Präsidentschaftswahlen

20. April 2017 16:35; Akt: 21.04.2017 11:21 Print

«Die Franzosen könnten auf ihre Wut hören»

von Mareike Rehberg - In Frankreich hoffen fünf Kandidaten auf die Stichwahl. Experte Gilbert Casasus erklärt, warum nicht nur Le Pen und Macron Chancen haben.

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Seit 2011 führt sie die Partei FN. Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 erhielt sie im ersten Wahlgang 17,9 Prozent der Stimmen und landete hinter François Hollande und Nicolas Sarkozy auf dem dritten Platz. Bis Anfang Jahr konnte sich der Republikaner beste Chancen auf ein Stichwahl-Duell mit Le Pen ausrechnen. Dann machten Veruntreuungsvorwürfe um seine Frau Penelope Glaubwürdigkeit und Favoritenrolle zunichte, trotzdem kann es für die Stichwahl reichen. 2014 hatte François Hollande den damals 36-Jährigen zum Wirtschaftsminister gemacht. Bald schon wandte er sich aber von Hollande ab, gründete die Bewegung «En Marche!» und trat aus der Regierung aus. Der Jungspund gilt als Hoffnungsträger, weil er sich als Gegenkandidat zum festgefahrenen Links-rechts-Establishment inszeniert. Seine Handicaps sind sein Alter – er ist erst 39-jährig – und die fehlende klare Wählerbasis. Immerhin, die mangelnde Reife könnte seine 24 Jahre ältere Ehefrau wettmachen. Gemäss verschiedenen Umfragen hat Mélenchon in den letzten Wochen stark zugelegt. Relativ überraschend hat sich Benoît Hamon in der Vorwahl der Sozialisten gegen Premierminister Manuel Valls durchgesetzt. Hamon gehört dem linken Flügel der Partei an. Er hat das Problem, dass ihm von links Stimmen durch die Kandidatur von Jean-Luc Mélenchon abgegraben werden könnten. Beide dürften im ersten Wahlgang ausscheiden. Der unabhängige Kandidat Emmanuel Macron präsentierte sich vor seinen Anhängern als Vertreter eines «offenen, selbstbewussten, siegreichen Frankreichs». Die Rechtspopulistin Marine Le Pen hatte am Montagabend vor ihren Anhängern mit harten Worten gegen «massive Einwanderung» Stimmung gemacht. Sie versprach erneut den EU-Austritt. Der Konservative François Fillon versprach mehr Sicherheit. Der linke Kandidat Jean-Luc Mélenchon warb auf einer Schifffahrt durch die Kanäle von Paris um Wähler. Hamon gehört zum linken Flügel des Parti Socialiste. In der ersten Runde der Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag gibt es elf Bewerber. Die beiden Kandidaten, die dabei die meisten Stimmen erhalten, treten zwei Wochen später bei einer Stichwahl gegeneinander an.

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Gilbert Casasus, werden Emmanuel Macron und Marine Le Pen nach Sonntag in die Stichwahl gehen?
In diesem Jahr stehen wir vor einer neuen Situation. Man ging in Frankreich sonst immer davon aus, dass die Wähler anlässlich des ersten Wahlganges für den Kandidaten stimmen, der ihnen am liebsten ist. Beim zweiten Wahlgang ging es darum, einen der Kandidaten zu eliminieren. Dieses Schema trifft für die Präsidentschaftswahl 2017 nicht zu. Jetzt stehen die Franzosen vor einem Dilemma: Stimme ich erst für jemanden, den ich mag, oder treffe ich sofort die Entscheidung, wen ich eliminieren will? Momentan liegen Emmanuel Macron und Marine Le Pen vorn, aber das heisst nicht, dass diese nach dem nächsten Sonntag hundertprozentig in der Stichwahl sein werden. Sowohl François Fillon als auch Jean-Luc Mélenchon könnten dabei sein. Die Wahrscheinlichkeit Macron gegen Le Pen ist die grösste, aber alles ist möglich. Es hängt davon ab, ob die Wähler nach Beliebtheit oder schon strategisch entscheiden.

