Staten Island nach Sandy

01. Dezember 2012 21:55; Akt: 03.12.2012 10:08 Print

«Wir werden vernachlässigt»

von Peter Blunschi, New York - Einen Monat nach Supersturm Sandy fehlt es in Staten Island am Notwendigsten. New Yorks «vergessener Stadtteil» fühlt sich einmal mehr im Stich gelassen.

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Aiman Youssef (l.) mit Mitgliedern des Sandy Yellow Team vor dem Verteilzentrum an der Midland Avenue. (Bild: Peter Blunschi)

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Die Dame im Auto ist freundlich, aber bestimmt: «Sie dürfen da nicht durch, der Strand ist geschlossen.» Mehr braucht die Angestellte der New Yorker Parkverwaltung nicht zu sagen. Ein Blick auf das umgekippte Segelboot in der Ferne genügt, um den Ernst der Lage in Midland Beach zu erfassen. In diesem Quartier an der Südküste des Stadtteils Staten Island hat Supersturm Sandy am Abend des 29. Oktober mit voller Wucht zugeschlagen. Zahlreiche Häuser wurden zerstört. Die Säuberung des Strandes hat da keine Priorität.

Es gäbe genug zu tun. Die gröbsten Schäden wurden beseitigt, doch die Folgen der schlimmsten Naturkatastrophe im Grossraum New York seit Menschengedenken sind nicht zu übersehen. 23 Menschen sind in Staten Island umgekommen, die Hälfte aller Todesopfer in der Stadt New York.Es ist dreckig, in der Luft hängt ein unangenehmer Modergeruch. An den meisten Häusern, die äusserlich intakt wirken, klebt ein gelber Zettel mit der Aufschrift «Restricted» – nur eingeschränkt benutzbar. Doch wer erwartet, dass in Midland Beach auf Hochtouren aufgeräumt wird, sieht sich getäuscht. Es herrscht gespenstische Ruhe.

«Wir werden vernachlässigt», schimpft Aiman Youssef. Niemand helfe Staten Island, weder die Regierung in Washington, noch die Stadt New York, meint der 42-jährige Verkäufer von Elektronikartikeln, der vor Jahren in die USA eingewandert ist, «aus Syrien», wie er schmunzelnd anmerkt. Ausgerechnet. Nun hat Youssef alles verloren, sein Haus, die Ware, die er verkaufen wollte. Mit andern Betroffenen hat er vor einer Pizzeria an der Midland Avenue ein Zentrum zur Verteilung von gespendeten Hilfsgütern eingerichtet. Staten Island muss sich selber helfen, «das sollen die Leute in Europa wissen», meint Youssef.

Touristen nehmen nur die Fähre

Es ist ein bekanntes Gefühl: Staten Island ist mit knapp 500 000 Einwohnern der kleinste der fünf New Yorker Stadtbezirke. Geographisch liegt die Insel etwas abseits am Eingang zum Hafen. Es gibt nur zwei Verbindungen mit dem Rest der Stadt: Die orangene Fähre nach Manhattan und die Verrazano-Narrows-Hängebrücke nach Brooklyn. Oft wird Staten Island deshalb als New Yorks «vergessener Stadtteil» bezeichnet. Und tatsächlich wirken die Wolkenkratzer von Manhattan im Einfamilienhausquarter Midland Beach weit weg.

Zwar finden täglich unzählige Touristen den Weg nach Staten Island. Sie benutzen die besagte Fähre für eine Gratis-Hafenrundfahrt mit exzellentem Blick auf die Freiheitsstatue. Doch die meisten fahren sofort wieder zurück, kaum jemand bleibt auf der Insel. Es gibt auch kaum Grund dazu, nennenswerte Sehenswürdigkeiten sind nicht vorhanden. Die Stadt will deshalb im Hafen das grösste Riesenrad der Welt bauen. Aber das Gefühl der Vernachlässigung in dem Kleine-Leute-Bezirk sitzt tief. 1993 votierte die Bevölkerung in einer – unverbindlichen – Abstimmung sogar für eine Abspaltung von New York.

Widerstand gegen Marathon

Als nach Sandy die Hilfe nur zögerlich anlief, platzte Bezirkspräsident James Molinaro der Kragen. «Gebt dem Roten Kreuz kein Geld!» rief er zwei Tage nach der Katastrophe an einer Medienkonferenz aus. In Staten Island war auch der Widerstand gegen den New York Marathon am grössten – und die Wut darüber, dass Bürgermeister Michael Bloomberg ihn unbedingt durchziehen wollte. «Es ist eine Schande, den Marathon in Staten Island zu starten, wenn nur eine Meile entfernt Leichen gesucht werden», meinte James Oddo, ein republikanischer Abgeordneter im Stadtparlament, dessen Haus von Sandy zerstört wurde.

Bloomberg gab schliesslich nach, und mit der Zeit rollte die Hilfe an. Mitte November kam US-Präsident Barack Obama nach Staten Island und zeigte sich betroffen. Inzwischen aber sind Militär und Nationalgarde abgezogen. Geblieben ist die Katastrophenschutzbehörde Fema mit einem so genannten Recovery Center. Es beschränkt sich weitgehend auf das Verteilen von Broschüren und die Entgegennahme von Schadensmeldungen an einem improvisierten Stand an der Midland Avenue. Aiman Youssef zuckt nur verächtlich mit den Schultern: «Man bietet mir 19 000 Dollar für ein Haus, dessen Wert 300 000 Dollar beträgt.»

