Schweizer Exil-Iraner

02. Januar 2018 17:04; Akt: 02.01.2018 19:06 Print

«Die brutalste Phase ist noch nicht erreicht»

von M. Rehberg - Der iranische Aktivist Mahdi Rezaei-Tazik lebt seit zwölf Jahren in der Schweiz. Er sagt: Die Proteste in seiner Heimat haben den Sturz des politischen Systems zum Ziel.

Seit Tagen protestieren die Menschen im Iran gegen das Regime. (Video: Tamedia/Storyful)
Zum Thema
Fehler gesehen?

Mahdi Rezaei-Tazik, stehen Sie in Kontakt mit Demonstranten im Iran?
Ja. Die Kontaktaufnahme ist aber schwierig, weil viele Internetdienste nur eingeschränkt nutzbar oder ganz gesperrt sind. Die Menschen nutzen spezielle Programme, um ins Internet zu kommen und Sperren zu umgehen. Trotzdem sind wir so vernetzt wie nie zuvor, wir stehen täglich in Kontakt.

Wie erleben Ihre Kontaktleute die Situation?
Sie wissen, wenn sie ihr Haus verlassen, dass es nicht sicher ist, ob sie zurückkehren werden. Sicherheitskräfte sind oft in Zivil unterwegs und nicht klar als solche zu erkennen. Demonstranten können jederzeit und unvorhersehbar inhaftiert werden. Deshalb sind die Leute, die auf die Strasse gehen, sehr mutig, besonders in Teheran. Werden sie festgenommen, droht ihnen Folter. Das Regime hat aber noch nicht die höchste Stufe der Brutalität erreicht, deshalb gibt es bislang auch «nur» rund 20 Tote. Die brutalste Phase wird aber wahrscheinlich noch kommen.

Was treibt die Demonstranten denn an?
Am Anfang haben die Leute in meiner Heimatstadt Marschhad eher gegen die wirtschaftliche Lage protestiert, aber schnell standen politische Anliegen im Vordergrund. Die Menschen haben verstanden, dass die Regierung nicht viel Macht hat. Es gibt für sie keinen Ausweg, ausser das ganze politische System infrage zu stellen.

Wie meinen Sie das?
Die skandierten Parolen richten sich gegen die Gesamtheit des Systems. «Es ist Zeit, die Religion vom Staat zu trennen», heisst es etwa. Das ist auch der Grund, warum alle iranischen Parteien am Dienstagmorgen beschlossen haben, entschlossen gegen die Proteste vorzugehen, sie also brutal niederzuschlagen. Die Parteien haben Angst, sogar die Partei, die während der grünen Bewegung 2009 auf der Seite des Volkes stand.

Sind die Proteste Ihrer Ansicht nach berechtigt?
Ja, natürlich! Vor vier Jahrzehnten wurde die islamische Republik ausgerufen. Aber es ist heute unser Recht zu entscheiden, ob wir dieses System wollen oder nicht. Das System liefert keine Antworten auf wirtschaftliche und politische Probleme und sollte daher der Geschichte angehören. Die Iraner haben den verschiedenen Regierungen immer eine Chance gegeben, aber es gibt keine Fortschritte. Die Menschen haben dort im 21. Jahrhundert keinen Anspruch auf fundamentale zivile Rechte. Sie haben kapiert, dass im Rahmen dieses Systems ein Übergang zur Demokratie unmöglich ist.

Wie sollte die Regierung jetzt reagieren?
Wünschenswert wäre ein Referendum darüber, ob das derzeitige politische System Bestand haben soll. Das wäre das Ideal, aber dazu ist es zu früh. Gut wäre mindestens, wenn man dem Volk politische Rechte wie Meinungsfreiheit zugesteht und die Menschenrechte achtet. Aber das scheint unmöglich, es ist eine Utopie.

Wie geht es weiter?
Es gibt zwei Optionen. Entweder radikalisiert sich alles und die Proteste gehen weiter. Oder aber die Intensität der Demonstrationen nimmt ab. 1905 bis 1906 sind die Iraner während der ersten konstitutionellen Revolution schon einmal für einen Rechtsstaat auf die Strasse gegangen. Wie heute fanden die Proteste damals landesweit statt, in kleinen und grossen Städten. Die Proteste könnten den Anfang vom Ende des Systems bedeuten. Es fehlt aber eine gute Führung, und das ist die Hauptsorge der Opposition.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • das nächste desaster am 02.01.2018 17:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    was soll das?

    nichts aus syrien, libyen, ukraine, ägypten und co. gelernt. das gibt chaos, ein völlig zerstörtes land und 20 mio flüchtlinge. und einmal darf geraten werden, wo die alle hinwollen...

    einklappen einklappen
  • Ulrich am 02.01.2018 17:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mutige Leute

    Diese Leute hat man gerne. In der Schweiz im sicheren Hafen sitzen und zu Hause zur Demo aufrufen, ohne sich selber zu exponieren.

    einklappen einklappen
  • Marianna am 02.01.2018 17:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Exil

