Trauriger Trend

22. November 2012 09:16; Akt: 22.11.2012 13:01 Print

«Anzünden gilt als perfekter Mord»

von K. Leuthold, Buenos Aires - Anfang Woche starb in Buenos Aires erneut eine junge Mutter, nachdem sie von ihrem Lebenspartner angezündet worden war. Die Justiz hat es den Tätern bislang leicht gemacht. Die Hintergründe.

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Wanda Taddei (im Bild rechts oben) zusammen mit ihrem Mann Eduardo Vázquez. Am 11. Februar 2010 wurde sie nach einem Streit von Vázquez angezündet. Zehn Tage später verstarb Taddei an ihren Verletzungen. (Bild: Archiv Telam)

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Er übergoss sie mit Alkohol und warf ihr ein angezündetes Streichholz zu. Roxana Vallejos brannte sofort am ganzen Körper. Als sie am Sonntagabend ins Spital von Villa Fiorito südlich von Buenos Aires eingeliefert wurde, waren 62 Prozent ihrer Haut verbrannt. Vallejos’ Schmerzen waren höllisch. Sie wurde ins künstliche Koma versetzt. Am nächsten Morgen starb die 19-Jährige auf der Intensivstation. Der Täter ist ihr 24 Jahre alter Lebenspartner und Vater ihres sechs Monate alten Babys.

Schicksale wie das von Roxana Vallejos sind in Argentinien nicht selten. Die Tendenz ist steigend: Wurden 2009 drei Frauen bei lebendigem Leib angezündet, waren es im Jahr darauf 11 und 2011 schon 29. Im Laufe dieses Jahres wurden bislang 29 Opfer gemeldet, von denen 18 starben. «Und die, die überleben, tragen ihr Leben lang die Narben davon. Nicht nur am Körper, auch in der Seele», sagt Ada Rico, Leiterin und Mitgründerin der «Casa del Encuentro», zu 20 Minuten Online. Die Organisation betreut Frauen, die Opfer von Familiengewalt wurden.

Täter kommen davon, Opfer bleiben gebrandmarkt

In den meisten Fällen lässt sich eine Gemeinsamkeit ausmachen: Die Täter werden freigesprochen. «Es war ein Unfall», «Sie wollte sich umbringen», «Sie putzte gerade mit Alkohol und fing plötzlich an zu brennen» – die Richter nehmen die Aussagen der Männer zu Kenntnis und schreiben «Suizid» oder «Ermittlungen zu einer Straftat» in die Gerichtsakten.

Selten werden die Fälle verfolgt. Nur wer Geld hat, kann hoffen, dass irgendwann Gerechtigkeit gesprochen wird. Oft müssen die Familien die forensischen Untersuchungen am Tatort aus der eigenen Tasche finanzieren. Im Fall Roxana Vallejos hat der Aggressor selbst Verbrennungen an den Armen und im Gesicht davongetragen. Das ist eine Ausnahme.

Ada Rico, Leiterin und Mitgründerin der «Casa del Encuentro», spricht im Interview mit 20 Minuten Online über die Hintergründe der «Femizide», die schwierige Zeit danach und Behörden, die lieber wegblicken.

Warum werden in Argentinien so viele Frauen angezündet?
Ada Rico:
Argentinien ist nicht das einzige Land, in dem es diese Art von Aggression gegen Frauen gibt. Es gibt sie in ganz Lateinamerika. Dennoch muss gesagt werden, dass es hier besonders viele Fälle gibt. Die Täter sind dabei immer Partner oder Ex-Partner der Opfer. Meistens befindet sich das Paar im Trennungsprozess. Der Mann versucht, bei der Frau eine Narbe zu hinterlassen. Indem er sie durch das Feuer entstellt, sagt er: «Du wirst dich immer an mich erinnern müssen.» Es ist die grausamste Art, eine Frau für ihr ganzes Leben zu zeichnen.

