Wikileaks-Enthüllungsbuch

11. Februar 2011 11:41; Akt: 11.02.2011 13:13 Print

Ein Haufen kleiner Julians

Wikileaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg rechnet in seinem Buch mit deren Gründer Julian Assange ab. Und verrät, wie gerne der Australier sein Erbgut weitergibt.

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Am zieht Julian Assange vor das höchste britische Gericht, um seine Auslieferung nach Schweden zu verhindern. Ein schwarzer Tag für Julian Assange: Ein Londoner Gericht lehnt die Berufung des Wikileaks-Gründers gegen eine Auslieferung nach Schweden ab. Vor einem Londoner Gericht begann Assanges Berufungsverfahren gegen seine drohende Auslieferung nach Schweden. Im Februar hatte ein Richter entschieden, Assange nach Schweden auszuliefern. Der 40-Jährige legte dagegen Berufung ein. Er fürchtet, letztlich in die USA ausgeliefert zu werden. Julian Assange hat in Grossbritannien einen Antrag auf Markenschutz für die Begriffe «Julian Assange» und «Wikileaks» eingereicht. Der ehemalige Wikileaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg rechnet in seinem Buch «Inside Wikileaks - Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt» mit Gründer Julian Assange ab. Assange ist laut Domscheit-Berg «eine der spannendsten und verrücktesten Gestalten in der aktuellen Medienberichterstattung», aber auch «paranoid, machtversessen und grössenwahnsinnig». Zudem soll er Vater von «mindestens» vier Kindern sein. Julian Assange erscheint zusammen mit seiner Anwältin Jennifer Robinson vor Gericht in London. Ihm wird vorgeworfen, dass er beim Sex mit der schwedischen Aktivistin Anna Ardin das Kondom mit Absicht platzen liess. Bald gerieten Bilder des verhängnisvollen Gummis an die Öffentlichkeit. Eine forensische Analyse ergab «kleine Kratzer in der Umgebung des Risses». Der Schaden am Material zeige aber «keine Spur einer Anwendung von Gegenständen». Täglich um 18 Uhr muss sich der Wikileaks-Frontmann beim Polizeiposten in Beccles, Suffolk, melden. Ausserdem muss er eine elektronische Fessel tragen und ein Ausgehverbot einhalten. Seit seiner Freilassung wohnt Julian Assange beim Journalisten Vaughn Smith, dem Gründer des Frontline Club, in einer Villa aus dem 18. Jahrhundert mit zehn Schlafzimmern und 250 Hektar Land. Am 16. Dezember 2010, kurz nach 19 Uhr Schweizer Zeit, konnte Julian Assange das Gerichtsgebäude in London verlassen. Am 7. Dezember 2010 hatte sich der Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks der Londoner Polizei gestellt und wurde umgehend verhaftet. Noch am gleichen Tag wurde er dem Haftrichter vorgeführt. Assange drohte die Auslieferung nach Schweden. Der Australier hat aber eine Auslieferung nach Schweden angefochten. Er fürchtet, von dort in die USA abgeschoben zu werden. In wenigen Wochen war der Hacker zur Kultfigur avanciert: Diverse Webseiten verkaufen T-Shirts mit seinem Konterfei. Während seiner wochenlangen Flucht, weckte Assange bei Frauen regelrechte Mutterinstinkte: Sie brachten ihm Hemden und T-Shirts mit, wenn er ohne zu schlafen tagelang am Computer sass. Sie bereiteten ihm das Essen vor - das er meistens nicht einmal anrührte -, oder sie buchten seine Flüge und kümmerten sich ums nächste geheime Quartier. Interpol hatte am 30. November 2010 Assange auf seine Liste der meistgesuchten Verdächtigen gesetzt. Die Entscheidung der internationalen Polizeiorganisation war gekommen, nachdem die schwedische Staatsanwaltschaft einen Haftbefehl gegen den 39-Jährigen wegen Vorwürfen der sexuellen Belästigung und der Vergewaltigung erlassen hatte. Die Vorwürfe in Schweden wurden von zwei Frauen erhoben, die Assange während eines Aufenthalts in Stockholm im August 2010 getroffen haben soll. Eines der Opfer, eine 30 Jahre alte Schwedin, hatte an der Universität Uppsala ein Seminar unter dem Titel «Das erste Opfer eines Krieges ist die Wahrheit» organisiert und Assange dazu eingeladen, seine Plattform zu präsentieren. Assange soll der Frau nach einer Party nach Hause gefolgt sein und sie dort vergewaltigt haben. Das zweite Opfer ist eine Fotografin, die Assange angeblich an derselben Party kennenlernte. Auch an ihr soll sich der Hacker sexuell vergangen haben. Der Australier beteuerte bislang stets seine Unschuld und sprach von einer Schmutzkampagne der US-Geheimdienste gegen seine Person. Julian Paul Assange ist am 3. Juli 1971 in Townsville, Queensland, Australien, geboren. Assanges Eltern waren Betreiber eines Wanderzirkus. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs Assange bei seiner Mutter auf. Seine Mutter Christine wollte ihn nicht auf Schulen schicken, damit Julian kein falsches Verhältnis zu Autoritäten bekommt. Bis zu seinem 14. Lebensjahr zog die Familie 37 Mal um. Mutter Christine befand sich damals auf der Flucht vor Julians jähzornigem Ziehvater. Erste Programmmiererfahrungen sammelte Assange auf einem Commodore 64, den ihm seine Mutter im Alter von 13 Jahren geschenkt hatte. 