Boykott bei Schachturnier

27. Dezember 2017 19:34; Akt: 27.12.2017 19:57 Print

«Ich will keine Kreatur zweiter Klasse sein»

Saudiarabien ist dieser Tage Gastgeber für ein hochkarätiges Schachturnier. Einige der bedeutendsten Spieler sagten den Event jedoch ab.

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Saudiarabien ist im Dezember 2017 erstmals Gastgeber für die Schnellschach-Weltmeisterschaft. Schach hat in dem erzkonservativen Königreich eigentlich einen schweren Stand, seit Grossmufti Abdelasis al-Sheikh das Spiel vor fast zwei Jahren zur Sünde erklärt hat. Und obwohl es sich um ein wichtigstes Turnier handelt, lassen es bedeutende Spieler aus: Die Schach-Doppelweltmeisterin Anna Musytschuk aus der Ukraine hat ihre Teilnahme am internationalen Schachturnier Rapid and Blitz abgesagt. Der Grund: Sie wolle keine Abaya tragen und nicht nur in männlicher Begleitung rausgehen dürfen, schrieb sie auf Facebbok. Sie wolle sich «insgesamt nicht wie eine Kreatur zweiter Klasse fühlen», so Musytschuk. Musytschuk verliert damit ihre beiden Titel von 2016. Während der Spiele sei das Tragen eines Kopftuches für Spielerinnen nicht nötig. Es reiche, wenn Frauen in zugeknöpften weissen Blusen erscheinen würden, erklärte der Weltschachverband Fide. Die Ukrainerin ist nicht die einzige Spielerin, die das Turnier im streng islamischen Land boykottiert: Hikaru Nakamura aus den USA sagte bereits Anfang November seine Teilnahme ab: «Ein Schachturnier in einem Land auszutragen, in dem grundlegende Menschenrechte nicht geachtet werden, ist grausam», twitterte Nakamura. Dass Kronprinz Mohammed bin Salman das Turnier ins Land geholt hat, dürfte seinem Modernisierungskurs zuzuschreiben sein. Vor kurzem hatte Saudiarabien auch angekündigt, sich im kommenden Jahr dem Tourismus zu öffnen.

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In der saudiarabischen Hauptstadt Riad findet seit Dienstag das Schachturnier Rapid and Blitz statt. Die Schnellschach-Weltmeisterschaft ist für die Spieler eines der wichtigsten Turniere im Jahr und dieses Mal winken besonders hohe Preisgelder. Kronprinz Mohammed bin Salman hat sich mit 1,5 Millionen Dollar beteiligt. So grosszügig war bisher kein Gastgeber. Trotzdem fehlen einige der grossen Namen beim diesjährigen Event, wie der «Independent» berichtet.

So gab etwa die ukrainische Schach-Doppelweltmeisterin Anna Musytschuk via Facebook bekannt, wegen der strengen Vorschriften für Frauen im Königreich nicht am Turnier teilnehmen zu wollen. Frauen müssen in Saudiarabien mit einer Abaya von Kopf bis Fuss verschleiert sein und dürfen nicht ohne männliche Begleitung in die Öffentlichkeit.

«In ein paar Tagen werde ich meine beiden Weltmeistertitel verlieren. Und das nur, weil ich mich entschieden habe, nicht nach Saudiarabien zu reisen. Nicht nach deren Regeln zu spielen, keine Abaya zu tragen, nicht nur in Begleitung rauszugehen und mich insgesamt nicht wie eine Kreatur zweiter Klasse zu fühlen», schrieb die 27-jährige Musytschuk.

«Grundlegende Menschenrechte nicht geachtet»

Der Verband erklärte, das Tragen des traditionell islamischen Kopftuches sei für Spielerinnen während der Partien nicht nötig. Es reiche, wenn Frauen in zugeknöpften weissen Blusen erscheinen würden. Die Abaya müsse nur getragen werden, wenn Frauen den Veranstaltungsort verliessen.

Schon vor mehreren Wochen hatte auch der Schach-Grossmeister Hikaru Nakamura aus den USA seine Teilnahme abgesagt — aus ähnlichen Gründen. «Ein Schachturnier in einem Land auszutragen, in dem grundlegende Menschenrechte nicht geachtet werden, ist grausam», schrieb Nakamura auf Twitter.

Israelis ausgeschlossen

Musytschuk und Nakamura sind nicht die einzigen Schachmeister, die am Rapid and Blitz 2017 nicht anwesend sein werden: Saudiarabien weigerte sich etwa, sieben israelischen Spielern Visa für das bis Samstag dauernde Turnier auszustellen. Als Begründung für die Entscheidung gab Fatimah S. Baeshen, Sprecherin des saudischen Botschafters in den USA, die fehlenden diplomatischen Beziehungen zwischen den Ländern an.


Auch Spielern aus dem Iran und dem Golfstaat Katar wollte Saudiarabien zunächst keine Einreiseerlaubnis erteilen, lenkte laut Fide jedoch später ein.

Kein Schach für Muslime

Muslimen ist das Schachspiel eigentlich seit fast zwei Jahren durch eine Fatwa verboten: Grossmufti Abdelasis al-Sheikh hatte das Spiel zur Sünde erklärt. Schach führe etwa zu «Zeitverlust und könne Rivalitäten zwischen Spielern» verursachen.

Dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman sich darum bemüht hat, das Schachturnier im Land austragen zu lassen, wird als weiteres Zeichen seines Modernisierungskurses im ultrakonservativen Königreich gedeutet. Und da die Weltmeisterschaften im Schnell- und Blitzschach für Männer und Frauen (4 Turniere) sehr schwer unterzubringen sind für den Weltschachbund Fide, kamen Kronprinz bin Salman und Saudiarabien gerade recht. Im vorigen Jahr sprang Katar kurzfristig ein.

Vor kurzem hatte Saudiarabien angekündigt, sich im kommenden Jahr dem Tourismus zu öffnen. In den vergangenen Monaten wurde darüberhinaus die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen ab Juni kommenden Jahres beschlossen, ausserdem wurde das Kinoverbot aufgehoben.

(kle/afp)