Asyl beim Volkstribun

21. Juni 2012 16:45; Akt: 21.06.2012 18:21 Print

Julian Assanges dubiose Liebe zu Ecuador

von Karin Leuthold - Erst die Talkshow für einen russischen TV-Sender, jetzt Asyl in Ecuador: Der streitbare Verfechter einer totalen Medienfreiheit flüchtet in ein undurchsichtiges Umfeld.

Julian Assange interviewt Ecuadors Präsident Rafael Correa. (Video: YouTube/RussiaToday)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Der Fall ist klar: Der australische Wikileaks-Gründer Julian Assange will mit allen Mitteln verhindern, dass er am 7. Juli von Grossbritannien nach Schweden ausgeliefert wird. In einer verzweifelten Aktion ersuchte er vor zwei Tagen in Ecuadors Botschaft in London um politisches Asyl. Der selbsternannte Kämpfer für die total transparente Gesellschaft muss sich in dem skandinavischen Land wegen Vergewaltigungsvorwürfen in zwei Fällen vor Gericht verantworten. Er selbst vermutet dahinter ein politisches Manöver: Der wahre Grund für die Anklage sei eine mögliche Auslieferung in die USA, die gegen Assange schon lange einen Prozess wegen Verrats anstrengen und wo ihm für die Offenlegung von Geheimdienstinformationen theoretisch die Todesstrafe droht.

Dass Assange ausgerechnet Ecuador als Zielland wählte, birgt eine gewisse Ironie. Das südamerikanische Land geniesst keinen guten Ruf in Sachen Pressefreiheit. In US-Medien werden die vielen Rügen aufgezählt, die Ecuador in letzter Zeit erhalten hat. «Reporter ohne Grenzen» berichtete über sechs Radio- und zwei TV-Stationen, die in den vergangenen zwei Wochen von der Regierung von Präsident Rafael Correa geschlossen worden sind. Auch die Denkfabrik Freedom House schreibt in ihrem jüngsten Jahresbericht: «Die Schliessung eines weiteren unabhängigen Mediums und zahlreiche öffentliche Attacken von Präsident Rafael Correa gegen private Medien sind ein beunruhigendes Abbild von dessen Versuchen, kritische Medien zum Schweigen zu bringen.»

Schüsse auf Demonstranten angeordnet

Die Organisation Human Rights Watch warnt auf ihrer Website: «Ecuador beschränkt die Meinungsfreiheit. Demonstranten werden mit Gewalt verfolgt und unter dem Vorwurf des Terrorismus angezeigt.» Vergangenen Mai machte sich auch das Blogger-Netzwerk Global Voices Sorgen um die Pressefreiheit im südamerikanischen Land. Es erwähnte den Fall einer Zeitung, die mit einer Million Dollar gebüsst worden ist, nachdem sie einen offenen Brief veröffentlicht hatte, der die Regierung beschuldigte, Schüsse auf Demonstranten im September 2011 angeordnet zu haben. Der Autor des Briefes habe kurz darauf Asyl in den USA beantragt.

«Der beliebteste ecuadorianische Präsident»

«Warum Ecuador?», fragen sich nun viele, wo Wikileaks doch für die absolute Pressefreiheit plädiert. Vor kurzem lud Julian Assange Rafael Correa in seine Talkshow auf dem TV-Sender Russia Today ein (siehe Video). Der Wikileaks-Gründer wollte vom umstrittenen Präsidenten wissen, ob die Kritik an der Meinungsfreiheit in seinem Land berechtigt sei. Er stellte Correa als den «beliebtesten ecuadorianischen Präsidenten in der Geschichte des Landes» vor. Rafael Correa sei ein linker Populist, erklärte Assange weiter, der die Hetze korrupter Medien für einen Entführungsversuch im Jahr 2010 verantwortlich mache. Correa behaupte, dass die Medien bestimmen würden, «wie viele Reformen» in Ecuador umgesetzt würden. Mit der Frage «Hat er Recht?» beendete Assange sein Intro.

Correa erwiderte, dass einige «mächtige Medien» in seinem Land die Wikileaks-Depeschen, die über deren dubiosen Machenschaften berichteten, «in einer schamlosen Art und Weise nie veröffentlicht» hätten. Dass seine Regierung Zensur betreibe, sei «ein reiner Mythos». Sein Angriff auf einzelne Medienmacher sei damit begründet, dass einige von ihnen «einflussreicher» seien «als die Politik selbst».