Neuer Feind Schimmel

Einen Monat nach Sandy fehlt es in Midland Beach noch immer am Notwendigsten. 95 Prozent der Häuser haben keinen Strom. Eine Aufladestation für Handys bei Youssefs Verteilzentrum zeugt davon. Besonders gefragt sind freiwillige Helfer, um die Schäden zu beseitigen. Zahlreiche Selbsthilfegruppen sind entstanden, etwa das Sandy Yellow Team, das mit seinen gelben T-Shirts nicht zu übersehen ist. «Wir haben alle einen Job und setzen jede freie Minute ein, um zu helfen», meint einer aus der Gruppe.

Es ist eine Sisyphusarbeit – und ein Kampf gegen die Zeit. Denn nach der Flut breitet sich ein neuer Feind aus: Schimmel. Bei uns allenfalls eine lästige Begleiterscheinung bei Überschwemmungen, kann er in den amerikanischen Leichtbau-Häusern verheerende Folgen haben. Bei manchem Haus, das vielleicht zu retten wäre, bleibt dann nur noch der Abriss. Ein solches Schicksal dürfte zahlreichen Gebäuden in Midland Beach und anderswo an der Küste zwischen New Jersey und Long Island bevorstehen.

Für Aiman Youssef, den Einwanderer aus dem Bürgerkriegsland Syrien, ist es deshalb keine Frage, woran es bei allen Entbehrungen am meisten fehlt: «Wir brauchen Häuser.» Die Benzinrationierung in New York wurde am Wochenende aufgehoben, die meisten Zugsverbindungen funktionieren wieder – vielerorts ist einen Monat danach die Normalität zurückgekehrt. Für Midland Beach aber macht sich Youssef keine Illusionen: «Es wird drei Jahre dauern, bis man hier wieder einigermassen normal leben kann.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Hafechabis am 03.12.2012 01:06 Report Diesen Beitrag melden

    ... was anderes erwartet?

    Solche 'Katasrophen' sind für Regierungen doch Gold wert in der heutigen Medienlandschaft. Es stellt sich nur die Frage, welches Regierungsmitglied (oder die Opposition) am schnellsten ins Gebiet verfrachtet werden kann. Einige Fotos, berechenbare Lippenbekenntnisse und schon ist der hipe vorbei. Solche Meldungen wie diese hier sind bereits wenige Tage nach dem Ereignis nur noch Randnotiz.

  • Richardo am 02.12.2012 09:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir sind nie zufrieden

    Es ist für die Bewohner oder für Jornaliesten e nie richtig wo man Hilft. Sagt ihr mir bitte, wie soll man alle betroffenen gleichzeitig helfen?? soll New York alles stilllegen und zuesrt helfen? oder sollen wir alle die arbeit niederlegen und helfen gehen?

  • Mike Cadell am 02.12.2012 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Mal sehen

    Wie man wieder mal George W Bush verantworlich machen kann.

Die neusten Leser-Kommentare

  • marianne broennimann am 03.12.2012 10:40 Report Diesen Beitrag melden

    Grosse Klappe, wenig Fleisch dran!

    Nichts Neues, überall einmischen und zuhause die nötigsten Pflichten nicht erfüllen = Patent USA! Die Betroffen tun sehr leid!

  • Hafechabis am 03.12.2012 01:06 Report Diesen Beitrag melden

    ... was anderes erwartet?

    Solche 'Katasrophen' sind für Regierungen doch Gold wert in der heutigen Medienlandschaft. Es stellt sich nur die Frage, welches Regierungsmitglied (oder die Opposition) am schnellsten ins Gebiet verfrachtet werden kann. Einige Fotos, berechenbare Lippenbekenntnisse und schon ist der hipe vorbei. Solche Meldungen wie diese hier sind bereits wenige Tage nach dem Ereignis nur noch Randnotiz.

  • Mike Cadell am 02.12.2012 13:39 Report Diesen Beitrag melden

    Mal sehen

    Wie man wieder mal George W Bush verantworlich machen kann.

  • Hilfsbereiter Schweizer am 02.12.2012 12:06 Report Diesen Beitrag melden

    Glückskette?

    Wo bleibt der Sammeltag der Glückskette? Sonst wird auch für jedes kleine Unglück sofort ein Sammeltag organisiert. Wieso nicht auch für diese armen Menschen? Auch sie brauchen unsere Hilfe, nicht nur die in den drittwelt Ländern.

    • N.D. am 03.12.2012 10:38 Report Diesen Beitrag melden

      Militärbudget

      Nein, wenn man bedenkt wieviel Geld für das Militär und Waffen drauf geht, brauchen die keine Hilfe. Wenn sie da nur einen Bruchteil abzweigen, hättten sie bereits genug.

    • Glückskette Jawoll am 03.12.2012 13:14 Report Diesen Beitrag melden

      Und bei uns?

      An N.D.: Wir haben auch ein unnötiges Militärbudget und sammeln für die Berghilfe

    • Remo Meier am 03.12.2012 13:26 Report Diesen Beitrag melden

      @N.D

      Wie kann man nur so überheblich sein? Haben diese Leute die alles verloren haben irgendetwas mit dem Militär zu tun? Wohl kaum, genauso sind diese Leute nicht verantwortlich für die Amerikanische Regierung.

    einklappen einklappen
  • Richardo am 02.12.2012 09:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir sind nie zufrieden

    Es ist für die Bewohner oder für Jornaliesten e nie richtig wo man Hilft. Sagt ihr mir bitte, wie soll man alle betroffenen gleichzeitig helfen?? soll New York alles stilllegen und zuesrt helfen? oder sollen wir alle die arbeit niederlegen und helfen gehen?