak)

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Der Kandidat ist sich seiner Sache sicher gewesen: «Ich habe gerade meine Siegesrede fertig geschrieben. Sie zählt etwa 1118 Wörter», hatte Mitt Romney am Dienstag an Bord seines Flugzeugs zu Reportern gesagt. Er befand sich auf seinem letzten, kurzfristig eingeschobenen Wahlkampftrip nach Ohio und Pennsylvania. Eine Ansprache für den Fall einer Niederlage gebe es nicht, sagte der republikanische Präsidentschaftsbewerber. Am Abend folgte das brutale Erwachen: Mitt Romney ging gegen Barack Obama sang- und klanglos unter.

Romney und sein Team hatten Mühe, die Realität anzuerkennen. Man klammerte sich auch dann noch an die Hoffnung auf ein Wunder, als selbst der rechte Fernsehsender Fox News Obama zum Sieger erklärt hatte. Was nicht sein durfte, konnte nicht sein. Wenige Tage vor der Wahl hatten Romneys Topberater laut «Washington Post» noch offen darüber spekuliert, welchen Job sie in der neuen Regierung übernehmen würden. Kurz vor 23 Uhr Ortszeit gestand der sichtlich enttäuschte Mitt Romney in Boston die Niederlage ein.

Im Paralleluniversum von Fox News

Tags darauf musste die republikanische Partei den gewaltigen Scherbenhaufen zusammenfegen. Felsenfest hatte man damit gerechnet, den verhassten Präsidenten loszuwerden. Nun begann die Suche nach Sündenböcken. Im Vordergrund stand Romney selbst, der bis zuletzt unfassbare Kandidat mit dem seltsamen Namen und der seltsamen Religion. Näher bei der Wahrheit war der Parteistratege Mike Murphy, der gegenüber Politco die «konservative Medienblase» verantwortlich machte. Diese verweigere einen Blick auf die wahre Welt und treibe die Republikaner damit «von einer Klippe über die nächste».

Konservative Medien wie Fox News kreieren in der Tat eine Art Paralleluniversum und tragen so zur Realitätsverweigerung der Republikaner bei. Dabei brauchte man sich an einem Wahlkampfauftritt von Mitt Romney nur umzusehen, um ein zentrales Problem der Partei zu erkennen: Weisse Gesichter, so weit das Auge reichte. Welch ein Unterschied zu den Auftritten von Barack Obama, bei denen die ganze Vielfalt Amerikas zu sehen war. Rund 90 Prozent der Parteimitglieder sind weiss. Ältere weisse Männer bilden den Hauptharst. Sie allein hätten Romney zu einem spektakulären Sieg verholfen.

Der Westen wird blau

Doch die Wählerschaft besteht nicht nur aus ihnen, sondern auch aus Jungen, Frauen und vor allem Minderheiten. Sie haben Präsident Obama zur Wiederwahl verholfen. Das gilt besonders für die Latinos, die am schnellsten wachsende demographische Gruppe. Gerade mal 27 Prozent von ihnen wählten Mitt Romney. George W. Bush hatte es 2004 noch auf einen Anteil von 44 Prozent gebracht. Dabei vertreten die Einwanderer aus Mittel- und Südamerika oft (katholisch-) konservative Wertvorstellungen. Doch die knallharte Haltung der Republikaner gegenüber illegalen Einwanderern treibt sie in die Arme der Demokraten.

Ein Blick auf die politische Landkarte, vor allem den Westen der USA, zeigt, was den Republikanern blüht: Einst schwankte der bevölkerungsmässig grösste Bundesstaat Kalifornien zwischen beiden Parteien, heute ist er eine Bastion der Demokraten. Oder Nevada: Kein Staat wurde härter von der Wirtschaftskrise getroffen, trotzdem gewann Obama klar. Und Colorado: Die Republikaner rechneten fest mit einem Sieg. Er ging an den Amtsinhaber. Damit nicht genug: Schon 2016 könnte Arizona zu den Swing States gehören, und bis 2020 könnte sogar die konservative Hochburg Texas auf der Kippe stehen.

