Zu Berlusconis Comeback

10. Dezember 2012 23:03; Akt: 11.12.2012 11:10 Print

«Zu Hilfe, er kommt zurück!»

Silvio Berlusconi will auf das politische Parkett zurückkehren. Sein Vorhaben erntet in europäischen Medien bissige, witzige und vor allem ungläubige Kommentare.

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Silvio Berlusconi übertrifft sich manchmal selber mit seinen Aussagen: Hier nur eine Auswahl von Originalzitaten seit 2001. Am 6. November 2013 äusserte sich Silvio Berlusconi zu seiner Verurteilung wegen Steuerbetrugs. «Ich ziehe es nicht einmal in Erwägung, Italien zu verlassen», sagte er. Doch seine Kinder würden unter seiner Verurteilung sehr leiden. «Sie behaupten, sie begreifen jetzt, wie sich die jüdischen Familien in Deutschland unter Hitler gefühlt haben müssen. Alle sind gegen uns», meinte er in einem gewagten Vergleich. Am 1. September 2011 wurde bekannt, dass Silvio Berlusconi in einem abgehörten Telefonat offen über sein Land geschimpft hatte: «Die Leute können sagen, dass ich vögle. Das ist das Einzige. In ein paar Monaten werde ich fortgehen und mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Ich verlasse dieses Scheissland, bei dem ich kotzen könnte.» Doch das war längst nicht der erste verbale Ausrutscher des Silvio Berlusconi. Am 6. April 2011 wurde ein Prozess gegen Silvio Berlusconi nach wenigen Minuten bereits wieder vertagt. Über die Vorwürfe reisst Berlusconi lieber Witze: «Ich habe Bunga Bunga als Marke patentieren lassen, damit ich es in allen Regionen Italiens benutzen kann.» Nach Medienberichten von Mitte Januar 2011 soll sich Silvio Berlusconi in Mailand und Rom einen ganzen Harem gehalten haben, der in seinen Wohnungen ohne Kontrolle ein- und ausgegangen sei. Der Premier reagierte darauf überrascht: «24 Geliebte? Da wäre ich besser als Superman.» Weil er eine hohe Arbeitsbelastung habe, schaue er hin und wieder schöne Frauen an und finde dies besser, «als schwul zu sein», sagte Berlusconi am 2. November 2010, als sich zwei junge Damen zu Wort meldeten und über Affären zum Cavaliere berichteten. Seine Beziehung zu den jungen Frauen sei «von Solidarität» geprägt gewesen, erklärte Berlusconi. «Ich sammle eine kleine Geschichte pro Tag ... und auch ein Mädchen pro Tag», so Berlusconi kurz nach seinem 74. Geburtstag am 29. September 2010. Ende Mai 2010 sorgte Silvio Berlusconi mit einem Zitat des faschistischen Diktators Benito Mussolini für Schlagzeilen: «Ich wage es, einen Satz von jemandem zu zitieren, der als grosser Diktator galt, nämlich Mussolini: Man sagt, dass ich Macht habe, aber es sind meine (Partei-)Hierarchien, die sie haben, ich kann nur sagen, ob mein Pferd rechts oder links geht.» Ende Januar 2010, kurz vor seiner Nahost-Reise, kritisierte der Italiener die israelische Siedlungspolitik: «Als Freund möchte ich dem Volk und der Regierung Israels, Hand aufs Herz, sagen, dass diese Politik ein Fehler ist.» «Ich stelle fest: Sie sind schöner, als sie intelligent sind»: Mit diesen Worten beleidigte Silvio Berlusconi am 7. Oktober 2009 die prominente Oppositionspolitikerin Rosy Bindi, als sie sich zum aberkannten Immunitätsgesetz Berlusconis äusserte. Wenige Tage zuvor hatte sich der Ministerpräsident nach der Aberkennung seiner Immunität als Justizopfer gesehen: «Ich bin der am meisten von der Justiz verfolgte Mensch aller Zeiten und in der ganzen Welt.» «Ich glaube ernsthaft, dass ich mit Abstand der beste Ministerpräsident bin, den Italien in seiner 150-jährigen Geschichte hatte», sagte Regierungschef Silvio Berlusconi am 10. September 2009. Zu den Medienangriffen rund um sein Privatleben sagte er: «Ich werde von einer Stierherde angegriffen, doch ich bin ein Stierkämpfer, der keine Angst hat.» Anfang September 2009 forderte er einen Maulkorb für EU-Sprecher: «Wir werden die EU blockieren, wenn nicht bestimmt wird, dass nur noch der Kommissionspräsident reden darf.» Zum Gerücht, er sei erkrankt, wollte Berlusconi Ende August keine Stellung nehmen. Nur so viel: «Ich bin nicht krank. Im Gegenteil: Ich bin Superman!» Berlusconi erklärt am 20. Mai 2009, warum Flüchtlinge sofort abgeschoben werden müssen: «Unsere Lager zur Identifikation sind Konzentrationslagern sehr ähnlich.» Wählerstimmen dank Showgirls? «Wir haben nur kompetente Frauen als Kandidatinnen gewählt. Meine Partei hat immer nur Frauen ins Parlament gehievt, die viel kompetenter als die Männer sind.» (6. Mai 2009) «Ich war einmal zu Besuch in Finnland. Wir haben früh am Morgen drei Stunden fahren müssen, um eine Holzkirche aus dem 18. Jahrhundert zu besichtigen. Bei uns hätte man so eine Kirche zerstört», sagte er am 6. Mai 2009. «Jetzt wird man behaupten, dass ich einen diplomatischen Streit mit Finnland auslösen will. Das stimmt nicht. Ich liebe die Finnen und die Finninnen, Hauptsache, sie sind älter als 18 Jahre», scherzte er weiter. Der Ministerpräsident verglich die Lage der obdachlos gewordenen Erdbebenopfer am 7. April 2009 in den Abruzzen mit einem Freizeitspass: «Man muss das nehmen wie ein Camping-Wochenende.» «Der argentinische Diktator ist seine Gegner losgeworden, indem er sie in einem Flugzeug mit einem Fussball in die Luft brachte und dann die Tür öffnete und sagte: Es ist ein schöner Tag, geht raus spielen.» (Februar 2009) Vergewaltigungen seien auch in einem Militärstaat nicht zu vermeiden, sagte Berlusconi in einer Diskussion. «Wir müssten so viele Soldaten haben, wie es in Italien schöne Frauen gibt.» «Ich habe ihm (Medwedew) gesagt, dass er (Obama) alles hat, um Vereinbarungen mit ihm zu erreichen: Er ist jung, ansehnlich und sogar gebräunt.» (November 2008) Berlusconi behauptet in einem Radio-Interview, er sei so gut in Latein, dass er «mit Julius Caesar zu Mittag essen könnte». (April 2008) «Ich habe zu viel Wertschätzung für die Intelligenz der Italiener, als dass ich denken könnte, dass es hier tatsächlich so viele Idioten gibt, die gegen ihre eigenen Interessen wählen.» (4. April 2006) «Ich bin der Jesus Christus der Politik.» (13. Februar 2006) «Nur Napoleon hat mehr erreicht als ich.» (11. Februar 2006) «Ob ich treu bin? Ich würde sagen, ich war oft treu.» (25. Januar 2006) «Einer wie ich, der 20'000 Milliarden auf dem Konto hat, muss sich mit Leuten wie euch herumschlagen! Ich werde euch Postkarten von den Bahamas schicken.» (17. Juli 2005) «Ich möchte hier noch einmal an die kommunistischen Attacken auf die Zwillingstürme erinnern ...» (21. Mai 2004) «Keiner meiner Minister ist so gut bestückt wie ich.» (29. Januar 2004) «Ihr seid Touristen der Demokratie.» (3. Juli 2003) «Herr Schulz, ich weiss, dass in Italien ein Produzent einen Film über die Konzentrationslager der Nazis dreht. Ich werde Sie für die Rolle des Kapo vorschlagen.» (2. Juli 2003) «Die Justiz ist ein Krebsgeschwür des Rechtsstaates, das wir ausrotten müssen.» (4. Oktober 2002)

