Brigitte Höss

11. September 2013 22:18; Akt: 12.09.2013 08:51 Print

Nazi-Tochter arbeitete 35 Jahre in jüdischem Salon

Brigitte Höss ist 80 und leidet an Krebs. Seit Jahrzehnten trägt sie ein schreckliches Geheimnis mit sich herum: Sie ist die Tochter des Kommandanten von Auschwitz.

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Rudolf Höss (2. v.l.) mit Josef Mengele (ganz links) und Josef Kramer (2. v.r.) vor dem Vernichtungslager Auschwitz 1944. (Bild: Keystone/AP)

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Thomas Harding, Journalist der «Washington Post», ist während seinen Recherchen zu seinem Buch «Hanns and Rudolf», das von der Verhaftung des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss handelt, auf eine von Höss' verschollenen Töchtern gestossen. Brigitte Höss lebt seit über 40 Jahren in den USA, ist verheiratet, hat Kinder und arbeitete 35 Jahre in einem Fashion-Salon, der von einem jüdischen Paar geleitet wird.

Nur ihre Chefin und ihr Manager kennen die Wahrheit über ihre Herkunft. Unter der Bedingung, dass ihre Identität geschützt wird, gab sie Thomas Harding ein Interview, das in der «Washington Post» erschienen ist.

Als Brigitte Höss mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern 1972 nach Washington zog, begann für sie ein neues Leben. Sie hatte einige Startschwierigkeiten, da sie kaum Englisch sprach und weder Freunde noch Familie in den USA hatte. Nach einiger Zeit fand sie aber einen Teilzeitjob in einer Modeboutique. Eines Tages betrat eine jüdische Frau den Laden. Ihr gefiel Brigittes Stil. Sie bot ihr einen Vollzeitjob in ihrem eigenen Fashion-Salon an und warb sie kurzerhand ab.

Eine Kindheit in Auschwitz

Kurz nach ihrer Anstellung beichtet Brigitte Höss an einem Abend angetrunken ihrem Manager, woher sie stammt und dass ihr Vater Rudolf Höss war. Der Manager erzählt es der Ladenbesitzerin. Sie spricht umgehend mit der Deutschen und versichert ihr, dass sie bleiben könne, da sie keine Verantwortung für die Gräueltaten ihres Vaters trage. Was Höss zu diesem Zeitpunkt nicht weiss: Ihre jüdische Chefin und ihr Mann sind nach der Kristallnacht 1938 aus Deutschland geflohen. Brigitte arbeitet 35 Jahre lang für die beiden und die Inhaberin behält das Geheimnis im Gegenzug für ihre Loyalität für sich.

Während ihrer Kindheit zieht Brigitte von einem Konzentrationslager zum nächsten – ihr Vater Rudolf klettert die Karriereleiter der SS hinauf. Die Lebensjahre sieben bis elf verbringt sie in Auschwitz, das ihr Vater von einer alten Armeebaracke in ein Vernichtungslager umbaut. Pro Stunde werden dort 2000 Menschen getötet. Bis zur Schliessung 1945 ermorden die Nazis in Auschwitz 1,2 Millionen Menschen.

Mutter Höss beschrieb Auschwitz als «Paradies»

In dieser Zeit wohnt die Familie Höss in einer zweistöckigen Villa am Rande des Geländes. Im oberen Stock sieht man auf das Krematorium und das Lager herab. Dekoriert wird das Haus mit Bildern und Möbeln, die Insassen gehörten, die in der Gaskammer ermordet wurden. Die Mutter beschreibt das Gelände als «Paradies». Im Garten mussten Gefangene den Jungen riesige Holzflugzeuge bauen und sie darin herumschieben, während die Mädchen am Eingangstor mit den attraktiven jungen Wachen flirteten.

Die Kinder wissen, dass sie in einem Gefangenenlager aufwachsen. Einmal verkleiden sie sich als Insassen und pinnen Davidsterne an ihre Shirts. Sie jagen einander, bis Vater Höss sie entdeckt und dem Spiel ein Ende setzt. Im April 1945 trennt sich die Familie: Die Mutter zieht mit den Kindern nach St. Michaelisdonn in den Norden von Deutschland, der Vater versteckt sich auf einem Bauernhof in der Nähe der dänischen Grenze.

