MSF-Arzt in Syrien

25. November 2012 08:03; Akt: 25.11.2012 08:03 Print

«Zivilisten leiden mehr als jeder humanitäre Helfer»

von Kian Ramezani - Was treibt einen Arzt aus dem sicheren Berlin mitten ins syrische Kriegsgebiet? Chirurg Tankred Stöbe über unklare Fronten, Versorgungsengpässe und Momente der Hoffnung.

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Herr Stöbe, Sie haben im Spätsommer Ihr Leben aufs Spiel gesetzt, um in Syrien Verletzte zu behandeln. Warum verzichten Sie auf die Annehmlichkeiten Deutschlands, um in einem Kriegsgebiet zu arbeiten?
Tankred Stöbe: Wir bekommen heute mehr denn je mit, was in der Welt passiert. Die Bilder aus Syrien haben mich als Arzt sehr stark bewegt. Diese Lähmung, das Elend immer nur aus der Ferne zu sehen, kann ich nur aufheben, wenn ich dort hingehe und mithelfe. Es ist wichtig, möglichst nahe am Geschehen zu sein, denn kurze Wege können für die Verletzten über Leben und Tod entscheiden.

Würden Sie wieder hingehen?
Auf jeden Fall. Als humanitäre Nothilfe-Organisation wollen wir in diesem Krisengebiet arbeiten. Wenn es nicht so wäre, müssten wir uns fragen, wie relevant unsere humanitäre Motivation tatsächlich ist. Die Not in Syrien zu lindern, ohne die eigenen Mitarbeiter zu gefährden, bleibt aber natürlich ein Riesenspagat, den man nie wirklich überwindet.

Gibt es Mitarbeiter, die mit diesem Druck nicht umgehen können?
Das gibt es immer wieder. In Syrien setzen wir allerdings nur erfahrene Mitarbeiter ein. Jeder weiss, worauf er sich einlässt. Natürlich ist es dramatisch, in einem Kriegsgebiet zu arbeiten, wo die Dörfer verlassen und ganze Landstriche verwüstet sind. Es hilft, sich vor Augen zu halten, dass die Zivilbevölkerung viel mehr leidet als jeder humanitäre Helfer.

Mit welchen Verletzungen waren Sie in Syrien konfrontiert?
Zum einen mit Granatsplitter- und Schusswunden, die sofortige chirurgische Hilfe benötigen. Dann gibt es viele Verletzte aus dem Strassenverkehr, weil die Strassen sehr unsicher sind und es überhaupt keine Regeln mehr gibt. Die Menschen fahren zu schnell und nachts ohne Licht, um nicht zur Zielscheibe zu werden. Wir sehen auch viele schwangere Frauen, die in kein normales Spital mehr fahren können und einen Kaiserschnitt brauchen. Daneben gibt es chronisch Kranke wie Diabetiker, die keine Medikamente mehr bekommen.

Wie versorgen Sie ihre mobilen Spitäler mit Nachschub?
Momentan können wir nichts von dem, was wir in Syrien brauchen, auch in Syrien kaufen. Alles kommt über die Nachbarländer und unter sehr schwierigen Bedingungen über die Grenze. Wir sind in ständiger Sorge, dass unsere Vorratslager bombardiert werden und wir unsere Arbeit unterbrechen müssen.

Wie steht es mit sauberem Wasser?
Das Projekt, in dem ich war, liegt in einer Bergregion im Norden Syriens, wo Frischwasser im Moment noch kein Problem ist. Allerdings müssen wir mit Tanklastwagen arbeiten, da es keine zentrale Wasserversorgung mehr gibt. Seit Monaten ist auch die Stromversorgung unterbrochen. Das kann zwar mit Generatoren aufgefangen werden, doch Benzin ist ebenfalls sehr schwer zu bekommen und muss über die Grenze gebracht werden. Es gibt an jeder Ecke einen Engpass.

Ist die syrische Regierung über die Aktivitäten von Médecins Sans Frontières im Bild?
Als neutrale, unabhängige Organisation wollen wir auf allen Seiten eines Konflikts arbeiten. Das ist in Syrien derzeit schwierig. Wir versuchen seit Monaten vergeblich, bei den Behörden in Damaskus eine Arbeitsbewilligung zu bekommen. Daher ist es für uns momentan leichter, in Gebieten zu arbeiten, die von der Opposition kontrolliert werden. Trotzdem behandeln wir jeden, unabhängig, von welcher Seite er stammt.

Können Sie denn Rebellen und Regierungssoldaten im selben Spital behandeln?
Die Realität in Syrien wird immer komplexer. In über eineinhalb Jahren Konflikt verwischen die Grenzen zwischen Regierung und Opposition zunehmend. Trotzdem müssen sich die Menschen überlegen, auf welcher Seite sie stehen. Offizielle Krankenhäuser stehen nur Regierungs-Anhängern offen. Die anderen müssen in provisorisch eingerichteten Spitälern Zuflucht finden. Viele Verletzte sind ohnehin Zivilisten, die unverschuldet in die Schusslinie geraten sind.

