Kritische Stimmen

20. Dezember 2010 14:51; Akt: 20.12.2010 18:13 Print

«Wikileaks betreibt Selbstjustiz»

Der Internet-Guru Jaron Lanier schiesst gegen Wikileaks und seinen Gründer Julian Assange. Er befürchtet, dass mit dem Enthüllungsportal der Schuss gegen hinten losgehen könnte.

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Internet-Philosoph Jaron Lanier (rechts) äussert sich sehr kritisch zu Wikileaks-Grüner Julian Assange: Er schaffe mit seinem Enthüllungsportal eine Welt ohne «Vertrauen und Anstand».

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Jaron Lanier, unter anderem Internet-Pionier und Erfinder des Begriffs «virtuelle Realität» äusserte sich in einem Gespräch mit dem Newsportal «Focus» sehr kritisch über die Enthüllungsplattform Wikileaks und deren Gründer Julian Assange. Das Veröffentlichen von Geheimdokumenten sei nichts anderes als «digitale Selbstjustiz». Die Enthüllungen von Regierungsdateien, so der Philosoph, sei nicht viel anders als das Veröffentlichen von privaten Daten. So wohl könne man auch die Daten von Abtreibungs-Unterstützern oder illegalen Einwanderern in den USA publik machen und erinnerte dabei, dass ein Abtreibungshelfer nach solchen Veröffentlichungen ermordet wurde.

Julian Assange verfolge die falschen Ziele, sagt Lanier: Anstatt die Welt transparenter und die Menschen freier zu machen, schaffe er eine Welt ohne «Vertrauen und Anstand». Die Methode, die Wikileaks anwende, bestrafe jeden, der nicht totale Transparenz liefere. Paradox sei, dass das vollkommene Fehlen von Transparenz belohnt werde. «Eine extrem abgeschottete Regierung riskiert keine Veröffentlichungen, eine offene sehr wohl», behauptet der Guru.

Auch Bank of America dreht der Geldhahn zu

Seit dem Wochenende weigert sich auch die US-Grossbank Bank of America Spendegelder an Wikileaks zu überweisen. In einer Erklärung der Bank hiess es, die Website sei möglicherweise in Aktivitäten verwickelt, die nicht mit den Firmenrichtlinien für die Abwicklung von Finanztransaktionen übereinstimmten. Diese Entscheidung beruhe «auf unserer begründeten Überzeugung, dass Wikileaks an Aktivitäten beteiligt sein könnte, die unter anderem unvereinbar mit unserer internen Politik für die Abwicklung von Zahlungen sind».

Julian Assange kritisierte die Entscheidung. Dies sei eine «neue Form des McCarthyismus» in der Geschäftswelt in den USA, sagte er von seinem Hausarrest aus auf dem ostenglischen Anwesen Ellingham Hall. Er bezog sich damit auf den 1957 verstorbenen US-Republikaner Joseph McCarthy, der ab Ende der 40er- bis in die 50er-Jahre einen unerbittlichen Feldzug gegen eine angebliche Unterwanderung des Staates durch Kommunisten geführt hatte.

Die Bank folgt damit den Schritten anderer Finanzinstitute wie Mastercard und PayPal, die auch keine Überweisungen für Wikileaks mehr abwickeln. Wikileaks gerät damit weiter unter Druck, vor allem was die Finanzierung angeht. Anhänger von Wikileaks hatten nach dem Boykott durch Mastercard und PayPal die Webseiten dieser beiden Unternehmen angegriffen. Nach Ansichten von Sicherheitsexperten dürfte es Hackern aber schwerer fallen, in das System der Bank of America einzubrechen.

(kle)