Wieso gibt es diese rasante Zunahme von Fällen in den letzten zwei Jahren?
Der Fall Wanda Taddei im Februar 2010 war ein Wendepunkt. Die Frau war von ihrem Mann Eduardo Vázquez angezündet worden und starb wenige Tage danach. Weil der Täter Schlagzeuger einer bekannten Rockband war, wurde breit darüber berichtet. Als Vázquez zunächst freikam, galt das Anzünden als der perfekte Mord. Jeder gewalttätige Mann, der seine Frau oder Ex-Frau bestrafen wollte, hatte nun eine passende Methode gefunden. Von diesem Moment an haben sich die Fälle vervielfacht. Erst nachdem die Familie von Taddei über die Medien Druck gemacht hatte, wurde Vázquez zu 18 Jahren verurteilt. Trotzdem ist das zu wenig. Er hätte lebenslänglich bekommen sollen. Das wäre ein klareres Zeichen gewesen.

Welche Sozialschicht ist besonders betroffen?
Es kommt in allen Klassen vor. Wanda Taddei ist ein Beispiel aus der Oberschicht, das jüngste Opfer Roxana Vallejos stammt aus einem Armenviertel. Man kann auch kein Durchschnittsalter bei den Opfern nennen. Wir haben 15-Jährige, aber auch Frauen über 50.

Was passiert mit den Überlebenden? Sagen sie gegen die Täter aus?
Oft, aber nicht immer. Wir hatten den Fall einer Frau, die nach dem Spitalaufenthalt zu ihrem Mann zurückkehrte. Als ein Nachrichtensender das Paar besuchte, bestand er darauf, dass es ein Unfall war. Die Frau wagte es aber nicht, ihr Gesicht zu heben und in die Kamera zu schauen. Ich wusste, dass sie nie gegen ihren Peiniger aussagen würde. In den meisten Fällen sagen die Angehörigen aus. Damit wird dem Opfer viel erspart.

Hinter Gitter kommen die meisten Männer allerdings nicht. Was läuft schief?
Das Justizsystem versagt. Die Frauen werden schwer verletzt eingeliefert und wegen der Schmerzen ins künstliche Koma versetzt. Die Polizei kann das Haus ohne richterliche Verfügung nicht durchsuchen, um Beweismaterial zu sammeln. Und die Richter ihrerseits können ohne eine Anzeige des Opfers die Verfügung nicht ausstellen. In der Zwischenzeit vergehen Stunden, in denen der Täter genug Zeit hat, alle Spuren zu verwischen. Nachher wird er aussagen, dass es ein Unfall war oder dass sich seine Frau umbringen wollte.

Gibt es ein Entkommen aus diesem Teufelskreis?
Unserer Meinung nach ja. Unsere Organisation versucht durchzusetzen, dass es in solchen Fällen Hausdurchsuchungen ohne richterliche Verfügung geben kann. Nur so ist es der Polizei möglich, rechtzeitig am Tatort einzutreffen und die nötigen Beweismittel zu finden. Die Justiz ist überfordert mit der riesigen Anzahl von Fällen. Dabei gäbe es Mittel, um die Täter festnageln zu können: Die Richter könnten in den Spitälern nachfragen, ob die Opfer bereits einmal mit Anzeichen von körperlicher Gewalt eingeliefert wurden. Oder sie könnten unsere Statistiken zur Kenntnis nehmen: Selten zündet sich eine Frau selbst an. Wenn sie sich umbringen will, springt sie aus dem Fenster oder nimmt eine Überdosis Schlafmittel. Ebenso selten richtet sich eine Frau mit einer Schusswaffe. Aber diese Informationen beachten die Richter offenbar nicht.

Die Justiz also. Was tut die Politik?
Ein Gesetz, das Frauenmörder lebenslänglich bestraft, ist vor einer Woche gebilligt worden. Durch dieses Gesetz verliert der Täter automatisch das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder. Es gibt unzählige Fälle von Männern, die Kinder grossziehen, obwohl sie deren Mutter angezündet und getötet haben. Bleibt zu hoffen, dass die Richter die Fälle auch als «Femizide» erkennen und die Gerichtsakten entsprechend bezeichnen.