Fox News zieht Reissleine

12. Dezember 2012 10:49; Akt: 12.12.2012 12:20 Print

Rote Karte für zwei Chefstrategen

von Peter Blunschi, New York - Die republikanischen Top-Shots Karl Rove und Dick Morris haben sich während der US-Wahlen mit ihren Prognosen kräftig blamiert. Nun hat Fox News sie vom Bildschirm verbannt.

Karl Roves Auftritt am Wahlabend auf Fox News. (Video: YouTube)
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Am 6. November 2012 brach für manchen aufrechten Amerikaner eine Welt zusammen. Präsident Barack Obama, der verhasste «Sozialist», der «kenianische Muslim», wurde wiedergewählt. Viele konnten es kaum glauben. Während Tagen und Wochen hatten rechte Blogger und Medien, angeführt vom Nachrichtensender Fox News, ihnen weisgemacht, dass Obamas Tage im Weissen Haus gezählt seien und sein republikanischer Herausforderer Mitt Romney die Wahl gewinnen werde. Am Ende war sogar Romney selber von seinem Sieg überzeugt.

Am Wahlabend kollidierte dieses rechte Paralleluniversum brutal mit der Realität. Nicht nur Mitt Romney tat sich schwer damit, dies anzuerkennen. Im Studio von Fox News spielten sich kabarettreife Szenen ab. Karl Rove, einst gefürchteter Chefstratege von George W. Bush, wollte partout nicht einsehen, dass Barack Obama den Bundesstaat Ohio und damit die Wahl gewonnen hatte. Er kreierte Szenarien mit republikanischen Wählern, die nur in seiner Fantasie existierten, bis Moderatorin Megyn Kelly ihn auf den Boden holte: «Machst du diese Rechnerei nur, um dich als Republikaner besser zu fühlen, oder ist sie echt?»

Nur mit Einwilligung des Chefs

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Tags darauf wurde Karl Rove von TV-Lästermäulern wie David Letterman und Jon Stewart mit Häme überschüttet. Und noch einer bekam sein Fett weg: Dick Morris. In den 1990er-Jahren war er ein Vertrauter von Präsident Bill Clinton gewesen, bis ein Fotograf ihn bei einem Seitensprung ertappte. Dann rutschte er nach rechts und wurde zu einem Aushängeschild der Konservativen. In den Tagen vor der Wahl prognostizierte er auf Fox News einen klaren Romney-Sieg «mit rund 325 Wahlmänner-Stimmen und fünf Prozent Vorsprung auf Obama» (siehe Video).

Es kam bekanntlich anders, und nun hat Fox News die Reissleine gezogen. Rove und Morris wurden vorläufig vom Bildschirm verbannt, berichtete das «New York Magazine» letzte Woche. Oder besser gesagt: Sie dürfen nur noch mit Einwilligung der Chefetage vor die Kamera. Die Anweisung sei von Fox-News-Chef Roger Ailes persönlich erlassen worden. Dieser hatte die Rove-Show am Wahlabend zu Hause miterlebt. «Ich dachte: ‹Was zum...› ‹Was soll das?›», sagte Ailes in einem Interview mit dem Blog TVNewser.

Quote, nicht Ideologie zählt

Nun fragen sich Freund und Feind, ob dies der Beginn einer Trendwende ist, hin zu mehr Fakten statt Meinungen. Oder ob es sich um ein Ablenkungsmanöver handelt: Fox News opfert die beiden peinlichsten Figuren, um weitermachen zu können wie bisher. Skeptiker wie die «Guardian»-Kommentatorin Ana Marie Cox verweisen darauf, dass andere Figuren, die ebenfalls Teil des rechten Paralleluniversums waren, weiterhin auf Fox News ihre Meinung äussern dürfen – sogar Sarah Palin, «ein lebendes Zeugnis dafür, wie sehr der Sender sowohl die Wahrheit ignoriert als auch die Folgen, die sich daraus ergeben».

Obwohl Roger Ailes seit Richard Nixon für republikanische Präsidenten und Kandidaten als Medienberater gearbeitet hat, zählt für ihn – und seinen obersten Boss Rupert Murdoch – letztlich nur ein Kriterium, und das ist nicht die Ideologie, sondern die Quote. Seit seiner Gründung 1996 ist Fox News zur klaren Nummer eins unter den US-Kabelnachrichtensendern avanciert. Dies ermöglicht hohe Werbeeinnahmen und damit satte Profite, denn Fox News produziert kaum journalistische Eigenleistungen, sondern vor allem Talkshows, die auf das Weltbild des konservativen Amerika zugeschnitten sind.

300 Millionen Dollar verbrannt

Dieses ist nach Obamas Wiederwahl ins Wanken geraten. Die Republikaner wirken wie ein orientierungsloser Haufen, zerrissen zwischen den Forderungen nach einer Rückbesinnung auf die reine rechte Lehre und einer Mässigung zumindest in einzelnen Bereichen wie etwa dem Thema Einwanderung. Der Ausgang dieses Tauziehens ist offen, und so lange dürfte auch Fox News in der Schwebe bleiben. Roger Ailes jedenfalls stellte gegenüber TVNewser klar, dass man Obamas zweite Amtszeit «von Tag zu Tag» beurteilen werde: «Es macht mir nichts aus, den Kerl zu loben, und es macht mir nichts aus, ihn in Frage zu stellen.»

Für die «Ausgestossenen» dürfte dies unterschiedliche Konsequenzen haben: Während Dick Morris wohl endgültig als Politclown abgestempelt ist, hat das Comeback von Karl Rove bereits stattgefunden. Am Montag trat er erstmals nach 27 Tagen Sendepause wieder auf Fox News auf. Sein einstiger Ruf als Superstratege jedoch ist angeschlagen, sogar in den eigenen Reihen. Als Gründer des Aktionskomitees American Crossroads hatte er mit dem Versprechen, Mitt Romney zum Präsidenten zu machen, rund 300 Millionen Dollar von superreichen Amerikanern gesammelt. Diese fühlen sich nun ziemlich angeschmiert.

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