Hoffnungsträger Marco Rubio

Es sind finstere Perspektiven. Dabei hat man unter führenden Parteimitgliedern das Problem längst erkannt. «Es kommen einfach nicht genügend wütende Weisse nach», mahnte der einflussreiche Senator Lindsey Graham aus South Carolina bereits im Frühjahr. Nach der Schlappe vom Dienstag meldeten sich prominente Köpfe wie Newt Gingrich oder der Präsidentensohn und -bruder Jeb Bush zu Wort und forderten, die Partei müsse sich endlich für die Latinos öffnen und eine liberalere Einwanderungspolitik betreiben.

Als Hoffnungsträger gilt Marco Rubio. Der 41-jährige Senator aus Florida hat als Sohn kubanischer Eltern die «richtige» Abstammung. Er ist charismatisch, am Parteitag in Tampa sorgte er mit einer fulminanten Rede für Begeisterung. Viele sehen ihn bereits als Präsidentschaftskandidaten in vier Jahren. Eigentlich müsse die konservative Bewegung «besonders anziehend sein für Minderheiten und Einwanderer, die aufsteigen wollen», meinte Rubio nach der Wahl. Er will zumindest den Kindern von illegalen Einwanderern einen Weg zur Legalisierung ihres Status und zur Staatsbürgerschaft ermöglichen.

Basis setzt auf die reine Lehre

Doch da gibt es ein weiteres Problem: Die Parteibasis ist in den letzten Jahren mit dem Aufkommen der staatsfeindlichen Tea-Party-Bewegung noch radikaler geworden. Sie zieht ihre eigenen Schlüsse aus der Wahlniederlage: Zweimal habe man einen gemässigten Kandidaten portiert und beide Male verloren. Nun müsse man sich wieder auf die reine konservative Lehre besinnen. Matt Kibbe, Präsident der Tea-Party-nahen Gruppierung FreedomWorks, prophezeiht gegenüber der «New York Times» einen «anhaltenden Kampf zwischen der alten Garde und dem neuen Blut, das 2010 aufgekommen ist».

Ein «Bürgerkrieg» zwischen Elite und radikaler Basis wäre Gift für die erhoffte Öffnung der Partei gegenüber Minderheiten. Kongressabgeordnete, die der Tea Party entstammen, haben einer umfassenden Einwanderungsreform bereits eine Absage erteilt. Pragmatiker sehen deshalb schwarz im Hinblick auf künftige Wahlkämpfe. Einmal mehr würden die harten Töne gegenüber Immigranten dominieren. Zu viele Republikaner gingen damit um wie Raucher mit Zigaretten, lamentierte der Parteistratege Todd Harris gegenüber Politico: «Man weiss, dass es einen umbringt, aber man macht es trotzdem.»

Desaster für religiöse Rechte

Eine Partei auf dem Weg zur Selbstzerstörung? Möglich wäre es, denn das Problem geht tiefer: Es betrifft jene Formel, die den Erfolg der Republikaner ermöglicht hat und sie nun zu zerfleischen droht. Sie besteht aus einer neoliberalen Finanz- und Wirtschaftspolitik, einer neokonservativen Aussenpolitik – und einer reaktionären Haltung in gesellschaftlichen Fragen. Als sich die Partei ab den 60er-Jahren für fundamentalistische Christen öffnete, übernahm sie ihre kompromisslose Haltung zu Themen wie Abtreibung und Homosexualität.

Am Dienstag erlitt die religiöse Rechte einige spektakuläre Niederlagen. Das betrifft die beiden Senatskandidaten in Indiana und Missouri, die mit unsäglichen Kommentaren zu Vergewaltigung und Schwangerschaft zwei sicher geglaubte Sitze vergeigten. Oder das Ja zur Homo-Ehe in zwei Bundesstaaten und zur Legalisierung von Marihuana in zwei weiteren. Oder die Wahl einer bekennenden Lesbe im Agrarstaat Wisconsin in den US-Senat. Führende Vertreter der religiösen Rechten sprachen von «Katastrophe» und «Desaster».

