Autor Yasmina Khadra

02. Juli 2013 10:12; Akt: 30.07.2013 16:46 Print

«Arabische Regierungen sind lächerlich»

von K. Ramezani, Paris - Auf die Hoffnungen zu Beginn des Arabischen Frühlings folgt Frustration. Der algerische Starautor und Ex-Armeeoffizier Yasmina Khadra erklärt, warum die Region nicht zur Ruhe kommt.

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Yasmina Khadra Ende 2012 in Algier. (Bild: AFP/Farouk Batiche)

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Mit Ihren Romanen helfen Sie uns, den Nahen Osten zu verstehen. Können Sie uns erklären, was gerade in Ägypten, Syrien und Tunesien passiert?
Yasmina Khadra: Es passiert das, was auch der Westen in seiner Geschichte immer wieder erlebt hat: Ein Ausbruch der Gewalt im Nachgang eines Machtwechsels. Wir sehen einen immensen Hass, der sich in Jahren der Tyrannei, Vetternwirtschaft, Korruption und Ungerechtigkeit aufgestaut hat. Das Problem liegt im spontanen Charakter der Volksaufstände: Wir sehen keinen wohldurchdachten Prozess, aus dem ein angemessener Gesellschaftsentwurf entstehen könnte. Sondern eine ungestüme Erhebung der Massen, die nur zum Ziel hat, den verhassten Machthaber zu stürzen. Daher die Enttäuschung der Protestierenden – ihr Sieg wird von reaktionären Kräften gestohlen, die nicht anders können, als die alte Diktatur durch eine neue zu ersetzen.

Zu Beginn der Aufstände gab es viel Hoffnung.
Wenn man sich gegen die Diktatur erhebt, hofft man natürlich auf Demokratie. Leider verheisst die momentane Entwicklung in der arabischen Welt nichts Gutes. Eine Revolution braucht ein begeisterndes Ideal und aufgeklärte Anführer. Die arabischen Gesellschaften waren nicht auf die Umwälzung vorbereitet, die sie losgetreten haben. Nun sind ehemalige Untergrundorganisationen wie die Muslimbrüder in Ägypten und die Salafisten in Tunesien am Drücker, weil sie besser organisiert und indoktriniert sind. Dennoch ist noch lange nicht alles verloren. Die Bürger müssen sich mobilisieren, um die Demokratie durchzusetzen, für die sie gekämpft haben.

In einer Fernsehsendung haben Sie einmal gesagt, dass die Araber die Tyrannei akzeptieren, solange sie von einem Araber ausgeübt wird. Man erhält den Eindruck, dass sie die Tyrannei nicht nur akzeptieren, sondern selbst wählen – sogar in einer demokratischen Wahl.
Ich habe gesagt, dass sich die Araber einer Art Erstgeburtsrecht unterwerfen, die den Tyrann als grossen Bruder erscheinen lässt. Gleichzeitig wehren sie sich hartnäckig gegen fremde Mächte. Schauen Sie sich den Irak an: Während Jahrzehnten litten die Menschen dort unter dem mörderischen Grössenwahn von Saddam Hussein. Trotzdem dauert die Revolte seit seinem Sturz an, und jeden Tag zerstören Anschläge Familien und Gemeinden. Das heisst nicht, dass sich die Araber in der Rolle der Sühneopfer gefallen. Sie verabscheuen den Märtyrertod und wollen in Frieden leben. Die Wahlerfolge der Islamisten bedeuten nicht, dass die Araber unfähig sind zu wählen. Sie zeigen vielmehr, wie zerstritten die liberalen Kräfte sind.

Der Nahe Osten ist voller religiöser, ethnischer und politischer Gräben. Sind die Araber ausserstande, sich zu einigen?
Die Leute haben noch nicht begriffen, dass sich ein Land nicht über die Identität oder die Religion, sondern über die Staatsbürgerschaft definiert. Fällt dieser Faktor weg, ist der Weg ins Verderben programmiert. Religionen, Parallelgesellschaften und Ausgrenzung fördern Feindlichkeiten und führen schlimmstenfalls zu Bürgerkriegen. Auch in Europa könnte die Stigmatisierung das Verhältnis der Bürger untereinander vergiften. Der Rassismus, gestern noch verschrien, gewinnt mit atemberaubendem Tempo an Terrain.

Droht Europa auseinanderzubrechen?
Keine Nation ist dagegen immun. Manchmal reicht eine Kleinigkeit, um ein Desaster auszulösen. Das hat die Geschichte mehrmals gezeigt. Keine Gemeinschaft erträgt Demütigung und Unrecht, ohne irgendwann durchzudrehen.

Was hat der Westen bezüglich der arabischen Länder nicht verstanden?
Der Westen überlegt nicht mehr. Er nimmt für bare Münze, was ihm die Medien und die Politiker vorsetzen. Die Menschen haben Angst und fühlen sich von überall her bedroht. Das Fernsehen bombardiert sie mit Falschinformationen und grässlichen Kriegsbildern. Die Politiker halten hetzerische Reden, um ihre Wiederwahl zu sichern, wobei sie geschickt die Ängste und Ignoranz der Bürger ausnutzen. Wie soll man die Dinge verstehen, wenn man ständig von Schrecken und Hass eingedeckt wird? Nein, der Westen versteht die arabischen Länder nicht. Er fantasiert und erfindet Monster dort, wo es gar nichts zu sehen gibt.