Keine Garanten von Menschenrechten

Die Kritik von US-Medien an Assanges Versuch, nach Ecuador zu flüchten, ist verständlich. Correa ist den Amerikanern wie viele linksorientierte südamerikanische Präsidenten – von Argentinien bis Venezuela – ein Dorn im Auge. Die «mächtigen Medien», von denen Correa im Interview spricht, sind in den meisten Fällen Ableger konservativer Medienkonzerne, die ihren Hauptsitz in den USA haben. Aus dieser Perspektive wirkt Julian Assanges Absicht kohärent. Dass aber weder Russland noch Ecuador als Garanten von Menschenrechten und Pressefreiheit gelten, entlarvt Assanges ureigenstes Interesse: Um jeden Preis seine Haut zu retten.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • JJ Rob am 21.06.2012 19:50 Report Diesen Beitrag melden

    Keine gute Idee

    Ich denke nicht, dass mein Land (EC) eine solche Person Asyl gewähren sollte, andererseits kann Assange mit der politische Auslieferung recht haben, die Hintergründe werden werden wir aber leider nicht zu sehen bekommen. Ich selbst war schon lange nicht mehr dort weshalb ich die Arbeit der Regierung nicht beurteilen kann.

  • Rolf am 21.06.2012 23:08 Report Diesen Beitrag melden

    Verschwörungstheorien.

    Es gibt einen Grund, warum Assange keine Informationen von Ländern veröffentlicht hat, aus denen er wirklich etwas zu befürchten gehabt hätte, obschon die sich weit schlimmeres vorzuwerfen hätten, als eine Filmkamera mit einer Panzerfaust verwechselt zu haben. Die einzigen, die Ihn verfolgen, sind allenfalls die noch überlebenden Informanten, die er letzten Sommer einfach so über die Klinge springen liess, nur um schnell mal wieder ins Gespräch zu kommen. Man sollte endlich aufhören von diesem irren Egomanen zu schreiben als sei er Nelson Mandela. Es war alles nur show.

  • John Kiokoech am 21.06.2012 17:37 Report Diesen Beitrag melden

    Unkluges Asylland

    Ecuador hat nach wie vor Enge Bindung an die USA, selbst die Währung dort ist der US-Dollar. Die USA haben Truppen (zur Ausbildung) im Land und haben einen Luftwaffenstützpunkt in Manta. Asange wäre sicherer in Venezuela, die Wahl dieses Asylortes ist dumm.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rolf am 21.06.2012 23:08 Report Diesen Beitrag melden

    Verschwörungstheorien.

    Es gibt einen Grund, warum Assange keine Informationen von Ländern veröffentlicht hat, aus denen er wirklich etwas zu befürchten gehabt hätte, obschon die sich weit schlimmeres vorzuwerfen hätten, als eine Filmkamera mit einer Panzerfaust verwechselt zu haben. Die einzigen, die Ihn verfolgen, sind allenfalls die noch überlebenden Informanten, die er letzten Sommer einfach so über die Klinge springen liess, nur um schnell mal wieder ins Gespräch zu kommen. Man sollte endlich aufhören von diesem irren Egomanen zu schreiben als sei er Nelson Mandela. Es war alles nur show.

  • JJ Rob am 21.06.2012 19:50 Report Diesen Beitrag melden

    Keine gute Idee

    Ich denke nicht, dass mein Land (EC) eine solche Person Asyl gewähren sollte, andererseits kann Assange mit der politische Auslieferung recht haben, die Hintergründe werden werden wir aber leider nicht zu sehen bekommen. Ich selbst war schon lange nicht mehr dort weshalb ich die Arbeit der Regierung nicht beurteilen kann.

  • troll am 21.06.2012 19:29 Report Diesen Beitrag melden

    Ein super

    Interview. Danke Assange

  • Nemo am 21.06.2012 18:33 Report Diesen Beitrag melden

    Falsch liebe 20min.

    Ecuador ist nicht undurchsichtig. Es ist das wohl einzige Land, das den ewigen Forderungen der USA nicht nachgeben. Dazu fehlt unseren Politikern eindeutig der Mut.

  • Rolf am 21.06.2012 18:26 Report Diesen Beitrag melden

    Auslieferungsrecht.

    Ecuador liefert Beschuldigte nur bei Mord, Vergewaltigung, Diebstahl, Urkundenfälschung, Geldfälschung und finanzieller Vergehen von Amtspersonen an die USA aus. Das ist der Grund. Der Rest ist Geschwätz. Dass er Correa vorher noch in seiner Sendung den Hof macht zeigt auf welches erbärmliche Niveau Assange inzwischen gesunken ist.