Nahost-Experte Tilgner

02. Februar 2017 13:32; Akt: 02.02.2017 13:32 Print

«Trump arbeitet den Terroristen zu»

von Mareike Rehberg - Donald Trump arbeite den Terroristen in die Hände, sagt der frühere SRF-Auslandskorrespondent Ulrich Tilgner. Trotzdem sieht er den IS auf dem Rückzug.

Ulrich Tilgner arbeitete bis 2015 als Auslandskorrespondent im Nahen und Mittleren Osten. (Video: 20min)
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Herr Tilgner, Sie haben über 30 Jahre lang aus dem Nahen und Mittleren Osten berichtet und dort gelebt und sind seit 2015 zurück. Vermissen Sie den Wüstensand?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe im Orient den italienischen Wein vermisst, aber den Wüstensand vermisse ich nicht. Ich vermisse manche Orte, an die ich gerne wieder reisen würde, etwa in den Chouf im Libanon, aber das geht so einfach nicht. Ich vermisse ein bisschen den iranischen Alltag, aber das ist Nostalgie.

Umfrage
Was halten Sie vom Einreisestopp, den Trump gegen Bürger aus sechs muslimischen Ländern verhängt hat?
27 %
30 %
37 %
6 %
Insgesamt 13955 Teilnehmer

Als Sie die Region verlassen haben, herrschte in Syrien bereits Bürgerkrieg, der IS war auf dem Vormarsch. Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen?
Die westlichen Staaten haben in den vergangenen hundert Jahren unglaubliche Fehler gemacht. Es sind ja nicht nur die Fehler der USA gewesen, aber es ist eine Kette von Katastrophen, die die USA hinterlassen haben. Trump hat noch eine hinzugefügt – Syrer dürfen nicht mehr in die USA einreisen. Dass er Terroristen fernhalten möchte, ist klar, aber darunter sind proamerikanische normale Syrer, die ein Visum haben. Das schwächt die Amerikaner weiter. Hinzu kommt: Die bürgerlichen Schichten in Syrien haben gegen Bashar al-Assad revoltiert, der Westen hat sie nicht unterstützt, und die Saudis und andere haben den Aufstand finanziert. Die Terroristen nutzen das aus, um Fuss zu fassen. Syrien ist in ganz unterschiedlichen Formen von Krieg völlig zerstört worden.

Nachdem Trump den Einreisestopp für Menschen aus sieben muslimischen Ländern erlassen hat, lacht der IS sich ins Fäustchen. Er hofft, dieser Bann spiele ihm in die Hände und bringe die Muslime gegen den Westen auf. Ist da etwas dran?
Man muss abwarten. Zurzeit arbeitet Trumps Entscheidung natürlich den Aufständischen in die Hände. Auf der anderen Seite sind sie auf dem Rückzug, sie werden die Gebiete, die sie kontrolliert haben, verlieren. Daran habe ich keinen Zweifel. Die Zeit des Terrorismus, der offen agiert, ist vorbei. Die Terroristen werden in den Untergrund gehen. Sie werden Anschläge ausführen – Terrorismus wird es weiter geben, daran habe ich auch keinen Zweifel. Aber die grosse Zeit der Terroristen ist vorbei. Ob Trump ihnen nun ein wenig hilft oder nicht, das wird am grossen Lauf der Geschichte nichts ändern.

Lange hiess es, in Syrien könne es nur zu einer Lösung kommen, wenn Assad abtritt. Würden Sie sagen, dass eine Lösung ohne Assad noch möglich ist? Oder geht es nur mit Assad?
Ich glaube, dass Assad von der ganzen Gruppe gehalten wird, die die Macht in Syrien ausübt. Assad kann mit seiner Frau irgendwohin ins Exil gehen. Aber für die Menschen, die das System Assad ausgemacht haben, wird die Luft dann sehr, sehr dünn. Sie werden ihren Führer meiner Meinung nach gar nicht gehen lassen. Ganz abgesehen davon wollen die Russen und die Iraner auch, dass Assad erst einmal bleibt. Sie wollen nicht, dass er lange bleibt, aber sie wollen, dass er den Übergang mitorganisiert, damit das System Assad erhalten bleibt. Und der Westen geht ja Schritt für Schritt auf diese Lösung ein.

