«Tank-Man»-Fotograf

04. Juni 2014 06:02; Akt: 04.06.2014 15:54 Print

«Verlangen nach Wahrheit wird siegen»

von Ann Guenter - Vor 25 Jahren schoss der Fotograf Jeff Widener das weltberühmte «Tank-Man»-Foto. Er war dabei, als das chinesische Regime am 4. Juni 1989 in Peking hunderte Studenten tötete.

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Durch dieses Foto wurde Jeff Widener weltberühmt: Vom Balkon des Hotels Beijing fotografierte er den «Tank-Man». Ein mutiger Zivilist stellte sich am Tag nach dem Massaker den anrollenden Panzern entgegen und zwang sie zum Anhalten. Bis heute ist unbekannt, wer der Zivilist war. Widener (links) weilte 1989 im Auftrag der Associated Press AP in China und sollte die Studentenunruhen dokumentieren. Studenten besetzten damals den Platz des himmlischen Friedens und forderten Demokratie. Trotz der angespannten Stimmung auf dem Platz hätten die Studenten laut Widener trotzdem versucht, Humor zu zeigen. Widener berichtet auch, dass Polizisten versuchten, die angespannte Stimmung zu lockern, indem sie Lieder sangen. Dennoch kippte die Stimmung: In der Nacht auf den 3. Juni versuchte die Armee, die Studenten vom Platz zu treiben - jedoch ohne Erfolg. Der Fotograf hielt fest, wie eine Studentin von Militärangehörigen festgehalten wurde. Später in der Nacht umstellten die Demonstranten ein gepanzertes Fahrzeug, welches die Strassenbarrikaden der Studenten durchbrochen hatte. Unmittelbar danach begannen die Soldaten auf die Demonstranten in Nebenstrassen zu schiessen, um so die Demokratiebewegung zum Schweigen zu bringen. Auf dem Platz brach Chaos auf. Dies ist das letzte Foto Wideners von der blutigen Nacht. Nach dieser Aufnahme wurde er von einem Pflasterstein am Kopf getroffen. Am 4. Juni, nachdem auf dem Platz des himmlischen Friedens hunderte Studenten erschossen worden waren, patrouillierten Armeeangehörige durch die Stadt. Aus einem ähnlichen Fahrzeug wurden später Touristen vor dem Hotel Beijing erschossen. Während der Besetzung errichteten die Studenten auf dem Platz eine Statue der Göttin der Demokratie. Die Statue wurde noch am 4. Juni vom Militär zerstört. Am 5. Juni versammelten sich erneut Demonstranten und zeigten Fotos getöteter Studenten. Schätzungen zufolge wurden rund 2'600 Menschen getötet. In der blutigen Nacht brannten Demonstranten Armeefahrzeuge und Busse nieder. Mehrere Soldaten wurden verletzt oder getötet. Nach dem blutigen Massaker erlangte die Armee die Kontrolle über den Platz vor der Verbotenen Stadt und bewachte ihn scharf. Die chinesischen Behörden haben in den vergangenen Wochen Dutzende Anwälte, Künstler, Wissenschaftler und Journalisten in Gewahrsam genommen. Die Erinnerung an das Ereignis wird systematisch unterbunden. Die Aufnahmen von Jeff Widener leisten noch heute einen wichtigen Beitrag zur Aufklärung der Ereignisse auf dem Platz des himmlischen Friedens.

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Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking sind die Sicherheitsvorkehrungen in diesen Tagen enorm hoch. Ein gefürchteter Jahrestag steht an: Vor 25 Jahren schlug das chinesische Militär hier die Demokratiebewegung nieder, Hunderte, wenn nicht gar Tausende starben - eine offizielle Todeszahl gibt es nicht.

Der amerikanische Fotograf Jeff Widener (57) war bei dem Massaker vom 4. Juni auf dem Tiananmen-Platz. Dabei schoss er das so genannte «Tank-Man»-Foto, das weltberühmt wurde: Es zeigt einen chinesischen Zivilisten, der sich todesmutig vor eine Kolonnen von Panzern stellt. 20 Minuten hat mit Widener gesprochen.

Sie waren im Juni 1989 in Peking und auf dem Tiananmen-Platz. Was haben Sie dort getan?
Jeff Widener:
1989 war ich Fotograf bei Associated Press AP für den südasiatischen Raum und in Bangkok stationiert. Ich flog nach Peking, um die Studentenbewegung zu dokumentieren. Das war eine Woche vor dem Massaker der chinesischen Regierung auf dem Tiananmen-Platz. In dieser Woche fotografierte ich die Protestmärsche und die Aktivitäten rund um den besetzten Tiananmen-Platz. Die Situation war surreal, weil die Demonstranten eine grosse Demokratie-Statue aufgestellt hatten, gerade gegenüber dem riesigen Mao-Porträt vor der Verbotenen Stadt. Das war ein unglaublicher Kontrast. Alle Medienschaffenden vor Ort fragten sich damals, wie lange die chinesische Regierung dem Treiben der Aktivisten der Demokratie-Bewegung noch zuschauen würde. Ich für meinen Teil dachte, dass ich Zeuge eines historischen Moments war. Obwohl es sehr berauschend war, war ich auch sehr besorgt, dass das Ganze böse enden würde.