1987 beschaffte er sich ein Modem. Unter dem Pseudonym «Mendax» begann er erste Hacker-Aktivitäten. Gleichzeitig studierte Assange Mathematik und Physik an der University of Melbourne. Während seiner Hacker-Zeit lernte er seine spätere Frau kennen. 1989 zogen beide zusammen, der gemeinsame Sohn Daniel (Bild) wurde 1990 geboren. Ein Jahr später trennte sich das Paar. Die Auseinandersetzung um das Sorgerecht des kleinen Daniel setzte dem Vater Julian so zu, dass sich sein brauner Haarschopf in dieser Zeit aschfahl färbte. Bevor Vater Julian in die Wikileaks-Welt abtauchte und Australien verliess, fragte er seinen damals 16-jährigen Sohn, ob er mitkommen wolle. Der lehnte ab. Seitdem ist der Faden gerissen. Daniel Assange verfolgt seitdem die Aktivitäten seines Vaters aus derselben Distanz wie andere auch. Sein Vater sei «sehr intelligent» und habe «die charakteristischen Probleme, die mit hoher Intelligenz einhergehen», beschrieb Daniel im September 2010 seinen Vater. Papa werde offenbar schnell wütend - vor allem auf Leute, «die nicht in der Lage sind, sein Arbeitslevel zu erreichen und seine Ideen intuitiv zu verstehen». Wenn Assange einen Raum betritt, so berichten Zeugen, suche er als Erstes eine Steckdose für seinen kleinen Computer; ein 300 Dollar billiges Notebook, das er immer bei sich trägt. Erst danach wendet er sich der menschlichen Umgebung zu. Die Internetplattform Wikileaks hatte es sich im Jahr 2007 zur Aufgabe gemacht, geheime und damit oftmals brisante Informationen zu veröffentlichen. Wikileaks beschreibt seine Arbeit dabei selbst als journalistisch. Wikileaks verbreitet aus anonymen Quellen stammendes Material. Unklar ist bis heute, wer genau hinter der Organisation steht. Öffentlich bekannt ist lediglich der 39-jährige Australier und Gründer der Plattform, Julian Assange. Genauso unklar wie die Struktur der Organisation ist auch ihre Finanzierung. So scheint Wikileaks auf Spenden angewiesen zu sein. Woher aber die Summen kommen, die nötig sind, um die aufwendigen Recherchen zur Überprüfung der zahlreichen Unterlagen und Dokumente zu finanzieren, ist nicht bekannt. Aufgrund seines Führungsstils innerhalb der Organisation gilt der Wikileaks-Gründer als umstritten. Er sei kritikunfähig und ein Mensch mit selbstherrlichem Verhalten. Sein ehemaliger Pressesprecher, der Deutsche Daniel Domscheit-Berg, würde «niemandem raten, mit ihm zusammenzuarbeiten». In der Schweiz sorgte Wikileaks erstmals im Januar 2008 für Aufsehen, als auf dessen Server mehrere Dokumente veröffentlicht wurden, die detailliert Auskunft über Geldflüsse von Julius-Bär-Kunden im Offshore-Paradies der Cayman-Inseln gaben. Dabei handelte es sich um zwölf mit Klarnamen genannte Personen. Ein Ex-Mitarbeiter von Julius Bär auf den Cayman Islands hatte die Daten entwendet und im Jahr 2005 dem Wirtschaftsmagazin «Cash» eine CD-Rom mit 169 Megabyte Datenmaterial aus den Jahren 1997 bis 2003 zugespielt. Die Anwälte von Julius Bär konnten für kurze Zeit mittels einer Verfügung die Webadresse wikileaks.org sperren lassen. Die pikanten Daten waren aber bereits weltweit verbreitet. Ende 2009 stellten in Berlin Wikileaks-Aktivisten den Plan vor, in Island einen sogenannten «Datenhafen» zu errichten. Im November wurde zu diesem Zweck eine Gesellschaft mit dem Namen Sunshine Press Productions gegründet. Doch das Vorhaben hielt nicht lange: Im Frühling 2010 musste Wikileaks seine Server nach Schweden verfrachten. Die US-Regierung hatte es geschafft, im Zuge der Wirtschaftskrise den Druck auf die Isländer zu erhöhen und ein speziell zugeschnittenes Pressefreiheitsgesetz wieder rückgängig zu machen. Ausdrücklich beruft sich die Plattform auf Artikel 19 der von den UN verabschiedeten Erklärung der Menschenrechte. Demnach hat jeder «das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Meinungsäusserung; dieses Recht schliesst die Freiheit ein, Meinungen ungehindert anzuhängen sowie über Medien jeder Art und ohne Rücksicht auf Grenzen Informationen und Gedankengut zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten». Zum ersten Mal sorgte Wikileaks für grosses internationales Aufsehen, als es Anfang April 2010 ein Video zu den Luftangriffen in Bagdad vom 12. Juli 2007 veröffentlichte. Darin war zu sehen, wie US-Militärhelikopter auf eine Menschengruppe auf einem Platz in Bagdad schoss. Dabei kamen zwölf Menschen ums Leben. Das brisante Material soll ein US-Soldat, Bradley Manning, an die Enthüllungs-Webseite weitergegeben haben. Der 22-Jährige wurde nach der Veröffentlichung der Videoaufnahmen aus dem Apache-Helikopter verhaftet. Am 28. November 2010 sorgte Wikileaks ein weiteres Mal für internationales Aufsehen, als 250 000 diplomatische US-Berichte über zahlreiche Regierungen und deren Mitglieder in aller Welt veröffentlicht wurden. Das Projekt Wikileaks wurde allerdings mehrmals ausgezeichnet: 2008 erhielt es den «Index on Censorship Award» des renommierten US-Magazins «The Economist». Ein Jahr später zeichnete Amnesty International das Projekt mit dem «New Media Award» aus. Im gleichen Jahr erhielt es an der Ars Electronica den «Award of Distinction» in der Kategorie «Digital Communities».