Sind die westlichen Klischees über die arabischen Länder nicht auch Ausdruck der Ratlosigkeit? Wie soll jemand verstehen, was in Syrien passiert?
Ich weiss es nicht. Es gibt dort so viele Probleme, dass sich jeder berufen fühlt, eine Theorie aufzustellen. Man lügt, desinformiert, dementiert, tobt – und sieht gar nichts mehr ausser Flüchtlingsströmen, weinenden Familien, brennenden Städten und Konfliktparteien, die Tag und Nacht aufeinander schiessen. Jede Seite bemüht sich, die Berichterstattung auf sich zu lenken. Seit der Irak-Invasion glaube ich nichts mehr. Mit gefälschten Beweisen kann man aus einer Maus einen Elefanten und aus einem Tropfen einen Ozean machen. Was in Syrien passiert, bedrückt und empört mich. Ich hasse den Krieg, weil ich ihn genau kenne: Momente des Wahnsinns und das Versagen des gesunden Menschenverstands. Dennoch verstehe ich nicht wirklich, was in Syrien auf der politischen, geostrategischen und ideologischen Ebene passiert. Die Bevölkerung leidet unter den Irrtümern der einen, und dem unseligen Kalkül der anderen.

Aktuell läuft in den Kinos «Die Attentäterin», ein Film, der auf einem Roman von Ihnen basiert Kinos. Darin entdeckt ein arabischer Israeli, dass seine Frau eine Selbstmordattentäterin ist. In der arabischen Welt darf er nicht gezeigt werden. Warum?
Weil einige Szenen in Israel gedreht wurden, mit palästinensischen und israelischen Schauspielern. Die Arabische Liga hat einen Prügelknaben gefunden, einen armen Filmemacher. Anstatt etwas gegen die Gräuel zu tun, die unseren Leuten angetan werden, und nach Lösungen zu suchen, hat die Arabische Liga beschlossen, einen Film anzugreifen.

Das klingt lächerlich.
Das Lächerliche ist typisch für arabische Regierungen. Schlimmer noch: Sie ist ihr bestimmendes Charaktermerkmal. Seltsamerweise schweigen auch die arabischen Intellektuellen. Ausgerechnet jene, die sich so sehr bemühen, vom Westen geschätzte Einstellungen zur Schau zu tragen. Ihre Einstellung zeigt klar, dass die Empörung selektiv und somit ungerecht und mitschuldig ist.

Inzwischen gibt es demokratische Wahlen. Wie kommen die arabischen Länder zu einer echten Volksvertretung?
Frei zu wählen heisst nicht, für die Demokratie zu stimmen. Wir wissen nicht, wer wofür steht. Wir kennen auch das Gesellschaftsprojekt der Kandidaten nicht, denn sie haben keines. Die Kandidaten sind berühmte Unbekannte. Also tippt man auf das Ungewisse. Wenn unsere Entscheidungen in den Abgrund führen, haben wir uns das selbst zuzuschreiben. Eine Wahl bedeutet Verantwortung und sollte eigentlich gründlich überlegt sein. Denn man trägt auch die Konsequenzen dafür.

Sie selbst sind Direktor des algerischen Kulturzentrums in Paris, eine offizielle Einrichtung der algerischen Regierung.
Das ist keine politische Einrichtung. Ich habe jegliche politische Betätigung in diesem Zentrum verboten. Ich habe diese Stelle angenommen, um talentierte Algerier zu fördern, die unter Ausgrenzung und Günstlingswirtschaft leiden. Meine Romane werden von Millionen in der ganzen Welt gelesen. Ich brauche diese Stelle nicht für meinen Lebensunterhalt. Ich versuche ein Beispiel zu sein, indem ich die Algerier ermutige, etwas für ihr Land zu tun. Anstatt sich damit zu begnügen, ein Regime anzuprangern, dessen Überflüssigkeit niemanden entgangen ist.

Warum werden Frauen in den islamischen Ländern derart unterdrückt?
Das ist ein psychologisches Problem. Die Frau war schon immer tapferer, klüger und wichtiger als der Mann. Die Frau erzieht die Kinder. Das echte Mitgefühl in der Gesellschaft und die echte Integrität in der Verwaltung kommen von der Frau. Die Gewalt gegen Frauen basiert auf der Frustration der Männer, die ausserstande sind, sich ihre Tugenden, Barmherzigkeit und Werte anzueignen.

Was halten Sie von der feministischen Gruppe Femen, die neuerdings auch in Tunesien aktiv ist?
Sowohl im Westen als auch im Osten werden Frauen geringgeschätzt. Ihr Kampf ist eine emanzipatorische Notwendigkeit. Ich betrachte ihre Nacktheit aber nicht als eine Bekräftigung ihrer Weiblichkeit. Die Frau ist nicht ein Körper, sondern ein ganzheitliches Wesen, eine Intelligenz, ein Gewissen, ein Mehrwert, ein absoluter Wert, ein menschliches Schicksal. Ich verstehe und respektiere die Femen-Bewegung. Aber ich weigere mich, die Forderungen meiner Mutter, Schwestern, Töchter, Frau, Verwandten, Nachbarn und generell der Frauen auf eine militante Nacktkultur zu reduzieren. Die Frau ist alle Opfer dieser Welt wert, denn sie ist die Welt.