Terroranschläge von Paris

05. Februar 2018 15:37; Akt: 05.02.2018 17:02 Print

Attentäter hat «keine Angst vor euch»

Salah Abdeslam ist der einzig überlebende Attentäter der Pariser November-Anschläge 2015. Jetzt steht er vor Gericht, unter enormen Sicherheitsvorkehrungen.

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«Ich habe keine Angst vor euch, ich vertraue auf Allah», sagte Salah Abdeslam am Montag vor dem Gericht in Brüssel. Er fügte hinzu: «Mein Schweigen macht aus mir keinen Kriminellen, das ist meine Verteidigung.» Vor den Richtern weigerte er sich, sich zu erheben.

Abdeslam gilt als der einzig überlebende Attentäter der islamistischen Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 mit 130 Toten. Sein erster öffentlicher Auftritt seit seiner Verhaftung im Frühjahr 2016 war mit Spannung erwartet worden, zumal sich der 28-Jährige fast zwei Jahre in Schweigen gehüllt und seine Anwälte deswegen bereits im Oktober 2016 ihr Mandat niedergelegt hatten. Allerdings kündigte er auch jetzt an, keine Fragen zu beantworten.

Meistgesuchter Terrorist

Im Prozess in Brüssel geht es noch nicht um die Pariser Terror-Serie – diese dürfte nicht vor 2020 verhandelt werden. Vielmehr müssen sich Abdeslam und sein Komplize Sofiane Ayari (siehe Box) zunächst wegen Schüssen auf Polizisten vor ihrer Festnahme im März 2016 verantworten.

Damals war der frühere Kleinkriminelle und notorische Kiffer einer der meistgesuchten Kriminellen Europas. Monatelang gelang es ihm, sich zu verstecken, bis ihn die Polizei im Brüsseler Vorort Vorst ausfindig machte. Bei einem Schusswechsel wurden drei Beamte verletzt und ein Verdächtiger, der 35-jährige Algerier Mohamed Belkaïd, getötet. Abdeslam und seinem Komplizen Ayari gelang erneut die Flucht. Drei Tage später wurden sie festgenommen.

Abdeslam drohen deswegen bis zu 40 Jahre Haft wegen mehrfachen terroristisch motivierten Mordversuchs gegen Polizisten. Ob bis Freitag ein Urteil fällt, ist unklar.

Ein Flügel allein für Abdeslam

Der Prozess in Brüssel steht unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Seit 20 Monaten sitzt Abdeslam im Gefängnis Fleury-Mérogis bei Paris in Isolationshaft. Er gilt als suizidgefährdet. Für den Prozess in Belgien wurde der 28-Jährige in den Hochsicherheitstrakt Vendin-le-Vieil nahe der belgischen Grenze gebracht. Ein ganzer Flügel des Gebäudes steht allein für ihn bereit.

Tägliche Fahrt mit Eliteeinheiten

Von hier fahren ihn Eliteeinheiten bis Ende Woche jeden Tag in den Brüsseler Justizpalast. Hunderte schwer bewaffnete Mitarbeiter von Polizei und Streitkräften sind im Einsatz, gepanzerte Fahrzeuge sind überall postiert. Bis Freitag werden wegen des Prozesses regelmässig Helikopter über der Stadt kreisen.

Trotz der Sicherheitsvorkehrungen und des enormen öffentlichen Interesses «muss es ein normaler Prozess bleiben», mahnte Richter Luc Hennart und kündigte an, beim kleinsten Problem den Gerichtssaal räumen zu lassen.

Sprengstoffgürtel weggeworfen

Am 13. November 2015 hatten sieben Selbstmordattentäter die Musikhalle Bataclan, mehrere Cafés und das Stade de France angegriffen und 130 Menschen getötet. Unter den sieben Selbstmordattentätern war auch Abdeslams Bruder Brahim.

Die Pariser Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich auch Abdeslam im Stade de France in die Luft sprengen wollte, die Tat aber nicht durchführte. Der 28-Jährige soll der Polizei anfangs zwei Versionen aufgetischt haben: Einmal sagte er, sein Sprengstoffgürtel sei defekt gewesen, worauf er ihn weggeworfen habe, ein andermal sagte er, er habe es sich anders überlegt.

Schlüsselfigur einer Terrorzelle?

Abdeslams Verteidiger scheint keine hohe Meinung von seinem Klienten zu haben: «Das ist ein kleiner Vollidiot aus Molenbeek, er entstammt der Kleinkriminalität, ist eher Mitläufer als Anführer», sagte er über den 28-Jährigen. Und: «Er hat die Intelligenz eines leeren Aschenbechers und ist von einer abgrundtiefen Leere.»

Und doch: Vier Tage nach seiner Festnahme sprengten sich in der Brüsseler U-Bahn und am Flughafen drei Islamisten in die Luft und töteten 32 Menschen. Die Behörden glauben, dass hinter diesem Anschlag und den Pariser November-Attacken dieselbe Terrorzelle steckt – und dass Abdeslam in dieser als Schlüsselfigur fungierte.

Sicher ist, dass er den mutmasslichen Drahtzieher der Anschläge von Paris, Abdelhamid Abaaoud, gut kannte: 2010 sassen sie beide wegen eines Raubes hinter Gittern. Offenbar rekrutierte Abaaoud ihn dort für die Terrorzelle mit Verbindungen zum «Islamischen Staat» (IS).

(gux)