Zum Thema
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«Man reibt sich die Augen», schreibt
die «Luzerner Zeitung», die den 76-Jährigen als «krankhaften Egozentriker» ausweist und die Berlusconis Comeback als «politische Verantwortungslosigkeit» bezeichnet.
«Berlusconi ist schlimmer als sein Klischee. Wenn man denkt, er sei endgültig entsorgt, ist er breit grinsend und selbstbewusst wie eh und je schon wieder da», nervt sich die «Berner Zeitung». Für sie ist er schlicht der «begnadetste Märchenonkel der westlichen Welt.»

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Auch der sonst so seriöse Deutschlandfunk tönt über den schönheitsoperierten «Cavaliere»: «Es ist wie im Gruselfilm: Die Untoten kehren zurück». Und die nicht minder ernsthafte «Süddeutsche Zeitung» bemüht mit «Und wieder grüsst ...» einen Hollywood-Klaumauktitel mit Bill Murray. «Spiegel Online» stöhnt auf: «Bitte nicht schon wieder!». Doch «Tagesschau.de» relativiert: Berlusconi sei der «Schwarze Mann» vor dem «hoffentlich niemand» mehr Angst habe.

Ironischer Respekt

Nicht minder scharfzüngig gehen die französischen Nachbarn mit dem «Cavaliere» ins Gericht. «Jedermann dachte, er sei endgültig am Ende, politisch tot, beinahe begraben ... doch: Zu Hilfe, er kommt zurück!», so der Kommentator von der «Nouvelle République du Centre-Ouest». Die «Libération» zeichnet ebenfalls das Bild des Untoten, der sich wieder aus dem Erdreich an die Oberfläche gräbt und zollt dem «immerwährenden Schauspieler» ironisch Respekt.

Die witzigen Einstiege aber machen der Sorge um die Zukunft Italiens Platz. So rechnet zwar niemand damit, dass es in Italien jemals wieder einen Ministerpräsidenten Berlusconi geben werde. Gleichwohl bereiten die Folgen von Berlusconis Störaktionen so manchem Kopfzerbrechen.