    Ich habe Mühe mit Leuten die im Exil leben und aus der sicheren Entfernung eine grosse Lippe riskieren. Einfach nur feige. Geht zurück und kämpft an Ort und Stelle.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • M.G. am 03.01.2018 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Wer macht die grössten Geschäfte im Iran

    das sind französische Konzerne. Die sind in die Lücke gesprungen welche durch den Rückzug der britischen Firmen und der US-Konzerne entstand. Wird das Land mehr zum Westen hin geöffnet wird die Bevölkerung konsumorientierter und die Firmen welche jetzt schon dort sind können ihre Marktanteile ausbauen. Ganz vorne marschieren hier Total und PSA. Gerade Total bzw. deren Vorgänger Elf waren immer eine Art Versorgungs- und Pensionsorganisation für Ex-Geheimdienstler. Da hat es ein dichtes Beziehungsnetzwerk zwischen dem DGSE und dem Mineralölkonzern.

  • Desmodus am 03.01.2018 13:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt vor dem modernen Iran

    Aufhören mit ausleben der Religionen, die im Mittelalter stehen geblieben sind. Der Schah war auch kein Engel, übernehmt die Ansätze der westlichen Demokratien, die mit eurer Kultur zu vereinbaren sind. Ich habe Respekt vor den Iranern, die in die Neuzeit fliehen wollen.

  • Mike Meier am 03.01.2018 13:11 Report Diesen Beitrag melden

    Systembedingt

    Religion als politische und gesetzliche Fuehrung funktioniert nicht. Das ist das Hauptproblem der muslimischen Welt. Demokratie, Menschenrechte und Fortschritt koennen sich so nicht entwickeln. Egal ob mit grossen Oelreserven, diese Laender werden alle frueher oder spaeter abgehaengt.

  • Phil Seggs am 03.01.2018 12:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Umsturz

    Es ist schwierig, sich von hier aus eine klare Meinung zu den Zuständen im Iran zu bilden. Bisher dachte ich, Ruhani könnte in den nächsten Jahren eine Verbesserung erreichen. Was ich aber nicht glaube, dass mit Protesten allein ein Umsturz zu bewerkstelligen ist. Ende der siebziget Jahre gab es ja auch schon ein Umsturz, der per Saldo nichts gebracht hat.

  • Alibaba am 03.01.2018 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    Der arabische Frühling?

    Junge Studenten wollen das System stürzen und kämpfen mutig für Freiheit und Demokratie. Leider kommen dan aber religiöse Fanatiker an die Macht und es gibt noch weniger Freihet als vorher.

    • Der Irre mit dem Smartphone am 03.01.2018 13:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alibaba

      Nur das die religiösen Fanatiker im Iran bereits an der Macht sind und kein Interesse daran haben, diese zu teilen oder gar zu verlieren. An der Spitze steht Ayatollah Khomeini, berufen auf Lebenszeit. Welcher den Wächterrat bestimmt, dieser wiederum festlegt, welche Personen vom Volk in das Parlament, bzw. In die Regierung gewählt werden dürfen. Jede Entscheidung der Regierung oder des Parlaments, kann durch das Veto des Ayatollah für nichtig erklärt werden. Beschützt wird dieses System durch die Revolutionsgarde, einer unabhängigen, privilegierten Paramilitärischen Einheit. Dessen Mitglieder auch den Großteil der Regierung stellen und alle wichtigen Ministerium halten und direkt dem Ayatollah unterstehen. Ein Gottesstaatsystem, in dem die wenigen persönlichen Rechte nicht garantiert, sondern wie Almosen verteilt werden und jederzeit für ungültig erklärt werden können.

    • Rüedu am 03.01.2018 14:50 Report Diesen Beitrag melden

      Der Irre mit dem Smartphone

      Richtig! Dagegen sind die USA. Gleichzeitig wird eine kriegsführende Nation wie Saudi Arabien, mit der gleichen Machstruktur einer kleinen Elite mit Waffenlieferungen im wet von Hunderten Milliarden Dollar unterstützt. Glaubst Du wirklich, dass das Schicksal des unterdrückten iranischen Volkes irgend eine Rolle spielt im Machtspiel der beiden Grossmächte und ihrer Vasallen Saudi Àrabien und Iran? Dahinterschauen, weiterdenken, Zusammenhänge erkennen. Dann versteht man das Timing der Proteste im Iran und die anstehende Prüfung der Iran SAnktionen durch den US Präsidenten und Repräsentantehaus.

    • Der Irre mit dem Smartphone am 03.01.2018 15:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Rüedu

      Da sind wir uns vollkommen einig. Ich wollte nur klarstellen, daß der Aufstand gegen das iranische System, in meinen Augen vollkommen legitim ist. Das ändert auch der Umstand nicht, daß er möglicherweise (sehr wahrscheinlich) orchestriert ist und nicht zum Vorteil des Iran sein wird. Doch daran trägt das Ayatollah Regime die Hauptverantwortung, nicht das unterdrückte Volk, das nach Freiheit ruft.

    einklappen einklappen