Und was wird die Mehrheit der Wähler tun?
Ich gehe davon aus, dass sie strategisch wählen werden, aber das ist eher ein Wunschdenken. Die Franzosen sind unberechenbar und viele könnten auf ihr Bauchgefühl, auf ihre Wut hören. Diese Wutgefühle gegenüber einem Land, das seine Herausforderungen nicht meistert, werden von der internationalen Presse unterschätzt, und sie könnten Le Pen und Jean-Luc Mélenchon zugute kommen. Ich kann jetzt nicht sagen, wer gewinnt. Aber am Sonntagabend, wenn die Resultate des ersten Wahlgangs klar sind, wird feststehen, wer Präsident von Frankreich wird. Und ich hoffe, es wird keine Präsidentin sein.

Warum hat der linke EU-Kritiker Mélenchon zuletzt so aufgeholt?
Mélenchon, der im Gegensatz zu Le Pen ein hundertprozentiger Demokrat ist, hat den besten und erfolgreichsten Wahlkampf geführt. Er war jahrelang Mitglied der sozialistischen Partei und hat sich dann distanziert. Viele linke Wähler, sowohl alte als auch junge, haben das Gefühl, dass sich die regierenden Sozialisten unter François Hollande von ihrer linken Seele, von den ursprünglichen Ideen und Wertvorstellungen, verabschiedet haben. Viele linke Wähler haben sich deshalb aus Protest von den Sozialisten abgewendet. Mélenchon dagegen hat es verstanden, diese linke Seele zu verkörpern.

Was ist mit Benoît Hamon, dem Kandidaten der Sozialisten?
Die Sozialisten haben sich für einen Kandidaten entschieden, der zwar als Bildungsminister einige Zeit Mitglied der Regierung war, aber seit ungefähr zwei Jahren gegen den Kurs der Regierung wirkt. Durch die sozialistische Partei geht ein Bruch. Viele Sozialisten, die sich eher mit der Reformpolitik von Hollande und Ex-Premier Manuel Valls identifizieren, tendieren zu Macron. Der Nutzniesser dieses Bruchs ist Mélenchon. Hamons hoffnungsvolle Äusserungen wenige Tage vor der Wahl sind reiner Zweckoptimismus.

Prognosen sehen Macron knapp vor Le Pen. Doch im Rückblick auf die US-Wahlen stellt sich die Frage: Wie zuverlässig sind diese Umfragen?
Frankreich ist Europameister in Umfragen. Die Prognosen, die von einer staatlichen Kommission geprüft werden, gelten als eher zuverlässig. Bei den letzten Regionalwahlen im Jahr 2015 lagen die Prognosen beim ersten Wahlgang allerdings daneben. Eine Schwierigkeit sind die vielen unentschlossenen Wähler. Doch verglichen mit Trump muss man sagen: Es ist ein anderes Wahlsystem. In den USA sagten die Prognosen eine Mehrheit für Hillary Clinton voraus, und rein stimmenmässig kam die ja auch zustande. Auch die Brexit-Prognosen waren falsch, aber anders als der französische Wähler schenkt der Brite diesen Umfragen wenig Glauben. Die Umfragen haben sich in den letzten Tagen stabilisiert.

Fast ein Drittel der Stimmberechtigten will nicht wählen gehen. Von denen, die ihr Kreuz setzen werden, sind neun Millionen unentschlossen. Woher kommen diese Resignation und Unentschlossenheit?
Ein erster Grund ist das Wutgefühl, das viele in sich haben. Die Leute denken: «Es ändert sich eh nichts, wenn ich wähle.» Es ist eine Denkzettelwahl ohne Denkzettel. Zweitens werden beide Lager nicht von Persönlichkeiten repräsentiert, die entweder Chancen haben oder als integer gelten. Konservative moralische Wähler werden Schwierigkeiten haben, für Fillon zu stimmen, weil er sozusagen Dreck am Stecken hat. Es wird ja auch darüber debattiert, ungültige Stimmen in das Wahlergebnis einfliessen zu lassen. Man könnte sagen, dass Frankreich in Europa eine Art Vorreiterrolle in Sachen Demokratieverständnis einnimmt. Die Menschen wollen nicht mehr nur alle fünf Jahre Bürger sein, wenn es darum geht, zur Wahl zu gehen, sondern sich auch als mündige und ernst zu nehmende Bürger stets dazwischen aktiv beteiligen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Französin am 20.04.2017 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arroganz

    Bitte nicht so unparteiisch... Genau wegen solchen abschätzigen Aussagen wird Marine gewinnen. Die Menschen können die ständigen herablassenden Meinungen gegenüber der Rechten nicht mehr hören.