Antideutschenhetze und verschärfte Eurokrise

Nicht nur, dass Berlusconis losgetretene politische Unsicherheit in Italien die Vertrauensarbeit der Technokraten-Regierung von Mario Monti wieder zunichte machen könnte – schon jetzt sind die Risikoaufschläge auf italienische Staatsanleihen gestiegen und die politischen Unsicherheiten drücken auf die europäischen Leitindizes. Ein Italien, das erneut zum Spielplatz für Spekulanten wird, verschärft die Eurokrise drastisch.

Auch die antieuropäische und vor allem antideutsche Hetze, die Berlusconi und seine Populisten verbreiten und die beim vom Sparkurs gebeutelten und zunehmend wütenden Volk zunehmend ankommt, beunruhigt.

Eitelkeit als Hoffnung

Ob Italien auf (Spar-)Kurs bleiben und Europa mit weiteren Reformen und Sanierungen stützen wird, wird sich im Frühjahr 2013 bei den Parlamentswahlen zeigen. Zum Bedauern der europäischen Staatschefs ohne Mario Monti als Kandidaten. Immerhin bleibt die Hoffnung, dass die miserable Umfragewerte seiner Partei PDL den eitlen Berlusconi von einem Wahlantritt abhalten könnten.

Zum Video: Angela Merkel und Nicolas Sarkozy auf einer Pressekonferenz des Eurozonen-Gipfels im Oktober 2011. Beide hatten nachdrücklich gefordert, dass Italien weitere Reformanstrengungen unternehmen müsse, um den Schuldenstand des Landes abzubauen. Auf die Frage nach der Reaktion des italienischen Regierungschefs, reagierten die beiden unmissverständlich.

(gux)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Lestat am 11.12.2012 09:17 Report Diesen Beitrag melden

    Einfache Schuldzuweisungen

    Es scheint einfach zu sein, den Griechen, Spaniern, Italienern etc. weiszumachen, die EU oder Madame Merkel sei schuld daran, dass man seit Jahren mehr ausgibt als man einnimmt, dass überfällige Reformen auf dem Arbeitsmarkt NICHT durchgeführt oder so verwässert werden, dass es nichts mehr bringt etc. etc. - dabei wird leicht übersehen, dass es im Süden Europas auch ohne EU nicht mehr so gehen würde wie bisher. Leider haben sich diese Länder wegen den ehemals günstigen EURO-Krediten lange Jahre ein Leben auf Pump leisten können. Ohne EURO wäre dies zugegebenermassen nicht möglich gewesen...

  • Markus am 11.12.2012 05:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verstehe einer Italien!

    Ich bin zwar Italienfan, doch in dieser Sache kann ich Italien nicht verstehen. Da müsste sich das Volk aber bös wehren dagegen. Auf die Strasse gehen, so wie die Ägypter. Dieser Mann gehört nicht an die Spitze eines Landes. Schon eher hinter Gitter.

  • Peter am 11.12.2012 06:56 Report Diesen Beitrag melden

    jedes Land

    hat die Regierung die es verdient. Das ist bei uns nicht anders.

Die neusten Leser-Kommentare

  • chosen one am 11.12.2012 22:14 Report Diesen Beitrag melden

    Cia0 Italia

    Die Italiener haben es in der Hand. Das ist der Anfang vom Ende. Wenn die den Cavalliere nochmal wählen, heisst es wohl endgültig Ciao Italia

  • frank am 11.12.2012 17:12 Report Diesen Beitrag melden

    zurück zur demokratie

    ein gutes hat das ganze, der nicht gewählte monti ist weg und das italienische volk ist wieder selbst für ihren untergang oder aufstieg verantwortlich

  • Umberto T. am 11.12.2012 16:05 Report Diesen Beitrag melden

    Viva Berlusconi

    Nur Berlusconi kann mit seiner Erfahrung Italien vor dem Untergang retten. Er hat die Weitsicht, welche ein Linker nie haben wird. Darum, viva Italia, viva Berlusconi!

  • Lukas am 11.12.2012 13:56 Report Diesen Beitrag melden

    Jedem das was er verdient!

    wie heisst es doch, jedes Volk hat die Regierung die es verdient. Meines Wissens hat Italien ein demokratisches Politsystem. Wenn er wieder gewählt wird vertritt er somit eine Mehrheit!

  • Jackmans am 11.12.2012 12:49 Report Diesen Beitrag melden

    Armes Italien....

    Wenn Italiener wirklich diesen selbstverliebten Cavaliere wählen, dann ist ihnen wirklich nicht mehr zu helfen. War es nicht Berlusconi, der für die Misere in Italien hauptverantwortlich war? War es nicht Berlusconi, der dem Schlammassel Vorschub leistete? Wie kann man ernsthaft dran denken, so einen Egozentriker, dessen Interesse mehr der eigenen Schönheit u jungen Frauen gilt, als dem eigenem Land, wieder zu wählen. Sorry, Italia, aber damit schreibt ihr euer eigenen Untergang.