Nato-Streubomben

05. Dezember 2014 10:53; Akt: 05.12.2014 12:45 Print

«Ein falscher Griff und man ist tot»

Sladjan Vuckovic war Minenräumer in Serbien. Im Gespräch mit 20 Minuten erzählt er von dem Tag, der sein Leben für immer veränderte.

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Die weltweiten Bemühungen im Kampf gegen Landminen schlagen sich in einem deutlichen Rückgang der Opferzahlen nieder (siehe Box). Das ist ein grosser Erfolg – aber noch kein Grund zur Euphorie. Allein grosse Teile Südosteuropas sind noch immer mit Landminen und Blindgängern aus den Balkankriegen der 90er-Jahre verseucht. Entlang der Frontlinien setzten alle Parteien – auch die Nato – Landminen und Streumunition ein.

So sollen etwa in Bosnien-Herzegowina drei Millionen Minen vergraben sein, ebenso viele in der kroatischen Region Krajina. Auch Serbien ist als Folge des Kriegs mit Minen und Blindgängern belastet. Niemand weiss das besser als Sladjan Vuckovic (48). Er arbeitete als Minenräumer – bis ihm eine Streubombe beide Unterarme und einen Teil des rechten Beines abriss. Noch heute sind die Munitionsrückstände auf seiner Haut eingebrannt. Wie es dazu kam, erzählt der Serbe im Gespräch mit 20 Minuten.

Herr Vuckovic, wieso sind Sie Minenräumer geworden?
Sladjan Vuckovic: Ich machte eine militärtechnische Ausbildung im serbischen Niš. Danach habe ich mich während eines Jahres auf diesem Gebiet spezialisiert. Von 1986 bis 1999 arbeitete ich dann als Minenräumer in Serbien für das serbische Militär. Mich faszinierte, dass diese Arbeit eine hohe Konzentrationsfähigkeit, viel Fachwissen und ständige Weiterbildung verlangt.

Was für Menschen werden Minenräumer?
Nur psychisch und physisch Robuste. Man braucht starke Nerven. Ein falscher Griff und man ist tot – oder auf ewig Invalider wie ich. Es sind mutige Leute. Trotzdem ist die Angst dein ständiger Begleiter.

Reizte Sie diese Mischung aus Angst und Mut bei der Arbeit?
Ich war nie ein Adrenalinjunkie. Doch solange es diese Kriegsreste gibt, will ich dazu beitragen, dass sie verschwinden. Ich würde am liebsten auch jetzt, ohne Hände und mit halbem Bein, in diesem Gebiet arbeiten. Als Instruktor etwa – mit einem Assistenten wäre dies machbar. Doch das wäre gegen die Vorschriften. Und seien wir ehrlich, das wäre nicht das motivierendste Signal an die auszubildenden Minenräumer. Also bleibt mir die humanitäre Arbeit.

Erzählen Sie vom Unfalltag, dem 25. April 1999.
Ich muss vorausschicken: Meine Frau wusste nicht genau, was ich beim Militär arbeite – und auch nicht, wie gefährlich meine Arbeit ist. Die Nato-Länder setzten in den Jugoslawienkriegen Streubomben ein. So war auch 1999 ein riesiges Gebiet von Serbien bis Kosovo vermint. An diesem Apriltag arbeiteten wir im Nationalpark Kopaonik – einem Gebiet ohne militärische Bedeutung. Dennoch entschärfte ich an diesem Tag 106 Streubomben des Typs CBU 87 A/W, die die Nato dort eingesetzt hatte. Das waren zu viele, meine Aufmerksamkeit hatte nachgelassen. Ich wollte noch eine Streubombe in Angriff nehmen und dann Feierabend machen. Auf einmal hörte ich eine starke Explosion. Ich erinnere mich nur noch, dass ich meinen Arm sah und dachte: Ich habe keine Hand mehr. Ich hatte überhaupt keine Schmerzen. Ich versuchte, zu meinen Kollegen zu gelangen, die etwa 100 Meter entfernt waren. Ich weiss bis heute nicht, wie mir das gelang. Ich hatte einen grossen Überlebenswillen. Doch das Schlimmste kam eigentlich später.

Als Sie realisierten, dass Sie beide Hände verloren hatten?
Ja. Zwei Wochen lang dämmerte ich im Spital vor mich hin. Doch die Medikamente waren nicht so stark, dass die mich vergessen machen konnten, dass ich mit 33 Jahren keine Hände mehr hatte. Was das bedeutete! Und was das für meine Familie hiess. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Und was sollte ich meiner Tochter, meinem Sohn sagen? Es war quälend. Tausend Fragen, keine Antwort.