Der erste Kommandant, der Auschwitz bestätigte

Im März 1946 wird die Familie von den Alliierten entdeckt. Die Mutter und Bruder Klaus werden abgeführt. Klaus wird derart brutal verhört, dass die Mutter schliesslich den Aufenthaltsort des Vaters preisgibt. Auf dem Bauernhof wird Höss aufgrund seines Eherings enttarnt und nach den Nürnberger Prozessen an Polen ausgeliefert. Er war der erste Kommandant, der den Massenmord in Auschwitz bestätigte. Polen lässt ihn später in der Nähe des Krematoriums von Auschwitz hängen.

Brigitte Höss ist heute 80 Jahre alt, pensioniert und leidet an Krebs. Bis vor kurzem telefonierte sie noch monatlich mit ihrer Chefin, der Inhaberin des Fashion-Salons.

(lhe)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Diese Frau kann nichts dafür, was ihre Eltern getan haben. Ich finde, man sollte sie nicht verurteilen und ziehe meinen Hut vor ihrer Chefin, welche keine Vorurteile hatte. Es ist schrecklich, grausam und unentschuldbar, was im 2. WK geschah. Doch Kinder, wie Brigitte Höss eines war, konnten für ihre Herkunft nichts. – Frau Meier

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Megaman am 12.09.2013 07:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Is doch toll

    Freut mich, das die Jüdin ihrer Familie vergeben konnte. Ich finde das schön.

  • Fritz Im B.L. am 12.09.2013 07:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab

    Hut ab vor diesem Jüdischen Ehepaar, das lässt die Hoffnung das es doch eine menschliche Vernunft gibt. Ob ich in dieser Situation genauso Grosszügig gehandelt hätte, ich setz mal ein Fragezeichen.

  • l.b. am 12.09.2013 06:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    vergessen ist des menschens talent

    diese geschichte zeigt das all der hass und missverstaendnisse nicht immer ueber vernunft herschen. und so beitraege machen sinn sonst haetten sie die nicht gelesen die in kommentaren den sinn breitklopfen wollen. das sind verbrechen die wir nicht vergessen sollten. besonders nicht angesichts der jüngsten erreignissen wo es auf das gleiche hinaus lief.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Fritz Im B.L. am 12.09.2013 07:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab

    Hut ab vor diesem Jüdischen Ehepaar, das lässt die Hoffnung das es doch eine menschliche Vernunft gibt. Ob ich in dieser Situation genauso Grosszügig gehandelt hätte, ich setz mal ein Fragezeichen.

  • Megaman am 12.09.2013 07:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Is doch toll

    Freut mich, das die Jüdin ihrer Familie vergeben konnte. Ich finde das schön.

  • l.b. am 12.09.2013 06:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    vergessen ist des menschens talent

    diese geschichte zeigt das all der hass und missverstaendnisse nicht immer ueber vernunft herschen. und so beitraege machen sinn sonst haetten sie die nicht gelesen die in kommentaren den sinn breitklopfen wollen. das sind verbrechen die wir nicht vergessen sollten. besonders nicht angesichts der jüngsten erreignissen wo es auf das gleiche hinaus lief.

  • Moni am 12.09.2013 06:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hut ab!!!

    Ist doch mal schön zu lesen, dass eine Person die auch selbst betroffen war, so viel Grösse hat! Da sollten sich einige, die DE noch heute ausnehmen (sind aber lange nach dieser Zeit erst auf die Welt gekommen), sich an der Vergangenheit bereichern und sie nicht ruhen lassen können ne Scheibe abschneiden!

  • Paulchen am 12.09.2013 06:25 Report Diesen Beitrag melden

    Und trotzdem wir Auschwitz geleugnet

    Obwohl es unzählige Augenzeugenberichte, Bildbeweise und sogar Bestätigungen von Insassen wie Bewacher und Komando vorliegen, gibt es immer noch Menschen welche behaupten die gezielte Vernichtung der Juden und die KZ seien nur erfunden um den Angriff der Allierten zu rechtfertigen...