Erinnern Sie sich an den Moment, an dem Sie ihr ikonisches Foto aufnahmen? Sie sagten einmal, dass es pures Glück war, dass die Aufnahme überhaupt entstand.
Die Herausforderung war, an der Geheimpolizei vorbeizukommen, die den Eingang des Beijing-Hotels bewachte. Doch von dort aus hatte man den besten Blick auf den Tiananmen-Platz. Ich versteckte deswegen meine Kamera-Ausrüstung unter meiner Kleidung und konnte mich so an der Polizei vorbeischleichen. Das andere grosse Problem zuvor war, vom Büro der AP zum Hotel zu gelangen, denn überall fuhren Soldaten herum und schossen willkürlich auf Zivilisten. Als ich unversehrt im Hotel ankam, schleuste mich ein amerikanischer Austauschstudent namens Kirk Martensen in sein Zimmer. Als wir mit dem Lift nach oben fuhren, sagte er mir, dass Soldaten kurz vor meiner Ankunft auf Menschen beim Hoteleingang geschossen hätten. Ihre Leichen seien von den Hotelmitarbeitern ins Innere geschleppt worden. Das dritte Problem bei der «Tank-Man»-Aufnahme war es, den Film zurück ins AP-Büro zu schaffen. Auslandstudent Martensen riskierte dabei sein Leben, indem er den Film in die US-Botschaft brachte, die diesen ins kleinere AP-Büro im diplomatischen Bereich schleuste. Erst von dort aus erreichten die Fotos die ganze Welt.

Wie hat das «Tank-Man»-Foto Ihr Leben verändert?
Ich hatte lange eine Hassliebe zu dem Bild. Einerseits hat es mir einige neue Möglichkeiten und Chancen für meine Karriere eröffnet, andererseits hat es aber auch meine restliche fotografische Arbeit überschattet. Eine grossartige Erfahrung machte ich mit der Reggae-Band UB40. Ich traf sie an einem Strand in Tahiti. Als die Musiker erfuhren, dass ich der Fotograf von «Tank Man» war, waren sie so begeistert, dass daraus eine langfristige Zusammenarbeit entstand. Ich fotografierte ihre Konzerte und eines ihrer Album-Covers. Es sind grossartige Jungs, wir haben bis heute Kontakt.

Waren Sie in Ihrer Karriere als Fotograf jemals wieder Zeuge eines solch historischen und gefährlichen Moments wie damals am 4. Juni 1989?
Ich habe mehrere Anti-Regierungs-Proteste in Osttimor, Israel, Thailand und Südkorea fotografiert. Der 4. Juni 1989 war aber der gefährlichste Moment, den ich als Fotojournalist dokumentiert habe.

Sie weilen anlässlich des Gedenkens an die zahlreichen Opfer des Massakers vom Tiananmen-Platzes derzeit in Hongkong. Wie fühlen Sie sich dabei?
Ich bin vor allem aus persönlichen Gründen hier. Das gibt mir Gelegenheit, auf mein Leben und meine Karriere zurückzublicken. Ich nehmen nicht als Aktivist an der Gedenkfeier teil. Ich bin nur ein Journalist, der die sich weiterziehende Geschichte verfolgt. Ich habe hier in Asien einige alte Freunde getroffen, und es war grossartig, mich wieder in meinem alten Jagdgefilde tummeln zu können. Wenn ich wieder nach Hamburg zurückkehre, werde ich meine Archive durchforsten und mich auch sonst weiter meiner Fotografie widmen. Hoffentlich wird meine Arbeit dem Schatten von «Tank Man» entkommen.

Vor dem 4. Juni hat die chinesische Regierung den Zugang zu Google stark eingeschränkt. Was halten Sie davon?
Soviel ich weiss, verwenden die Bürger eine Software, welche den Online-Zugang an den Zensoren vorbei ermöglicht. Grundsätzlich glaube ich, dass wo immer es ein Verlangen nach Wahrheit gibt, dieses obsiegen wird.

Wie denken Sie allgemein über China, auch gerade hinsichtlich des 25. Jahrestags des Tiananmen-Massakers?
Die Regierung in Peking hat ihre Agenda, und die chinesischen Bürger haben die ihre. Die Zeit wird es zeigen.