Welche Rolle spielt der russische Präsident Putin in dem ganzen Dilemma?
Putin nutzt die Schwäche des Westens und er nutzt das Chaos in der arabisch-islamischen Welt. Er ist der grosse Gewinner. Er kann ohne grossen Aufwand überall Einfluss gewinnen – und er nutzt das schamlos und konsequent aus, weil er denkt, dass ihm diese Position im Kampf mit dem Westen oder vielleicht den USA irgendwann nützen könnte.

Welchen Nutzen zieht er konkret daraus?
Er bringt diese ölreiche Region unter seine Kontrolle. Er hat zum Beispiel das Öl-Abkommen, nach welchem die Opec ihre Förderung drosselt, entscheidend beeinflusst. Er hat Iran und Saudiarabien dazu gebracht, eine Übereinkunft zu finden – ohne Putin wäre das nicht möglich gewesen. Das nützt Russland, weil es jetzt sein Öl teurer verkaufen kann. Russland ist inzwischen der grösste Exporteur von Öl nach China, eine Million Barrel am Tag. Das ist eine neue Entwicklung.

Wie wird sich die Region langfristig entwickeln? Kann es Frieden geben? Was bräuchte es dazu?
Es bräuchte eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung – und die sehe ich leider nicht. Die Weltwirtschaft ist zu schwach, diese Region ist übergangen worden. Die Entwicklung ist an den armen Ländern des Orients vorbeigegangen. Das ist das Problem, denn diese Länder liegen im Chaos und haben keine wirkliche Zukunft. Die Menschen werden weiter nach Europa wollen.

Abgesehen von Russland haben viele Mächte im Nahen und Mittleren Osten ihre Finger im Spiel – auch historisch betrachtet. Was sehen Sie als das grösste Versagen der Welt in der Region?
Man hat die Diktatoren dort benutzt, um den eigenen Einfluss zu sichern. Die Briten haben schon während der Kolonialzeit die kleinen Fürstentümer und Scheichtümer am Persischen Golf, also Kuwait, Katar, Bahrain, die Emirate und Oman, installiert. Diese haben sie bis heute an der Macht gehalten, die Amerikaner und alle Staaten des Westens haben das übernommen, weil sie Öl wollten und Waffen dorthin exportiert haben. Jetzt merken sie, dass sie vor einem Scherbenhaufen stehen. Das war der historisch grosse Fehler. Es ist die Kette der Fehler, es ist kein einzelner. Die Menschen dort wollen ihre Situation jetzt nicht mehr ändern, weil sie gesehen haben, dass das verdammt schwierig ist. Stattdessen wollen sie weg, nach Europa.

Wo liegt das Versagen der Menschen in diesen Ländern?
Sie müssen die Leute, die an der Macht sind, vertreiben und demokratische Verhältnisse schaffen. Das wollen ja vor allem die jungen Leute in den grossen Städten. Sie werden sich langfristig auch durchsetzen, daran habe ich keinen Zweifel. Aber das kann Jahrzehnte dauern. Die bürgerliche Revolution in Europa hat auch von 1848 bis 1948 gedauert. Demokratie durchzusetzen ist nicht einfach, das ist auch im Orient so.

Muss man von aussen nachhelfen?
Man muss dem Gang der Dinge seinen Lauf lassen. Allerdings müssen Unternehmen in der Region investieren. Die westliche Entwicklungspolitik hat versagt. Firmen können investieren und Gewinne machen, aber es wird schwierig sein, das umzusetzen. Aber Investitionen aus dem Ausland sind der einzige Weg, um die junge Generation dort zu halten.

Glauben Sie, das wird unter Trump in den nächsten Jahren passieren oder herrscht jetzt erst einmal Eiszeit?
Das kann man schlecht sagen. Die ersten Zeichen aus Trumps ersten Amtstagen sind sehr negativ. Er arbeitet den Terroristen zu, er schwächt die prowestlichen Kräfte, er hat ein katastrophales Bild vom Islam. Trump wird nicht derjenige sein, der dort die Wende einleitet. Aber möglicherweise hilft er dadurch, dass er sich abwendet. Aber wenn er die Leute nur provoziert, führt das zu nichts Gutem.