  • giorgio m am 20.04.2017 16:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Le Pen

    Sozialistische Konzepte taugen nichts. Dann kommt die Wut über die EU. Le Pen hat intakte Chancen.

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  • Das Auge am 20.04.2017 16:56 Report Diesen Beitrag melden

    Nichts währt ewig!

    Auch nicht die jahrzehntelange das eigene Volk mit Füssen tretenden bisherigen Regierungen. Ich wünsche den Franzosen endlich die Befreiung aus dem sich immer weiter entwickelnden Irrsinn der heutigen Politik. (und nich nur Frankreich, viele andere Länder ebenfalls, CH eingeschlossen)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • SLRM am 21.04.2017 10:21 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Platz dem Rechtsextremismus

    Ich finde es erschreckend, wie viele Leser hier eine rechtsextreme Kandidatin unterstützen würden. Wie kann man nur so viel Frust aufbauen?

  • Kasa am 21.04.2017 10:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    EU ein wackliges Gebilde!

    Die EU muss dringend reformiert werden sonst wird sie in ein paar Jahren nicht mehr existieren. Die Länder sind sich vielmals uneinig und jeder macht was er will siehe Flüchtlingspolitik. Und Deutschland meint sie müssen alles alleine machen ohne Mandat der Länder. Darum wird sich Marine Le Pen durchsetzten ansonsten wird sich nichts ändern.

    • Meinrad L. am 21.04.2017 10:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kasa

      Für Deutschland ist ein politisch geeintes Europa eins, in dem die Nationalstaaten (irgendwie) aufgehen; für Frankreich eins, in dem Frankreich im Bündnis mit den Mittelmeerländern Deutschland überstimmen kann. Keins der beiden Projekte ist gegen das andere durchsetzbar (Wolfgang Streeck in der SZ,

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  • Querdenker am 21.04.2017 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    Méchelon ist noch der Beste...

    Europa ging weg von der Kooperation zum Konkurrenzkampf, das führte zu einem Steuerkonkurrenzkampf, welcher Staaten dazu zwingt ihre Unternehmenssteuern ständig nach unten zu korrigieren, wegen diesen Geschenken und den Steuerausfällen muss kontinuierlich im Sozialen gespart werden. Dieser Kostendruck der Unternehmen führt auch zu wachsender Migration, was zu zusätzlichen Spannungen, Lohndumping und gesellschaftlichen Problemen führtsuper Fazit von Méchelon..denke er ist der beste Kandidat!

  • Das ABC am 21.04.2017 08:39 Report Diesen Beitrag melden

    An jeden EU Kritiker und Brexit Fan

    Man sollte sich nur kurz vor dem Frexit einmal die Situation in England ansehen. Boris Johnson focht mit dem Argument die Zahlungen an die EU ins Gesundheitssystem fliessen zu lassen. Kurz nach dem Votum pro Brexit wurde er aber schnell kleinlaut. Mittlerweile wird das Geld für einen Fonds für unter dem Brexit leidende Firmen angedacht. Toll, das hat ja niemand kommen sehen. oder?

    • Der Denker am 21.04.2017 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Das ABC

      Das Konstrukt EU und EURO ist ein Rohrkrepierer das wissen wohl alle die mit offenen Augen durchs Leben gehen. Wie lange wollen wir ein System beleben, das schon lange Tod ist ? Wohl nur Leute die mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen. Stopp dem Unsinn. Vive la France unter Le Pen, dann wird Frankreich wieder zur Grande Nation. Ich hoffe fest darauf !

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  • Berner Bär am 21.04.2017 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    Casasus, der Allwissende

    Meister Casasus, der Experte für Alles: In Europafragen, in Frankreichfragen, usw. Und immer brav auf Linie!

    • Mk am 21.04.2017 10:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Berner Bär

      Klar, sonst ist seine Karriere zu ende!

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