Sicherheitsexperte

20. Oktober 2015 15:47; Akt: 20.10.2015 15:56 Print

«Europa steht vor einer neuen Terrorwelle»

Der renommierte Sicherheitsexperte Peter Neumann warnt vor neuen Terroranschlägen in Europa. Derzeit sei die Lage besonders gefährlich.

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Anschläge in Paris und Kopenhagen, ein vereitelter Anschlag im Thalys-Zug von Amsterdam nach Paris: Der Terror von Anhängern der Gruppe Islamischer Staat (IS) schwappt nach Europa über. Einige Politiker und Medien warnen, dass mit der Flüchtlingswelle auch Kämpfer der Terrormiliz nach Europa kommen und Anschläge verüben. Der renommierte Sicherheitsexperte Peter Neumann vom Londoner King's College winkt im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» jedoch ab: Der IS schleuse keine Terroristen nach Europa ein. Die Sorge sei unberechtigt: «Es gibt bisher einen einzigen dokumentierten Fall aus Deutschland.»

«Europa steht vor einer neuen Terrorwelle

Ein echtes Problem seien hochradikalisierte Muslime und potenzielle Terroristen, die bereits in Europa lebten. Die Anschläge in Paris und Kopenhagen seien Beispiele dafür, was in den nächsten Jahren und Jahrzehnten noch passieren werde: «Europa steht vor einer neuen Terrorwelle, die uns noch eine Generation lang beschäftigen wird», so Neumann.

Terrorismus ist laut Neumann ein zyklisches Phänomen und tritt in Wellen auf. Die Lage sei jetzt noch gefährlicher, denn: «Eine solche Mobilisierung von Jihadisten hat es noch nie gegeben.» Was im Nahen Osten derzeit geschehe, bringe eine ganze Generation von Leuten hervor, die auch in Europa Anschläge verüben würden: «Das ist auch im Sinne des IS.»

Doch nicht nur von Jihadisten, auch von Parteien und militanten Gruppen am rechten Rand drohe «eine mindestens genauso grosse Gefahr».

Auch Muslime stehen in der Pflicht

In den letzten drei Jahren seien mindestens 5000 Kämpfer aus Europa nach Syrien und in den Irak gereist. Einige, aber nicht alle, die nach Europa zurückkehrten, seien gefährlich. Ein grosses Attentatsrisiko gehe auch von IS-Sympathisanten und Unterstützern aus, die in Europa lebten – vor allem jenen aus der Salafistenszene. «Praktisch alle europäischen Jihadisten sind vom Salafismus radikalisiert worden», so Neumann.

Die De-Radikalisierung von potenziellen Jihadisten sollte auch die muslimische Gemeinschaft in die Hand nehmen, findet Neumann. «99 Prozent der Muslime haben nichts mit Salafismus zu tun. Aber sie engagieren sich zu wenig. Sie haben es versäumt, sich um ihre eigene Jugend zu kümmern.»

Viele muslimische Organisationen würden von älteren Männern geführt, die kein Gespür für die Anliegen der Jungen hätten: «Sie haben nichts zu sagen zu Themen wie Identität, Sex oder Drogen, die die Jugendlichen tatsächlich beschäftigen.»

«Unsere Demokratie steht auf dem Spiel»

Es brauche eine weitgefächerte nationale Antiterror-Strategie, so der Sicherheitsexperte. Dazu gehörten: Prävention, Intervention und De-Radikalisierungs-Programme. Eltern, Psychologen, Sozialarbeiter, Lehrer oder Theologen müssten zusammenspannen, fordert Neumann, zumal dieser Ansatz in den Niederlanden und Grossbritannien Erfolg habe.

Neumann warnt davor, dass sich die Gesellschaft weiter polarisieren dürfte: «Parteien und militante Gruppen am rechten Rand gewinnen bereits an Zulauf.» Dadurch könnten auch Minderheiten wie Juden und Muslime weiter bedroht werden. Neumann: «Letztlich stehen unsere Demokratie und das europäische Gesellschaftsmodell auf dem Spiel. Das ist meine grösste Sorge.»