Auf einem Bild (siehe oben) wird ein Regierungssoldat behandelt, der von Rebellen gefangen genommen wurde. Wird der Konflikt auch in Ihr Spital hineingetragen?
Für uns ist wichtig, dass wir die Krankenhäuser frei von Konflikt und auch frei von Waffen halten. Das müssen wir vor Ort immer wieder erklären. Schnell betrachtet die eine oder andere Seite ein Spital als ihr Eigentum. Wir müssen unsere Unabhängigkeit aufrechterhalten. In Afghanistan dauerte es Monate, bis akzeptiert wurde, dass wir keinerlei Waffen in unseren Spitälern dulden können.

Der Standort Ihrer Spitäler ist geheim und ändert sich auch ständig. Warum?
Laut Völkerrecht ist jede medizinische Einrichtung in einem Kriegsgebiet geschützt. Dieses Prinzip ist in Syrien völlig ausser Kraft gesetzt, ja sogar ins Gegenteil verkehrt worden: Spitäler, Ambulanzen und medizinisches Personal werden gezielt angegriffen. Das heisst für uns, dass wir unser Engagement sehr diskret halten müssen und zum Beispiel unsere Spitäler in Privathäusern aufbauen. Gleichzeitig müssen wir jederzeit bereit sein, zusammenzupacken und an einen sichereren Ort zu gehen.

Denken Sie auf der Intensivstation in Deutschland manchmal an Syrien?
Ja, jeden Tag. Die Eindrücke sind noch sehr lebendig und ich verfolge das Geschehen weiterhin auch über die Medien. Mein Mitleid mit den Menschen ist noch grösser geworden, weil ich selbst gesehen habe, was dort täglich passiert. Ich bin sehr dankbar, dass ich das erleben durfte aber auch, dass ich heil wieder zuhause bin.

Gibt es ein Erlebnis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Als wir nach anhaltendem Bombenbeschuss evakuiert werden mussten, kam eine ältere Frau zu uns. Sie erzählte, dass ihr Haus beschossen worden war und sie sich gerade noch retten konnte. Allerdings war sie gestürzt und hatte sich den Arm gebrochen. Wir versorgten sie notdürftig und schickten sie in eine andere Klinik. Im Nachbarland sah ich die Frau im Fernsehen wieder, sie hatte es in die Klinik geschafft. Neben den vielen tragischen Bildern war das ein kleiner Moment der Hoffnung, der zeigte, dass man in diesem schlimmen Konflikt überleben kann.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • keniboy am 25.11.2012 10:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Respekt!

    Hut ab für diesen man, und jeden menschen der sein eigenes leben riskiert um andere zu helfen!

  • H. Irniger am 25.11.2012 11:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lichtblick

    Ein wahrer Lichtblick unter all den anderen 20min-Artikeln! =) Super Sache!

  • Urs L. am 25.11.2012 17:19 Report Diesen Beitrag melden

    Eigennutz

    Klar ist es schön und gut. Aber der Herr Doktor macht dies nur aus Eigennutz. Er gewinnt an Erfahrung, Ansehen! und anderen zu Helfen macht einen selber Glücklich.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Urs L. am 25.11.2012 17:19 Report Diesen Beitrag melden

    Eigennutz

    Klar ist es schön und gut. Aber der Herr Doktor macht dies nur aus Eigennutz. Er gewinnt an Erfahrung, Ansehen! und anderen zu Helfen macht einen selber Glücklich.

    • Schneider Eva am 25.11.2012 17:55 Report Diesen Beitrag melden

      Eigennutz?!

      Glaubst Du ernsthaft, dass sich ein Mensch über Monate aus Eigennutz in Lebensgefahr begibt? Eine etwas suspekte Aussage. Die Ärzte, die nur einen Titel wollen, müssen hier bleiben und jeden Tag im Spital ihre Präsenz und Kompetenz demonstrieren.

    • christoph x. Sägesser am 25.11.2012 18:53 Report Diesen Beitrag melden

      stimmt

      ja es ist eigenutz! eigenutz selbst glücklich zu sein anderen in schweren zeiten geholfen zu haben. auch provitiert er an der erfahrung, die aber hart verdient ist, da er selbst wie jeder andere immer in gefahr ist auch angegriffen zu werden. wenn ärzte wie er nach ihren freiwilligen einsätzen auch respekt bekommen, so ist das ihr wahrer verdienst und auf jedem fall gerechtfertigt. ein solch humanitärer einsatz ist nicht das gleiche wie "in nigeria mitzuhelfen einen brunnen zu bauenund lebensmittelmarken zu verwalten zu verwalten" das ist gelebte menschichkeit!

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  • sh am 25.11.2012 15:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    respekt!!

    ich habe riesen respekt vor solchen mensche, die nicht wegschauen! vielen herzlichen dank herr doktor! das mit der alten frau hat mich sehr gerührt, dass er sie wieder im tv erkannt hat im nachbarland.. oh.. wann hört dieser mord endlich auf??? ein toller artikel von 20min. merci!

  • E.B. am 25.11.2012 15:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alle Achtung

    Solche Menschen braucht die Welt. Bin sehr berührt.

  • Ahmet am 25.11.2012 13:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke

    So Menschen machen mir Hoffnung ..

  • H. Irniger am 25.11.2012 11:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lichtblick

    Ein wahrer Lichtblick unter all den anderen 20min-Artikeln! =) Super Sache!