Waffenkontrolle

15. Dezember 2012 04:18; Akt: 15.12.2012 16:26 Print

«Tränen und Gebete genügen nicht»

von Peter Blunschi, New York - Der jüngste Amoklauf in den USA hat 20 Kinder das Leben gekostet. Die Befürworter schärferer Waffengesetze hoffen, dass das Blutbad eine Trendwende bewirkt.

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«Mr. President, wir beten für Ihre Taten»: Anhänger schärferer Waffengesetze halten vor dem Weissen Haus eine Mahnwache ab. (Bild: Keystone/AP/Charles Dharapak)

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Man kennt Barack Obama als Mr. Cool. Dem US-Präsidenten fällt es nicht leicht, in der Öffentlichkeit Emotionen zu zeigen. Kritiker haben ihm dies wiederholt vorgeworfen. Am Freitagnachmittag erlebte man einen ganz anderen Obama. Während seines kurzen Statements zum Amoklauf an einer Grundschule in Newtown konnte er nur mit Mühe die Fassung wahren. Er stockte sekundenlang und wischte sich Tränen aus dem Auge, als er die sieben toten Erwachsenen und vor allem die 20 Kinder im Alter von fünf bis zehn Jahren erwähnte, «wunderschöne Kinder», die «ihr ganzes Leben noch vor sich hatten».

«Unsere Herzen sind gebrochen», meinte der Präsident, der selber zwei Töchter im schulpflichtigen Alter hat. Es war in der Tat ein Schockerlebnis für eine Nation, die sich an derartige Blutbäder gewöhnt zu haben schien. Doch der Amoklauf des 20-jährigen Adam Lanza hat eine neue Dimension. Erst tötete er offenbar in seinem Elternhaus seine Mutter durch einen Schuss ins Gesicht. Dann fuhr er zu der Schule, wo sie als Kindergärtnerin arbeitete, und massakrierte gezielt ihre Klasse. Was sich genau abspielte, werden die Ermittlungen der Polizei ergeben. Doch die Tat wirkt in jeder Beziehung unsäglich.

Waffenlobby triumphiert

Das Land mache derartige Tragödien zu häufig durch, sagte Barack Obama. Für den Grossraum New York war das Massaker im Staat Connecticut nach Supersturm Sandy die zweite Katastrophe innerhalb von zwei Monaten. Es war zudem die Fortsetzung einer unheimlichen Serie, die im Juli mit der Schiesserei in einem Kino im Bundesstaat Colorado begonnen hatte. Und schon früher haben Schulen eine beängstigende Anziehungskraft auf Massenmörder ausgeübt: 1999 starben zwölf Schüler an der Columbine High School in Colorado, 2007 sogar 32 Menschen an der Hochschule Virginia Tech.

Die kaltblütige Tötung von 20 kleinen Kindern aber übertrifft selbst diese Gräueltaten. Was die Anhänger schärferer Waffengesetze hoffen lässt, dass es in Amerika zu einer Trendwende kommt. Denn trotz der wiederholten Massentötungen haben sie in den letzten Jahren stetig an Einfluss gegenüber der Waffenlobby verloren. Das Recht auf freien Waffenbesitz gilt heute in den USA als unantastbar. Im Präsidentschaftswahlkampf machten die Kandidaten einen weiten Bogen um das Thema Waffenkontrolle – auch Barack Obama.

«Wann, wenn nicht jetzt?»

In seinem Statement am Freitag meinte der Präsident, dies sei «nicht der Tag», um über politische Konsequenzen zu reden. Etwa 100 Personen, die am Abend eine Mahnwache mit Kerzen vor dem Weissen Haus durchführten, teilten diese Meinung überhaupt nicht. «Wann, wenn nicht jetzt?» lautete sinngemäss ihre Parole. «Ich schätze seine Tränen und Gebete wirklich, aber für mich genügt dies nicht», sagte Toby Hoover, deren Ehemann vor 40 Jahren bei einem bewaffneten Raubüberfall ums Leben kam und die sich heute im Staat Ohio für schärfere Gesetze einsetzt, gegenüber der «Washington Post».

Der New Yorker Stadtpräsident Michael Bloomberg, der wohl namhafteste US-Politiker, der sich für mehr Waffenkontrolle einsetzt, forderte Obama in einer Mitteilung ebenfalls zu «sofortigem Handeln» auf. Immer wieder habe es geheissen, es sei zu früh, um über Waffengesetze zu reden. Jetzt müsse der Präsident dem Kongress eine Vorlage unterbreiten, «um dieses Problem zu lösen», betonte Bloomberg. Obama liess am Freitag zumindest die Bereitschaft dazu erkennen. «Wir müssen zusammenkommen und bedeutsame Schritte einleiten, um weitere Tragödien dieser Art zu verhindern.»