20 Minuten sprach auch mit dem Islamwissenschaftler Reinhard Schulze – über den Islam, Donald Trump und ein friedliches Miteinander der Weltreligionen. Sehen Sie das Interview im Video:

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • james mc'neil am 02.02.2017 13:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Utopie

    Ein friedliches Miteinander der Weltreligionen gab es noch nie.

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  • Andreas Buholzer am 02.02.2017 14:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Irreführender Titel

    Titel macht eine andere Aussage als der Inhalt des Artikels .... was stimmt jetzt aus Sicht des Nahostexperten?

  • KeyPeele85 am 02.02.2017 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Dramatisiert nicht alles

    Die Dekrete gelten nicht auf ewig, also Ball flach halten. Der wirft jetzt mal den Stein sehr weit weg, danach holt er ihn Stück um Stück zurück.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Geissenpeter am 02.02.2017 20:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Öffnen wir dem IS Tür und Tor

    damit bekämpfen wir den IS nach Linksliberaler Logik am effektivsten. Sagt mal geht's noch?

  • Thoms am 02.02.2017 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gefahr steigt

    Die Provokationen von Trump das Gegenteil bewirken als von Trump versprochen. Die meisten Terroristen sind konvertierte, welche oft gar nicht auf dem Schirm der Geheimdienste sind. Somit sind die schon im Land. Herr Trump gibt ihnen nun den Grund los zu legen. Wenn es dann passiert, wir Herr Trump nicht zu seinem Fehler stehen, sondern noch mehr Waffen beschaffen und die Ausländer Strafen. Was noch mehr Gewalt provoziert. Und die Spirale dreht. Ich hoffe, dass wir nicht in Kürze noch mehr Kriege wegen den Amis haben werden. Zur Erinnerung, die jetzigen Kriege wurden von Bush losgetreten, welcher zu Beginn auch Positionen wie Trump vetreten hatte. Mit dem Unterschied, dass Trump ein zigfaches mehr provoziert. Meint er wirklich, die Terroristen werden nicht reagieren?

  • Sehnsucht 67 am 02.02.2017 16:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Fakten reden eine andere Sprache

    Ob die Einreise sperre was bringt wird sich zeigen. Die Tatsachen sprechen eine ganz andere Sprache. Was will man ganze Völker sperren die in Amerika keinen Anschlag verübt haben. letztes Jahr gab es zwei tote die auf das Konto der Terroristen gingen und die kamen nicht mal aus einem Land das jetzt gesperrt ist , im Gegenzug gab es in Amerika ca 11000 tote die von Amerikaner verübt worden sind wäre spannend zu wissen was Trump dagegen machen wird. Obama hat versucht die Waffen zu reduzieren in Amerika aber was sollte er tun wenn die Waffenlobby und die Republikaner das verhindern zu wissen.

  • Mr. Sarcasm am 02.02.2017 15:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weiterer Versuch

    Donald hier, Trump da, 24/7! Das ist Popcornkino vom allerfeinsten! :-) Wenn Onkel Donald telefoniert, beleidigt er seine Gegenüber ausschliesslich. Ja, klar.... Und wenn er furzt, ist das gleich eine Drohung an die ganze Welt, sofort Giftgas einzusetzen! :D Ich glaube, wir haben alle unseren Spass an der medialen Aufbauschung seines tun und handelns. Lehnen wir uns also zurück, geniessen die Show und lassen die Boulevardpresse jedern Wimpernschlag von Trump (hoffentlich gewinnbringend) ausschlachten.

  • stab am 02.02.2017 14:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wir sitzen auf einer Bombe

    Trump ist eine Gefahr für die ganze Welt. Tragisch ist einerseits dass er sein eigenes Land in Gefahr bringt und zusätzlich Russland stärkt. Aber es gibt ja auch ein Amtsenthebungsverfahren in Amerika, wer weiss, vielleicht wird von diesem erstmals Gebrauch gemacht.