Ägyptens Schicksalstag

15. Dezember 2012 18:08; Akt: 15.12.2012 18:08 Print

«Ihr sollt mit den Leuten reden, nicht twittern»

von K. Ramezani - Auch in der Schweiz lebende Ägypter stimmen über die neue Verfassung ab. Hend Abdelhamid und Rehab El Badawy wollen nur das Beste für ihre Heimat – über den Weg sind sie sich uneins.

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Frau Abelhamid, Sie haben gegen den Verfassungsentwurf gestimmt. Warum?
Hend Abdelhamid: Die Versammlung, welche diese Verfassung ausgearbeitet hat, repräsentiert nicht die gesamte ägyptische Gesellschaft, sondern nur die Islamisten. Deren Vertreter ignorierten die Minderheit, von denen viele das Gremium deshalb aus Protest verliessen. Zahlreiche Verfassungsartikel entstanden in den letzten zwei Tagen in aller Eile, das war wie eine Komödie. Präsident Mursi will die Verfassung zudem im Schnellverfahren durchpeitschen, das ist unseriös. Die Vorzeichen waren somit von Beginn weg schlecht.

Sie kritisieren den Entstehungsprozess. Stören Sie auch konkrete Verfassungsartikel?
Hend Abdelhamid: Nach den Erfahrungen mit Hosni Mubarak wollten wir ein Staatsoberhaupt, das weniger Macht hat. Doch mit dieser Verfassung erhält der Präsident nicht weniger, sondern mehr Macht: Er ernennt die Mitglieder des Obersten Verfassungsgerichts – die ihn kontrollieren sollten. Auch die Zentrale Rechnungsprüfungs-Organisation wird von ihm besetzt. Er nominiert den Generalstaatsanwalt und hat ihn ja bereits ausgetauscht.

Der Präsident erhält durch die Verfassung zuviel Macht?
Hend Abdelhamid: Nicht nur das. Eine Verfassung sollte im Ton allgemein gehalten sein. Doch diese hier enthält zwei sehr spezifische Elemente der Rache: Das oberste Verfassungsgericht wurde von 19 auf 11 Mitglieder verkleinert, weil es Mursi in der Vergangenheit in die Quere gekommen war. Vertreter des Alten Regimes werden zudem für zehn Jahre aus der Poltik verbannt. Wissen Sie, 30 Jahre sind eine lange Zeit, viele Leute arbeiteten für die Regierung Mubarak und nicht alle waren Verbrecher.

Herr El Badawy, Sie haben für den Verfassungsentwurf gestimmt. Warum?
Rehab El Badawy: Ich beurteile ihn als Gesamtpaket, denn auch ich bin nicht mit allen 236 Artikeln einverstanden. Es ist unmöglich, dass 100 Prozent der Bevölkerung mit 100 Prozent der Verfassung einverstanden sind. Aber im Vergleich zur alten Verfassung von 1971 stellt sie einen Fortschritt dar. Nun haben die Stimmbürger das letzte Wort.

Ist es nicht problematisch, wenn so viele Leute grundsätzliche Vorbehalte gegen diese Verfassung haben?
Hend Abdelhamid: Doch, und an dieser Polarisierung sind die Muslimbrüder schuld. Sie sind gut organisiert, verteilen Lebensmittel und haben eigene Spitäler für die Armen. Aber sie tun das nicht umsonst: Die einfachen Leute sollen sich an die Geschenke erinnern, wenn sie an die Urne gehen. So gewinnen sie jede Wahl. Gegenüber der Opposition ist das nicht fair.

Rehab El Badawy: Genau das ist doch das Problem der Opposition! Die twittern ständig, anstatt dass sie mit den Leuten reden. 40 Prozent der Ägypter leben von zwei Dollar pro Tag. Was sollen die mit Twitter und Facebook? Die Opposition muss lernen, sich besser zu verkaufen und mehr mit den Leuten zu reden, sonst haben sie keine Chance.