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Das Buch des ehemaligen Wikileaks-Mitarbeiters Daniel Domscheit-Berg erscheint am Freitag. Mit «Inside Wikileaks. Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt» wolle er für Transparenz sorgen, sagte er bei der Präsentation am Donnerstagabend im schicken Marmorsaal des Berliner Palais am Festungsgraben.

Unter den vielen Geheimnissen, die Domscheit-Berg ans Licht bringt, dürfte seine Enthüllung über Assanges Vaterschaften die pikanteste von allen sein. Der Deutsche behauptet, Julian Assange habe vier Kinder – und prahle sogar vor seinen Bekannten damit. «Ich sass oft in grossen Gesprächsrunden und hörte Julian damit angeben, wie viele Kinder er in verschiedenen Teilen der Welt habe. Er schien die Idee zu mögen, dass es in jedem Kontinent viele kleine Julians gibt. Ob er sich um diese Kinder kümmerte, und ob sie überhaupt existieren, ist eine andere Frage.»

Eine Art Überlegenheit

Der US-Blog «Gawker» hat sich dieses brisante Kapitel nicht entgehen lassen und ist sofort der Frage nachgegangen. Laut ehemaligen Wikileaks-Mitarbeitern gibt es diese Kinder sehr wohl. Und es seien eine Menge, berichten sie. Der prominente Wikileaks-Mitkäpfer und Journalist Donald Bostrom soll bei den Einvernahmen der schwedischen Polizei zu Assanges Vergewaltigungsvorwürfen gesagt haben, dass es «mindestens» vier Kinder seien. Ein weiterer freiwilliger Helfer bestätigte diese Zahl unabhängig von Bostroms Aussage.