Der Umgang mit diesem reaktionären Element ist eine weitere Herausforderung für die Republikaner. Sie könnte sogar zu einer Spaltung führen. Einige jener Milliardäre, die Mitt Romney mit viel Geld und ohne Erfolg zum Präsidenten machen wollten, fordern eine offenere Haltung nicht nur gegenüber Minderheiten, sondern auch in gesellschaftlichen Fragen. Doch schon einmal haben die Republikaner die Zeichen der Zeit nicht erkannt: In den 1920er-Jahren praktizierten sie eine Laisser-faire-Politik, die direkt in die Grosse Depression mündete. Es folgten fast 50 Jahre Dominanz der demokratischen Partei.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • D. P. am 10.11.2012 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    Swing, Swing

    Nun, wenn praktisch alle Swingstates verloren gehen, hat man ausgeswingt. Und wenn man mit Blockaden, weiterhin die Zukunft der Nation aufs Spiel setzt, ist man als Partei spätestens 2016 weg vom Fenster.

  • I.N.Scider am 12.11.2012 07:01 Report Diesen Beitrag melden

    Liegt an der Zeit

    Der Zeiträume der Industrialisierung und Computerisierung haben wir durch, und das heisst nichts geringeres als dass eine neue Zeitwelle anfangen muss. Meiner Einschätzung nach, geht es wohl zugunsten von Sozialem und Umwelt. Die GOP kann da leider nicht ohne Neugeburt mithalten.

  • Flup am 12.11.2012 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Schlechtes Wahlsystem

    Das Wahl- und Parteien-System in den USA ist schlecht. Nur 2 Parteien, das genügt nie. Auch das System mit den Wahlen (Winner takes it all) ist schlecht und representiert überhaupt nicht die Meinung des Volkes. Prozentual war der Vorsprung Obamas nähmlich nicht so gross.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Flup am 12.11.2012 14:24 Report Diesen Beitrag melden

    Schlechtes Wahlsystem

    Das Wahl- und Parteien-System in den USA ist schlecht. Nur 2 Parteien, das genügt nie. Auch das System mit den Wahlen (Winner takes it all) ist schlecht und representiert überhaupt nicht die Meinung des Volkes. Prozentual war der Vorsprung Obamas nähmlich nicht so gross.

  • I.N.Scider am 12.11.2012 07:01 Report Diesen Beitrag melden

    Liegt an der Zeit

    Der Zeiträume der Industrialisierung und Computerisierung haben wir durch, und das heisst nichts geringeres als dass eine neue Zeitwelle anfangen muss. Meiner Einschätzung nach, geht es wohl zugunsten von Sozialem und Umwelt. Die GOP kann da leider nicht ohne Neugeburt mithalten.

  • Jackmans am 10.11.2012 22:18 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Besen kehren gut

    Könnte mir gut vorstellen, dass die Republikaner wieder auf Erfolgskurs kämen, wenn sie sich von der radikalen Tea Party Bewegung trennen würden. Sollen diese doch ihre eigenen Ansichten auf einer eigenen Party veranstalten, denn dieser konservative Radikalismus hat in der heutigen Zeit keinen Nenner mehr, da diese Leute viel zu sehr und ohne Kompromisse rechts stehen u nicht fähig für Konsens sind, während im Lager der Reps durchaus liberale Zirkel entstehen, die von der TP unterdrückt werden.

  • D. P. am 10.11.2012 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    Swing, Swing

    Nun, wenn praktisch alle Swingstates verloren gehen, hat man ausgeswingt. Und wenn man mit Blockaden, weiterhin die Zukunft der Nation aufs Spiel setzt, ist man als Partei spätestens 2016 weg vom Fenster.

  • Charles-Louis Joris am 10.11.2012 11:56 Report Diesen Beitrag melden

    James Watt

    Das erfreulichste ist an allem der Einbruch der irrational schrillen religiösen Rechten, deren Aufbruch eigentlich erst - oder SCHON - mit Reagans Innenminister James Watt begann. Der hatte 1981 allen Ernstes die Aufhabeung aller Naturparks und -schutzgebiete und der Ausbeutung der dort vorkommenden Rohstoffe postuliert......damit die Apokalypse umso früher einsetze.