Referendums-Gegner in Katalonien

29. September 2017 18:03; Akt: 29.09.2017 18:50 Print

«Wenn du Skepsis zeigst, bist du gleich ein Faschist»

Zwei Tage vor der geplanten Abstimmung über das Unabhängigkeitsreferendum ist die Stimmung in Spanien angespannt. Offenbar wurden auch Journalisten bedroht.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Am 1. Oktober sollen die Katalanen über die Abspaltung von Spanien abstimmen. Die Zentralregierung will die Abstimmung verhindern, hat Stimmzettel und Wahlurnen beschlagnahmt und die sonst autonome katalanische Regionalpolizei dem Innenministerium in Madrid unterstellt: Insgesamt 26'000 Polizisten sollen am Sonntag die Öffnung der Wahllokale verhindern.

Das hat wütende Proteste ausgelöst, erst am Donnerstag gingen schätzungsweise über 15'000 Schüler und Studenten auf die Strasse. Auch sonst überschlagen sich die Solidaritätsbekundungen für die Regionalregierung von Carles Puigdemont, die das Referendum Anfang September ausgerufen hatte. Im Museum für Geschichte in Barcelona enthüllten Dutzende von Feuerwehrleuten ein Riesenbanner mit der Aufschrift «Love Democracy» und riefen fäusteschwingend «Votarem, votarem!» («Wir werden abstimmen!»).

Regionalregierung macht Druck auf Medien

Bisher äusserten sich vor allem die Befürworter der Abspaltung. Gegner kamen wenig zu Wort. Mittlerweile schreibt die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) sogar von einem «vergifteten Klima für die Pressefreiheit».

Der am Donnerstag veröffentlichte Bericht prangert den «konstanten Druck der katalanischen Regionalregierung auf lokale und internationale Medien» an und kritisiert Angriffe auf kritische Journalisten über Social Media sowie Versuche von Demonstranten, TV-Reporter einzuschüchtern. «Die katalanische Regionalregierung ist zu weit gegangen, als sie versuchte, ihre Ansichten lokalen, nationalen und internationalen Medien aufzuzwingen», sagt RSF-Sprecherin Pauline Adès-Mevel.

«Warum hört man nicht die Stimmen der Gegner?»

Referendumsgegner fühlen sich nicht mehr wohl: «Warum hört man nicht die Stimmen der Gegner einer Unabhängigkeit, die mehr als die Hälfte ausmachen? Man hört sie kaum, weil wir Angst haben. Ich kenne viele, die dagegen sind, aber nach aussen sagen, sie seien dafür», sagt eine 64-jährige Einheimische zur Nachrichtenagentur DPA.

Ein 48-jähriger Anwalt führt aus: «Für eine Unabhängigkeit zu sein, wird als toll angesehen, sieht sehr demokratisch aus und sehr authentisch, es ist in Mode. Aber wenn du es wagst, das zu hinterfragen oder Skepsis zu zeigen, bist du gleich ein Faschist und Antidemokrat.»

Miriam Tey, Vizepräsident einer Bürgergruppe gegen die Unabhängigkeit, sagt: «Innerhalb des geistigen Klimas, das der Nationalismus geschaffen hat, haben die Befürworter entschieden, wer gute und wer schlechte Katalanen sind. Diejenigen, die keine guten sind, werden ausgegrenzt. Es gibt keinen realen Konflikt, den haben die Befürworter erfunden.»

Zu friedlichem Protest aufgerufen

Zwei Separatisten-Organisationen riefen gestern zu Protesten am Abstimmungssonntag auf. Katalonien müsse Einigkeit und Verantwortungsbewusstsein demonstrieren, betonten die Gruppen ANC und Omnium. «Friedlicher Widerstand, null Gewalt», fordern sie in einem Schreiben an ihre Mitglieder. «Das Bild von Millionen von Menschen mit Stimmzetteln in ihren Händen wird einen grösseren Eindruck hinterlassen.»

Es werden aber gewaltsame Aktionen von ausländischen Anarchistengruppen befürchtet, die nach Berichten spanischer Zeitungen bereits in Barcelona angekommen sind.


Massenproteste in Barcelona: Studenten demonstrieren für die Unabhängigkeit Kataloniens. (Video: Storyful)

(nk/dpa/sda)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ostseeanrainer am 29.09.2017 19:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz üble Zeiten

    Das ist das Grundübel in unserer heutigen Zeit.Andere Meinungen werden entweder von vornherein verurteilt oder erst gar nicht angehört,egal ob Politik,Kultur oder Sport.Jeder Andersdenkende,der nicht mit der Masse auf der Bockwurstbrühe schwimmt,wird niedergemacht.Das spiegelt sich auch immer mehr in Kommentarforen,wie in dieser Zeitung wieder.Sehr aggressive Zeiten haben wir.

    einklappen einklappen
  • Martini007 am 29.09.2017 18:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Heisses weekend

    Ein heisses weekend steht den Spaniern bevor...

  • Real am 29.09.2017 18:28 Report Diesen Beitrag melden

    Nie

    Das wird nicht durchkommen. Es gibt seit Jahrzehnten massenhaft spanische Migration nach Katalonien, klar gehen die nicht auf die Strasse aber die stimmen trotzdem nein

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Georg Fan am 01.10.2017 15:09 Report Diesen Beitrag melden

    Idendität=do bin ig deheim..(Georg)

    Idendität, lässt sich niemals durch Beschluss der Politik- Auflösung von Nationalstaaten (Europa), Einführung von einem Wirtschaftssystem, das erst recht zur Entfremdung führt und niederknüppeln von Andersdenkenden- Auflösen! Das Gegenteil ist der Fall!! .

  • Stay Tuned am 30.09.2017 17:31 Report Diesen Beitrag melden

    Höhenfeuer

    In ganz Spanien sollten die Glocken für Katalonien gleichzeitig geläutet werden.

    • Diaz am 01.10.2017 14:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Stay Tuned

      Ganz Spanien unmöglich. Es genügt wenn es in Katalonien die Glocken für die Freiheit läuten. Meine Sektflasche steht im Kühlschrank bereit.

    einklappen einklappen
  • Ionier am 30.09.2017 15:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Katalonien ist nicht mehr zu halten...

    Es lebe der Staat Katalonien.

  • xxlbmw am 30.09.2017 14:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Spanien/Serbien

    Nato soll eingreifen und den katalanen helfen

    • Jorge am 30.09.2017 16:04 Report Diesen Beitrag melden

      @xxlbmw

      Nicht nötig. Spanien ist gerade dabei, das Recht durchzusetzen und die Mehrheit der Katalanen vor den Separatisten zu schützen.

    einklappen einklappen
  • Peter Stadelmann am 30.09.2017 13:35 Report Diesen Beitrag melden

    Milchbüchleinrechnung

    Der Hauptteil des katalonischen Wirtschaftserfolgs beruht auf dem freien Zugang zum spanischen und europäischen Binnenmarkt. Katalonien stünde nach der Abspaltung mit null Verträgen und Rechtssicherheit da, Madrid würde sich mit seiner Vetogewalt noch auf Jahrzehnte rächen. Die Regional-Nationalisten sitzen einer schädlichen Illusion auf!