Al-Qaida im Aufwind

12. September 2017 19:04; Akt: 12.09.2017 19:04 Print

«Osamas Sohn ist eine wertvolle Propagandafigur»

von Mareike Rehberg - US-Experten fürchten, dass al-Qaida wieder stärker wird. Die Terrorgruppe könne sich wieder mit dem IS verbünden, sagt Jihadismus-Experte Asiem El Difraoui.

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Das Al-Qaida-Netzwerk gewinnt nach Einschätzung von US-Experten wieder an Stärke. Zwar stelle die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) derzeit «die grösste terroristische Bedrohung» dar, al-Qaida in Syrien sei aber «besorgniserregend», sagte der Ex-Anti-Terrorismus-Chef des Weissen Hauses, Joshua Geltzer, am Montag bei einer Diskussion der Stiftung New America. Der Antiterror-Koordinator der Europäischen Union, Gilles de Kerchove, warnte zudem gegenüber der «Welt am Sonntag» vor einer künftigen Zusammenarbeit von al-Qaida und IS. Der Jihadismus-Experte Asiem El Difraoui hält eine Kooperation für möglich und benennt Gründe für eine stärkere al-Qaida.

Wie gross ist die Gefahr, dass al-Qaida in Syrien und im Irak wieder erstarkt?
Es mag sein, dass al-Qaida wieder stärker wird. Doch das Terrornetzwerk ist dort ohnehin relativ stark, wenn auch unter wechselnden Namen und Untergruppen. Sie hatten zwar nicht die Stärke des IS, aber waren die ganze Zeit präsent und bergen grosse Gefahren – auch wenn sie sich gerade in Syrien etwas freundlicher gegenüber der Bevölkerung verhalten und Bündnisse mit nichtjihadistischen Gruppen schliessen. Ich halte generell den Fokus nur auf diese Region und diese Gruppen nicht für gerechtfertigt.

Warum das?
Wir machen einen strategischen Fehler, wenn wir immer nur vom IS oder von al-Qaida reden. Die Medien fokussieren oftmals zu sehr auf einzelne Organisationen. Es gibt aber weltweit Dutzende von gefährlichen jihadistischen Gruppen von Boko Haram bis zu al-Shabaab. Die Konzentration auf einzelne Gruppen wird uns nicht weiterhelfen, wenn wir den Jihadismus nicht an seinen ökonomischen, ideologischen und geopolitischen Wurzeln bekämpfen.

Was wären mögliche Strategien?
Die Schwächung des Islamischen Staates in Syrien und im Irak ist natürlich ein Erfolg. Aber das Phänomen wird überall wieder auftauchen, wenn wir nicht über eine Art Marshall-Plan für den Nahen Osten nachdenken, eine gemeinsame europäische Syrien-Politik entwickeln und nicht gemeinsame Anstrengungen unternehmen, die dahinterstehende Ideologie in Europa und im Nahen Osten zu bekämpfen. Sonst wird der Jihadismus als Heilsversprechen und gemeingefährliche Ideologie in den nächsten 20 bis 30 Jahren nicht verschwinden.

Trotzdem noch einmal zurück zu Syrien: Ist eine Kooperation zwischen IS und al-Qaida denkbar?
Ja, sie könnten sich wieder zusammenschliessen. Es werden die ganze Zeit taktische Allianzen geschlossen. Der IS hatte seinen Ursprung zudem in einer Allianz namens al-Qaida im Zweistromland. Die Gruppen mögen sich immer mal wieder streiten, aber sind natürlich auch so schlau, zu kooperieren, wenn nötig. Das kann auf lange Sicht, aber auch schneller passieren. Am Anfang des Syrien-Konfliktes wandten sich einige Al-Qaida-Grössen damals relativ schnell dem IS zu.

Dem IS war al-Qaida nicht radikal genug, daher sagte er sich vom Terrornetz los. Hat sich etwas verändert?
Al-Qaida und IS hatten auch in der Vergangenheit einiges gemeinsam. Al-Qaida im Jemen wurde vom IS etwa immer bewundert für ihre extrem moderne Propaganda, die dann die Basis für IS-Propaganda war. Beispiel dafür ist das Online-Magazin «Inspire», über das die al-Qaida ihr Publikum anspricht. Dann gab es den al-Qaida-nahen amerikanisch-jemenitischen Imam Anwar al-Awlaki, der auch für den IS ein grosses Vorbild war. Die Gruppen haben zwar taktische Rivalitäten und mögen sich manchmal bekämpfen, aber sie glauben an die gleiche Ideologie und sind sehr wohl in der Lage, wieder neue Koalitionen zu bilden.

Viele Anschläge in Europa reklamiert der IS für sich. Ist al-Qaida noch in Terrorakte im Westen verwickelt?
Zuletzt bei den Pariser Anschlägen auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion und den jüdischen Supermarkt: Da reklamierte al-Qaida die eine Tat für sich und der IS die andere. Al-Qaida hat im Jemen zudem einen sehr wichtigen französischen Rekrutierer – Peter Cherif aus Paris, der bereits 2005 im Irak kämpfte und der das Attentat auf die «Charlie Hebdo»-Redaktion mit geplant haben soll.

Das Attentat auf «Charlie Hebdo» ist zwei Jahre her. Ist al-Qaida noch attraktiv für Jihadisten?
Natürlich ist der aktuelle Al-Qaida-Chef Aiman az-Zawahiri nicht so sexy wie die Propaganda des IS-Kalifats. Doch Hamza Bin Laden, der Sohn des getöteten früheren Al-Qaida-Chefs Osama, ist auf jeden Fall eine wertvolle junge Propagandafigur. Er zeigt: Es gibt eine Tradition, es geht weiter und eine neue Generation steht bereit. Was er für operative Fähigkeiten hat und welches Charisma er entwickeln wird, steht noch in den Sternen. Bei der Erstarkung einer Gruppe muss man auch sehen, dass die Menschen, die sich von solch einer Ideologie verführen lassen, oft zum Winning Team gehen, und da hat al-Qaida in letzter Zeit hinzugewonnen. Zudem gilt sie als etwas «toleranter» gegenüber der Bevölkerung. Sie bestraft und ermordet nicht ständig Leute, weil sie rauchen oder homosexuell sind.