Unterschied zwischen Messer und Knarre

Die Gegenseite hielt sich am Freitag überwiegend bedeckt. Die National Rifle Association (NRA), die mächtigste US-Waffenlobby, verweigerte einen Kommentar, so lange man die Hintergründe der Tat nicht kenne. Auf Facebook und Twitter wurde die NRA zum Ziel heftiger Angriffe. Nach einer «Anstandsfrist» dürften die Waffennarren jedoch wieder mobil machen. Für sie ist die Lösung der Problems ganz einfach: Es braucht nicht weniger, sondern mehr Schusswaffen, damit Amokläufer gestoppt werden können. Sie verweisen darauf, dass die Kriminalität in den letzten Jahren trotz immer mehr Waffen rückläufig war.

Doch die Zahl der Amokläufe bleibt konstant hoch. «Amerika ist das einzige Land, in dem dies immer und immer wieder geschieht», schreibt James Fallows, Autor des Magazins «The Atlantic». Zwar komme es auch anderswo zu solchen Taten. Ausgerechnet am Freitag hat ein verwirrter Mann in Zentralchina Schüler mit einem Messer angegriffen. Es war nicht der erste derartige Fall. 22 Kinder wurden verwundet – doch es gab keine Toten. «Dies ist der Unterschied zwischen einem Messer und einer Schusswaffe», so Fallows. Trotz des Blutbads von Newtown könnte es dauern, bis den Amerikanern dies einleuchtet.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Patrick Müller am 14.12.2012 20:50 Report Diesen Beitrag melden

    Waffe zuhause - Massenmord

    Nun, bei mir und wievielen hunderttausend Leuten klappt es ganz gut, ein Sturmgewehr zuhause zu haben? Die Sache ist doch die, dass inzwischen jeder weiss, dass er mit einem Massenmord in einer Schule weltweit in die Schlagzeilen kommt - und genau das ist gewollt. Kann man aber auch nicht viel ändern dran, was?

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  • Souffleur am 17.12.2012 06:59 Report Diesen Beitrag melden

    eigene Probleme

    ja genug leute merkt ihr nicht, dass es genug ist mit USA und Amok!!! Die interessiert das doch auch nicht wenn das hier passiert. Müssen wir das jetzt jeden Tag für drei wochen lesen? Sorry aber in einem Land wo man nach einem Tag nach mehr waffen schreit passiert das halt. Man könnte meinen wir sind alles Amis. Mir egal wie viele sterben solange denen auch egal ist wie viele wegen ihnen sterben. also Stop it wir sind in CH und haben eigene Probleme

  • Hochbegabt am 15.12.2012 22:06 Report Diesen Beitrag melden

    Kommunikation?

    Ein Problem das sehr viele Hochbegabte haben ist Kommunikation! Es ist für sie schwierig zu verstehen warum die anderen einfach nicht begreifen was für sie klar und offensichtlich ist. Das müssen Hochbegabte mühsam lernen. Kommt dazu das ein Kind das 3 Jahre jünger ist als der Rest der Klasse zusätzliche Probleme hat. Pubertierende 15 jaehrige haben andere Interessen als ein 12 jähriger. Und im Sport kann es natürlich auch nicht mithalten. Wenn dann noch gesundheitliche Probleme dazu kommen wird es schlimm. Es sollte generell Schulen für Hochbegabte geben um das Sozialverhalten zu fördern.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stefan Ypsilon am 17.12.2012 09:48 Report Diesen Beitrag melden

    Arme Seele...

    Leider triffts nur selten diejenigen, welche diese arme kleine Seele dermassen verstümmelt haben... Man könnte doch bei Schulen Wegweiser zu unseren Politiker für Amokläufer montieren, dann wären die Kinder zumindest sicher...

  • c.p. am 17.12.2012 08:28 Report Diesen Beitrag melden

    Trauer

    Ohh mit kommen die Tränen. In Syrien sterben jeden tag Dutzende von Menschen und niemand kümmerts. Und jetzt kommt irgendein Psycho und alle trauern. Klar es ist nichts schönes aber übertreibt nicht. àndert lieber mal di Waffengesetzte!

  • Estefania am 17.12.2012 07:48 Report Diesen Beitrag melden

    Waffengesetz

    Dieser Amoklauf war bestimmt keine Tat aus einer Laune heraus, sondern geplant. Und jemand, der so eine Tat plant, kommt zu einer Waffe, völlig unabhängig davon wie die Gesetzeslage aussieht.

  • Souffleur am 17.12.2012 06:59 Report Diesen Beitrag melden

    eigene Probleme

    ja genug leute merkt ihr nicht, dass es genug ist mit USA und Amok!!! Die interessiert das doch auch nicht wenn das hier passiert. Müssen wir das jetzt jeden Tag für drei wochen lesen? Sorry aber in einem Land wo man nach einem Tag nach mehr waffen schreit passiert das halt. Man könnte meinen wir sind alles Amis. Mir egal wie viele sterben solange denen auch egal ist wie viele wegen ihnen sterben. also Stop it wir sind in CH und haben eigene Probleme

  • Ich glaub hm nicht am 17.12.2012 06:42 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist schlimmer

    das Massaker oder der Präsident, welcher zwischen Kriegseinsätzen bei welchen Kinder sterben Mitleid heuchelt?