Laut diesen Quellen ist das jüngste Kind lediglich sechs Monate alt. Sein ältester Sohn Daniel Assange stammt aus einer früheren Ehe; er ist 20 Jahre alt und arbeitet als Software-Entwickler in Melbourne. Dazwischen, so die Quellen, gebe es noch zwei weitere Sprösslinge, die auch in Australien wohnen. Das Alter dieser Kinder ist unbekannt. Wer die Mütter sind, bleibt ebenfalls ein Geheimnis.

Julian Assange sei darauf «fixiert», die Welt mit kleinen Enthüllern zu bevölkern, weil er von seiner «angeborenen Überlegenheit» überzeugt sei, behaupten die Informanten weiter. «Er fühlt sich verpflichtet, seinen Samen zu streuen. Er findet sich so gut, dass er meint, die Welt könnte einen Haufen seiner Kinder brauchen.» Offenbar meint er auch, mit der Fortpflanzung sei auch seine Mission erfüllt – denn mit seinem Sohn Daniel hat er seit 2007 keinen Kontakt mehr. Und dass er es mit der Verhütung nicht so genau nimmt, soll das Protokoll der schwedischen Polizei nur bestätigen.

Assange hat Wikileaks verraten

Domscheit-Berg warf Assange zudem während der Buchpräsentation einen «autokratischen Führungsstil» vor. Der Australier habe mit «Verantwortungslosigkeit» gegenüber den Informanten und mit der Neigung, Kritikern mit dem Anwalt zu drohen, die Wikileaks-Idee verraten. «Kinder sollten nicht mit Waffen spielen», sagt Domscheit-Berg und meint damit, Assange sei nicht mehr mit der gebotenen Ernsthaftigkeit bei der Sache, und das könne potenziellen Informanten schaden.

Seine Beziehung zum Wikileaks-Gründer sei nach einer langen Reihe von Konflikten beendet. «Wir waren einmal beste Freunde gewesen, Julian und ich, oder zumindest so etwas in der Art - ich bin heute nicht sicher, ob es diese Kategorie in seinem Denken überhaupt gibt», schreibt Domscheit-Berg.

Als «Geschichte von zwei Jungen und einem Server» skizziert er die Anfangszeit von Wikileaks. «Ich glaube sagen zu können, dass wir zusammen die beste Zeit unseres Lebens verbracht haben», schreibt der Deutsche, der bei Wikileaks «Daniel Schmitt» hiess. Julian Assange allerdings sei über den gemeinsamen Ruhm zum «Popstar» geworden.

Das meint Domscheit-Berg positiv und negativ zugleich. Assange sei «eine der spannendsten und verrücktesten Gestalten in der aktuellen Medienberichterstattung», aber auch «paranoid, machtversessen, grössenwahnsinnig».

«Schlammschlacht» oder «Klarstellung»?

Ob es nicht schädlich für das Projekt «Wikileaks» sei, wenn Domscheit-Berg jetzt per Buch eine Schlammschlacht mit Assange austrage, fragte der NDR-Journalist Kuno Haberbusch, der die Buchvorstellung am Donnerstag moderierte. «Inside Wikileaks» sei eine Klarstellung, entgegnete Domscheit-Berg. «Transparenz muss auch für uns gelten. Alles andere wäre ein Widerspruch in sich selbst.»

Deshalb auch sei es durchaus der Sache dienlich, darüber zu schreiben, wie Assange einst eine Katze gequält habe, seiner Auffassung nach, «um sie zu trainieren». «Es spiegelt meine Erfahrungen mit Julian Assange wider, für mich ist diese Geschichte bezeichnend.» Wie sich Wikileaks in den vergangenen Monaten entwickelt habe, tue ihm einfach nur leid, so Domscheit-Berg. «Ich sehe wenig inhaltliche Arbeit.» Der Fokus liege darauf, Spenden zu generieren.

Die Grundidee von Wikileaks sei damit mitnichten tot. «Ich glaube, dass wir gerade erst am Anfang stehen. Es gibt viel mehr Leute, die Dinge ans Licht bringen wollen, als man denkt», sagt Domscheit-Berg. Doch sind Julian Assange und Wikileaks dafür noch die Richtigen? Er hoffe, dass das Projekt wieder auf die Beine komme, sagt er. «Ich halte es für eine wichtige Bereicherung.» So richtig überzeugt klingt das nicht.

(kle)