Monopolisieren die Muslimbrüder die Macht?
Rehab El Badawy: Das halte ich für übertrieben. Klar, eine Demokratie, wie wir sie hier in der Schweiz haben, stellt sich nicht über Nacht ein. Auch deshalb habe ich für die Verfassung gestimmt: Sie schafft eine Grundlage. Eine Demokratie aufzubauen, braucht Zeit und einen Reifeprozess bei Bürgern und Politikern. 30 Jahre lang durfte niemand den Mund aufmachen. Wir haben keine Erfahrung, wie man einen Staat führt.

Hend Abdelhamid: Es ist richtig, wir brauchen Zeit für die Demokratie. Das Problem ist, dass wir mit dieser Verfassung eine schlechte Grundlage geschaffen haben. Sie im Nachhinein abzuändern, wird sehr schwierig werden. Die Muslimbrüder sind dabei, ihre Macht zu zementieren, gegen den Willen der Bevölkerung. Mir fehlt das Vertrauen in diese Leute.

Rehab El Badawy: Wenn man Frau Abdelhamid zuhört, könnte man meinen, die Opposition sei in der Mehrheit. Der Opposition fehlt es an Disziplin. Ich erinnere an die Präsidentenwahl: Mursi bekam im ersten Wahlgang nur ein Viertel der Stimmen. Hätte sich die Opposition auf einen Kandidaten geeinigt, wäre vielleicht alles anders gekommen.

Hend Abdelhamid: Wie Herr El Badawy bereits gesagt hat, müssen wir lernen. Auch die Opposition muss lernen, wie man Opposition macht.

Rehab El Badawy: Wir wissen ja noch gar nicht, ob der Verfassungsentwurf angenommen wird. Aber wenn es dazu kommt, sollten die Unterlegenen den Entscheid der Mehrheit akzeptieren. Ich verstehe die Einwände von Frau Abdelhamid. Wir beide wollen das Beste für Ägypten. Aber wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die Wirtschaft ist am Boden. Gewalt und Instabilität müssen ein Ende haben.

In Europa gibt die Rolle der Scharia in der neuen Verfassung zu reden. Zu recht?
Rehab El Badawy: Ägypten hat eine andere Kultur als Europa, daher werden Religion und Staat in der Verfassung nicht getrennt. Auch die christliche Minderheit hat durch die neue Verfassung an Rechten gewonnen.

Hend Abdelhamid: Ägypten ist eine konservative Gesellschaft, das gilt für Muslime und Christen. Nicht so konservativ wie Saudiarabien, aber auch nicht so liberal wie Europa. Die Prinzipien der Scharia sind allgemein akzeptiert, übrigens auch von Ägyptern im Ausland. Das Problem sind einzig die Salafisten, weil sie eine extreme Haltung vertreten. Sie sind in den Strassen sehr aktiv und verlangen den Schutz der Scharia.

Rehab El Badawy: Das ist allemal besser, als wenn sie im Geheimen agieren würden. Die Salafisten werden eine Minderheit bleiben. Auch die islamische Al-Azhar-Universität in Kairo (renommierte Bildungsinstitution der islamischen Welt, Anm. d. R.) vertritt einen moderaten Islam. Islamischer Extremismus ist in Ägypten nicht mehrheitsfähig.

Hend Abdelhamid (37) aus Tann (ZH) stammt aus Alexandria in Ägypten. Die ausgebildete Französisch-Lehrerin ist derzeit Hausfrau. Rehab El Badawy (42) aus Dübendorf (ZH) stammt ebenfalls aus Alexandria. Er ist gelernter Sportlehrer und arbeitet als Buschauffeur bei den Verkehrsbetrieben Zürich. Beide haben brieflich am Verfassungsreferendum in ihrer Heimat abgestimmt, der eine mit Ja, die andere mit Nein.