Machen Sie jemandem Vorwürfe?
Nein. Aber natürlich habe ich mich gefragt, wieso das passieren musste und wieso mir. Ich machte etwas Gutes und bekam das dafür. Ich war wütend, dass ich das meiner Familie antat. Denn es hatte sich nicht nur für mich alles geändert.

Wie reagierte Ihre Familie auf den Unfall?
Es war hart. Mein fünfjähriger Sohn hatte Angst vor mir und wollte mich nicht mehr im Spital besuchen kommen. Meine Frau hatte lange Angst, dass ich mir das Leben nehmen würde, denn ich hatte zuvor gesagt, dass ich bei einem Unfall lieber tot wäre als ans Bett gefesselt.

Woraus haben Sie Lebensmut geschöpft?
Wissen Sie, für die körperlichen Verletzungen gibt es Medikamente. Aber nicht unbedingt für die psychischen. Oft endet das in Alkoholismus und im Selbstmord. Behinderte sind noch immer stigmatisiert. Dabei ist die Hilfe von Familie und der Gesellschaft unendlich wichtig. Ich hatte das grosse Glück, dass meine Familie mich unterstützte. Sehr viele Minenopfer haben das nicht. Ihnen will ich helfen.

Wie viele Minen gibt es denn heute noch in Serbien?
Wir wissen nicht genau, wie viele Minen und explosive Kriegsreste noch wo liegen. Wir wissen nicht einmal genau, wie viele Minenopfer die Balkankriege insgesamt gefordert haben. Allein in der Region Niš schätzt man, dass 600'000 Quadratmeter mit Streubomben vermint sind. In ganz Serbien dürften 10 Millionen Quadratmeter Gelände von Minen betroffen sein. Deswegen müssen wir jeden Tag damit rechnen, dass unsere Kinder beim Spielen getötet werden oder schlimme Unfälle in der Landwirtschaft passieren.

Welche Gebiete in Westeuropa sind noch vermint?
Um die Dimensionen zu zeigen: Bis in die 1990er-Jahre gab es an der deutsch-deutschen Grenze über 1,3 Millionen Minen. Von diesen werden weiterhin rund 30'000 als nicht gefunden und nicht entschärft in gewissen Gebieten vermutet. Das ist eine Ausnahme, man wusste, wo diese Minen lagen. Normalerweise aber werden Minen ohne Lageplan vergraben. Entsprechend dürften wir nie ganz minenfrei werden.

Wie ist der Stand nach den schlimmen Fluten in Südeuropa, als Minen aus den markieren Feldern davongeschwemmt wurden?
Es ist noch immer unklar, wie viele Minen die Donau weggeschwemmt hat. Sicher ist nur: Die Arbeiten wurden um Jahre zurückgeworfen.

Wie gefährlich sind diese weggespülten Minen?
Wir reden hier von Munition mit rund 300 Gramm Sprengstoff. Sie hat einen Ring aus Zirkonium, der bei der Explosion heisse Metallfetzen verstreut, damit Sachen und Personen in Brand geraten. Sie reagiert auf Druck, man müsste darauf stehen oder ein Badetuch ausbreiten und sich drauflegen. Vor allem Kinder fallen ihnen zum Opfer. In Vietnam waren die Streubomben orange und gelb angemalt – damit sie zum Spielen verleiten.

Werden Sie wütend, wenn Sie hören, dass im Ukraine-Konflikt und im Syrien-Krieg Streubomben eingesetzt werden?
Es ist sehr enttäuschend, gerade bei der Ukraine, die uns so nahe ist. Wut hilft den Opfern nicht. Nur konkrete Schritte helfen. Wichtig ist, dass die Aufmerksamkeit erhöht und politischer Druck aufgebaut werden kann. Das fängt damit an, dass die Leute sich dieser Schicksale hinter den Zahlen bewusst werden. 75 Prozent der Minenopfer sind Zivilisten und davon die Hälfte Kinder. Das sind Menschen, die es gibt, die man kennen lernen kann und die mit ihren Behinderungen leben müssen.

Was für Bestrafungsmöglichkeiten gibt es, wenn ein Unterzeichnerstaat trotzdem Streumunition einsetzt?
Zunächst entfallen die Mittel, um Gebiete zu dekontaminieren und Kriegsreste zu entsorgen. Dazu kommt die Verurteilung durch die internationale Staatengemeinschaft, die in weitere wirtschaftliche Sanktionen münden kann. Aber man muss sehen: In fast 30 Jahren ist der Jemen der erste Unterzeichnerstaat, der vertragsbrüchig wurde und wieder Streubomben einsetzte. Das gibt Hoffnung und die Gewissheit, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

(gux)