Ihre Tränen bewegen die Türkei

06. Juni 2018 14:27; Akt: 06.06.2018 14:27 Print

«Sie könnten mich wegen der Tattoos exekutieren!»

von Ann Guenter - Zwei junge Iraner sollen aus der Türkei in ihre Heimat zurückgeschafft werden. Doch ihre Tränen bewegen das ganze Land.

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Zwei junge Iraner sind im Mai in der türkischen Stadt Adana von der Polizei aufgegriffen worden. Mahdavi Morteza (21) und Meleki Hossein (20) aus Teheran waren mit 31 Afghanen und 18 Pakistanern in zwei Minivans illegal ins Land eingereist. Ihr Ziel war Istanbul.

Für Reise und gefälschte Dokumente bezahlten sie nach eigenen Angaben je 5000 Dollar, wie türkische Medien berichten.

Die jungen Iraner seien in Tränen ausgebrochen, als man sie darüber in Kenntnis setzte, dass sie umgehend in ihre Heimat deportiert würden.

Meleki Hossein, die junge Frau, habe geschluchzt, dass man ihr im Iran die Hand abhacken würde, da sie keinen Schleier trage und ihr Haar pink gefärbt sei. Auch Mahdavi Morteza hatte Tränen in den Augen und grosse Angst: «Sie könnten mich wegen meiner Tattoos exekutieren!» Beide flehten die türkische Migrationsbehörde in Adana an, sie nicht zurückzuschicken.

Gefängnis und 100 Peitschenhiebe

Ob den beiden jungen Leuten im Iran tatsächlich derart schwere Strafen drohen, ist schwierig einzuschätzen. Unwahrscheinlich ist es aber nicht. Auf Nachfrage von 20 Minuten teilte das Schweizerische Flüchtlingshilfswerk mit: «Generell scheinen Tattoos und auffällige Frisuren dazu zu führen, dass Personen in den Fokus der iranischen Behörden geraten können und schikaniert oder verhaftet werden.»

Die iranischen Behörden sehen Tätowierungen als Verstoss gegen «muslimische Werte». Dabei ist Tätowieren im Iran nicht mal verboten. Genau wie das Rauchen ist es mit einem Stigma behaftet und gilt als «makruh», das heisst, es sollte vermieden werden. Was das tatsächlich heissen kann, erfuhr ein Tätowierer in Teheran: Er wurde zu einem halben Jahr Gefängnis und 100 Peitschenhieben verurteilt.

Verbot von «satanischen» Frisuren

Auch prominente Iraner geraten mitunter wegen ihrer Tätowierung in echte Schwierigkeiten. So mussten sich 2015 die Fussballer Ashkan Dejagah und Sardar Azmoun vor dem Ethikkomitee des nationalen Verbandes FFI wegen ihrer Tattoos erklären und durften daheim fortan nur noch langärmlig spielen. Und als man vor zwei Jahren das Tattoo der Schauspielerin Taraneh Alidoosti erkennen konnte, wurde ihr daheim offen mit dem berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis gedroht.

Auch das pink gefärbte Haar, wie es die jetzt in der Türkei aufgegriffene 20-jährige Hossein trägt, ist ein Problem: Seit 2015 werden iranischen Friseurläden die Lizenzen entzogen, wenn sie «satanische» oder «homosexuelle» Frisuren (etwa einen Undercut) schneiden.

In Istanbul

Fotos der beiden verzweifelten Iraner machten am Montag in den sozialen Medien die Runde, wo sie viel Mitgefühl hervorriefen, wie «Daily Hürriyet» berichtet. Mehmet Tüm von der Republikanischen Volkspartei (CHP) teilte daraufhin mit, sich mit den Behörden in Adana in Verbindung gesetzt zu haben. Man habe ihm dort versichert, dass dem iranischen Pärchen wegen drohender Verfolgung im Heimatland «internationaler Schutz» gewährt würde. «Beide sind mittlerweile in Istanbul und es geht ihnen gut», sagte Tüm.

Wie «TRTHaber» meldete, werden Morteza und Hossein «in der Türkei bleiben, bis ihnen ein Drittstaat Asyl gewährt». Das heisst, wenn die beiden vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) als Flüchtlinge anerkannt werden, wird danach für sie ein Land gesucht, das zur Aufnahme bereit wäre. Einen eigenständigen Asylantrag braucht es dann nicht mehr. «Die meisten europäischen Länder und die USA haben Quoten, wie viel Personen jedes Jahr so aufgenommen werden», sagt Türkeiexperte Kristian Brakel zu 20 Minuten. «In der Regel dauern die Verfahren sehr lang und natürlich gibt es nie genug Plätze.»