David Cameron besorgt

09. November 2012 20:29; Akt: 09.11.2012 20:47 Print

«Hexenjagd» auf britische Schwule

Der Missbrauchsskandal um den ehemaligen BBC-Moderator Jimmy Savile zieht in Grossbritannien immer weitere Kreise. Nun interveniert Premier David Cameron und warnt vor einer Jagd auf Homosexuelle.

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Seitdem bekannt wurde, dass der verstorbene BBC-Moderator Jimmy Savile sich an Heimkindern vergangen haben soll, wähnen Teile der britischen Medien hinter fast jeder prominenten homosexuellen Persönlichkeit einen verkappten Kinderschänder.

Erst Ende Oktober wurde der ehemalige britische Popstar Gary Glitter wegen Verdachts auf Sexualdelikte festgenommen. BBC meldete, die Verhaftung stehe in Zusammenhang mit dem Skandal um Jimmy Savile.

Als dann noch ein Missbrauchsopfer auspackte und erzählte, ein Politiker aus der Zeit von Premierministerin Margaret Thatcher habe ihn sexuell belästigt, trat es damit eine wahre Welle von Anschuldigungen los. Ins Visier der Medien geriet sofort der frühere Schatzmeister der Konservativen Partei, Lord Alistair McAlpine, der die Vorwürfe jedoch sogleich entschieden zurückwies.

Cameron mit Appell vor laufender Kamera

Einen vorläufigen Höhepunkt erreichten die öffentlichen Anschuldigungen in einer Livesendung des Fernsehsenders ITV. Moderator Phillip Schofield hielt seinem Gesprächsgast David Cameron, seines Zeichens Premierminister von Grossbritannien, vor laufender Kamera eine Liste aus dem Internet mit Namen von konservativen Politikern unter die Nase, die angeblich in Missbrauchsskandale verstrickt sein sollen.

Cameron – im ersten Moment sichtlich geschockt – las dem Moderator daraufhin die Leviten: «Es ist gefährlich. Wenn wir nicht vorsichtig sind, entwickelt sich das in eine Art Hexenjagd, insbesondere auf homosexuelle Leute. Und ich bin besorgt über das, was sie hier gerade tun – sich einfach einer Liste mit Namen aus dem Internet zu bedienen. Ich habe gehört, wie in letzter Zeit alle möglichen Namen herumgereicht wurden. Was dann passiert ist, dass die Leute herumsitzen und über diese Personen spekulieren, ob sie nun noch am Leben oder schon tot sind.»

Es folgte ein eindringlicher Appell an die Bevölkerung: «Wenn jemand irgendwelche Informationen über eine Person hat, die pädophil sein soll – egal, wie weit oben sie in der Gesellschaft steht – kümmert sich die Polizei darum. Wir sind ein zivilisiertes, demokratisches Land mit einem Gesetz, mit einer Polizei und einem Justizsystem – gehen Sie zur Polizei!», beschwor der britische Premier die Öffentlichkeit. Gleichzeitig betonte er, dass die Anschuldigungen «extrem ernst» seien und die Regierung alles unternehme, um die Missbrauchsfälle möglichst schnell aufzuklären.

(Video: Youtube/ITV)

Heimkinder missbraucht

Der Missbrauchsskandal, der Grossbritannien derzeit erschüttert, hat sich in Kinderheimen im Norden von Wales in den 1970er und 1980er Jahren zugetragen. Damals sollen Heimkinder von Männern sexuell, physisch und psychisch missbraucht worden sein.

Bei einer im Jahr 2000 abgeschlossenen Untersuchung waren lediglich sieben Schuldige gefunden worden. Die Regierung will diese Untersuchung nun prüfen lassen, nachdem mehrere Opfer von damals neue Ermittlungen gefordert hatten.

In dem BBC-Skandal sollen der im vergangenen Jahr verstorbene Moderator Savile und andere über Jahre hinweg 300 junge Menschen missbraucht haben.

(jbu/sda)